Schuldgefühl Händewaschen reinigt das Gewissen

Wer sich an eine moralisch verwerfliche Tat erinnert, gleicht das mit Händewaschen oder Hygienetüchern aus. Psychologen fanden heraus: Die Verbindung zwischen Reinlichkeit und reinem Gewissen ist so stark, dass etwas Wasser sogar Verpflichtungen gegenüber anderen wegputzen kann.


Nach dem Todesurteil über Jesus von Nazareth wäscht sich Pontius Pilatus die Hände - "in Unschuld", wie es in den Sprachgebrauch übergegangen ist. Shakespeares Lady Macbeth verzweifelt, als die Spuren des Königsmords nicht von ihren Händen verschwinden wollen: "Wer hätte gedacht, dass der alte Mann soviel Blut in sich hatte? Wollen diese Hände niemals sauber werden?" Christen lassen sich mit Wasser taufen. Muslime kennen die rituelle Fußwaschung vor dem Gebet. Hindus steigen zur rituellen Reinigung in den schmutzigen Ganges. Wenn es nach Literatur und Mystik geht, ist der Zusammenhang zwischen Seele, Gewissen und Reinwaschung längst eine Tatsache.

Nun haben Wissenschaftler im Experiment gezeigt, dass es tatsächlich einen psychologischen Zusammenhang zwischen der Erleichterung des Gewissens und dem Drang sich zu Waschen gibt. In drei unterschiedlichen Versuchen baten sie Freiwillige zum Test.

Studenten wurden als Versuchspersonen in zwei unterschiedliche Gruppen aufgeteilt und gebeten, sich entweder eine moralisch einwandfreie oder eine verwerfliche Tat aus ihrer Vergangenheit in Erinnerung zu rufen und von Hand aufzuschreiben. Anschließend durften sie sich ein Geschenk aussuchen - entweder ein antiseptisches Tuch oder einen Bleistift. Die Testpersonen mit einer moralisch problematischen Erinnerung wählten statistisch deutlich häufiger das Reinigungstuch aus.

Feuchttüchlein gegen schlechtes Gewissen

In einer Abwandlung des ersten Experiments baten die Psychologen wieder Testpersonen, an moralisch betrachtet unproblematische oder bedenkliche Erlebnisse zu denken. Danach mussten sie Wortteile zu sinnvollen Wörtern ergänzen. Dabei war es bei der Hälfte der Wörter möglich, sowohl einen die Reinheit betreffenden Begriff als auch ein anderes Wort zu bilden. So konnten etwa die Buchstaben "w _ _ h" zu "wash" (waschen) oder zu "wish" (wünschen) ergänzt werden. Eindeutiges Ergebnis: Menschen mit einer unmoralischen Erinnerung bildeten häufiger reinheitsbezogene Begriffe als ihre Versuchskollegen.

Ein dritter Test sollte zeigen, dass Waschen als Gewissensreinigung sogar Auswirkungen auf moralische Verpflichtungen gegenüber anderen haben kann: Wieder sollten Testteilnehmer an ein Ereignis aus der Vergangenheit denken. Ein Teil von ihnen wurde anschließend unter einem Vorwand dazu gebracht, sich die Hände zu waschen. Man sagte ihnen, das Experiment sei beendet.

Als die Forscher ihre Testpersonen dann aber scheinbar zusammenhangslos fragten, ob sie für einen fremden Studenten in einer ganz anderen Studie für dessen Abschlussarbeit einspringen könnten, erklärten sich jene weit seltener dazu bereit, die sich zuvor gewaschen hatten.

Psychologischer Hintergrund religiöser Bräuche

In der Wissenschaftszeitschrift "Science" (Bd. 313, S. 1451) folgern Chen-Bo Zhong von der University of Toronto und Katie Lilienquist von der Northwestern University in Chicago: Händewaschen kann weit mehr sein als Dreckentfernung und Schutz vor Bakterien und Viren.

Viele Menschen empfänden die Handlung auch als Befreiung von einem schlechten Gewissen. Dies lasse auf eine in vielen Menschen verankerte Verbindung zwischen körperlicher und moralischer Reinheit schließen, schreiben die Wissenschaftler - eine mögliche Erklärung dafür, warum die körperliche Reinigung seit Jahrtausenden ein wichtiger Bestandteil vieler religiöser Bräuche ist.

stx/ddp/dpa

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