DNS-Untersuchung Berühmter Wikinger-Krieger war eine Frau

Bärtige, böse, behelmte Berserker: Wikinger werden gemeinhin als brutale Machos dargestellt. Falsch, zeigt ein überraschender Fund: Frauen kämpften kräftig mit - zuweilen als hochrangige Heerführerin.
Nachgespielte Wikingerattacke auf Torres del Oeste, Spanien: Stürmten da auch Kriegerinnen?

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Foto: DPA

Manchmal lohnt es sich, noch einmal genauer hinzuschauen: Ein Forscherteam der Universität Stockholm sorgt mit DNS-Untersuchungen an einem seit 139 Jahren bekannten Skelettfund für Aufsehen. Die bisher als mächtiger Wikingerführer verbuchte Leiche erwies sich als Frau. Das Grab einer mächtigen Wikingerführerin.

Im Jahre 1878 bemerkten Archäologen auf der schwedischen See-Insel Björkö eine leichte Vertiefung im Boden. Sie gruben dort nach den Überresten von Birka, das Anfang des 8. Jahrhunderts als eine der größten Wikingersiedlungen überhaupt galt. Über die nächsten Jahrzehnte sollte der Boden mehr als 3000 Gräber freigeben. Rund 1100 wurden bis heute geöffnet, doch spektakulärer als die Leiche in Grab Bj 581 sollte kaum ein Fund sein.

Denn die Ausgräber fanden ein Kammergrab, das dazu beitrug, unser Bild vom Wikingerkrieger zu prägen. In der 3,5 mal 1,80 Meter großen Kammer lag in gekrümmter Haltung ein Skelett. Der Leichnam war mit seinen Waffen beerdigt worden: Ein mächtiges Langschwert lag zur Linken, rechter Hand eine nicht minder schwere Kampfaxt.

Nicht nur ein Speer, Pfeile, ein Messer, zwei Schilde und ein paar Steigbügel komplettierten das persönliche Arsenal dieser offenkundig nicht unwichtigen Person. Man hatte sie auch zusammen mit zwei Pferden beerdigt. Eine Stute und ein Hengst lagen in einer kleinen Koppel am Fußende des Grabes gedrängt, als Grabbeigabe geschlachtet.

139 Jahre lang galt die Leiche aus Grab Bj 581 als mächtiger Wikingerkrieger. Der Reichtum und die Vollständigkeit der Ausrüstung, schlussfolgerten zahlreiche Wissenschaftler, sei ein Zeugnis dafür, dass der Bestattete von hohem Rang war - mindestens ein hochrangiger militärischer Anführer. Er war bestattet worden, als solle er gleich wieder auferstehen und auf seinen Schlachtrossen reitend in den Kampf ziehen.

Fund stellt Vorstellungen von der Wikinger-Gesellschaft in Frage

Dann kam eine Gen-Sequenzierung und mit ihr eine neue Sicherheit: Dieser Krieger, berichtete nun ein zehnköpfiges Forschungsteam der Universität Stockholm im Fachblatt "American Journal of Physical Anthropology ", war definitiv eine Frau.

Was vor Jahrzehnten noch für Irritationen gesorgt hätte, weckt unter Wissenschaftlern heute eher Begeisterung. Seit Langem ist bekannt, dass Frauen in der oft martialischen Organisation der Wikingergesellschaft hohe Ränge bekleiden konnten. Auch davon, dass es Wikinger-"Schildmaiden" gegeben habe, kann man in den überlieferten Sagen und Legenden der Wikinger hier und da lesen.

Voll ausgerüstet ins Nachleben: Grabfund Bj 581, gezeichnet von Evald Hansen (1889)

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Foto: Evald Hansen

Trotzdem gilt die Existenz einer regulären, wirklich bewaffnet kämpfenden Kriegerinnenkaste nach wie vor als umstritten: Im Notfall mit Schwert, ansonsten am Herd, so die bisher gängigste Vorstellung.

Denn bisher wurden nur einige wenige Kriegerinnen gefunden, die man mit ihren Waffen begraben hatte. Noch nie zuvor aber machte ein Grabfund klar, dass eine Kriegerin in der militärischen Hierarchie der Wikinger eine derart leitende Position ausfüllen konnte wie die Tote aus Grab Bj 581.

Es waren osteologische Untersuchungen gewesen, die zur Gen-Analyse der Toten führten: Ihr Skelett schien weibliche Merkmale aufzuweisen, die das Geschlecht der begrabenen Person in Frage stellten. Die DNS-Untersuchung bestätigte den Verdacht.

Im Rahmen der Untersuchung glich die Forschergruppe das Genom der Kriegerin auch mit heutigen Gen-Samples verschiedener Herkunft ab. Verwandtschaftliche Nähe ergab sich dabei zu Bewohnern des heutigen, südlichen Schwedens, aber auch mit Bewohnern Englands und Schottlands, Islands und der Orkneys, Dänemark und Norwegens sowie in geringerem Maße mit modernen Litauern und Letten.

Das zeitweilig von bis zu 1000 Menschen bewohnte Birka galt im 8. Jahrhundert als wichtiges Handelszentrum. Mit allen Regionen, in denen Wikinger damals aktiv waren, wurden Kontakte gepflegt - eine Einschätzung, die sich in den festgestellten genetischen Verwandtschaftsgraden spiegelt.

Wikingerfest in York, England: Martialische, marodierende Männer-Meute?

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Foto: Danny Lawson/ dpa

Die Forscher ziehen aus der offenkundig hochrangigen Position der Begrabenen in der Krieger-Hierarchie den Schluss, dass kämpfende Frauen in der nordischen Gesellschaft häufiger, selbstverständlicher und geschätzter gewesen sein könnten, als bisher gedacht.

Mit Hilfe von Radio-Isotop-Untersuchungen konnten die Forscher der Uni Stockholm zudem nachweisen, dass die Kriegerin aus Grab Bj 581 "mobil" gewesen war - sie war in ihrer damaligen Welt herumgekommen.

Die Wissenschaftler werten das als weiteres Indiz dafür, dass die Tote eine aktive Kriegerin war - und nicht etwa nur aufgrund eines gesellschaftlichen Ranges oder einer familiären Herkunft mit martialischen Grabbeigaben bestattet wurde. Darauf deutet auch hin, was ihrem Grab völlig fehlt: Man fand absolut nichts geschlechtsspezifisch "weibliches" - wer auch immer sie war, sie war offenbar vor allem Kriegerin.

Unser Bild der kriegerischen Wikinger-Gesellschaft ist stark von Vorstellungen einer martialischen Männergesellschaft geprägt. Dass sich nun ausgerechnet das Grab eines vermeintlich männlichen Heerführers als Kriegerinnengrab erweist, stellt das in Frage.

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