Tönnies-Skandal Schweine, die nicht sterben dürfen

Deutschlands größter Schlachthof ist dicht, Hunderttausende Mastschweine warten zusammengepfercht auf den Tod. Und es werden immer mehr.
Schweine in einem Stall: 0,75 Quadratmeter Platz pro Tier

Schweine in einem Stall: 0,75 Quadratmeter Platz pro Tier

Foto: Monty Rakusen/ Getty Images

Seit gut zwei Wochen steht im Hauptsitz von Deutschlands größtem Schlachtbetrieb für Schweine alles still. Im Tönnies-Werk in Rheda-Wiedenbrück werden nach Angaben der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN) eigentlich zwischen zwölf und 14 Prozent der deutschen Schweine geschlachtet. Doch bis mindestens 17. Juli bleibt der Standort wohl weitgehend dicht, weil sich zahlreiche Mitarbeiter mit dem Coronavirus angesteckt hatten.

Am Mittwochabend hieß es, dass lediglich Mitarbeiter der Verwaltung das Werkgelände wieder betreten dürften. Um wie viele Menschen es sich handelt, ist noch unklar.

Der Lockdown bei Tönnies hat nicht nur für die teils infizierten Mitarbeiter und den Betrieb Folgen. Die gesamte Produktionskette für Schweinefleisch in Deutschland könnte aus dem Tritt geraten, wenn zum Schlachtgewicht gemästete Tiere über längere Zeit in den Ställen stehen bleiben. Dort wird es immer enger, den Tieren droht ein Kreislaufkollaps. Das ist allerdings nicht alles.

"Die gesamte Schweinefleischproduktion ist sehr eng getaktet. Im Grunde handelt es sich um ein Just-in-time-Geschäft", sagt Nicole Kemper vom Institut für Tierhygiene, Tierschutz und Nutztierethologie an der Tierärztlichen Hochschule Hannover. Gehe es bei den Mastbetrieben am Ende der Produktionskette nicht voran, entstünde an allen Stationen vor dem Schlachter ein Rückstau.

Gut eine Million Schweine werden pro Woche geschlachtet

Das beginnt bei den Ferkelzüchtern. Nach der Befruchtung der Sauen kommen knapp vier Monate später die Jungtiere zur Welt. Ist die Säugezeit vorbei, werden sie zunächst einige Wochen aufgezogen und anschließend in einem anderen Betrieb gemästet. Ein Ferkel, das jetzt bereit zur Mast ist, wurde vor etwa einem halben Jahr gezeugt, wird nun aber nicht gebraucht.

"Die Plätze in den Mastbetrieben sind im Grunde immer besetzt. Sobald eine Ladung Tiere zum Schlachter abtransportiert wurde, wird der Stall gereinigt und nach etwa einer Woche kommen neue Ferkel hinein", sagt Kemper. Nehme niemand den Landwirten die Schweine ab, werde es immer enger in den Ställen. Auch die Ferkelzüchter blieben dann irgendwann auf ihren Tieren sitzen.

55 Millionen Schweineschlachtungen pro Jahr

Dabei geht es um viel mehr als nur ein paar Hundert Schweine. Der Markt ist gewaltig. Nach Einschätzung der ISN können durch die Schließung des Schlachthofes in Rheda-Wiedenbrück derzeit 70.000 bis 100.000 Schweine pro Woche nicht wie geplant geschlachtet werden. Experten sind sich uneins, wie problematisch die aktuelle Lage ist.

"Unter normalen Umständen werden hierzulande jedes Jahr ungefähr 55 Millionen Schweine geschlachtet", sagt Eberhard von Borell vom Institut für Agrar- und Ernährungswissenschaften der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Das entspricht mehr als einer Million pro Woche. "Von den 70.000 derzeitig nicht wie geplant geschlachteten Tieren werden sicherlich etliche an andere Schlachthöfe geliefert, sodass ich davon ausgehe, dass es vorerst nur in Einzelfällen zu Platzproblemen in Ställen kommt."

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Ähnlich sieht es ISN-Marktexperte Matthias Quaing. Eine öffentliche Aussage des Verbandsmannes vom Mittwoch deutet aber durchaus darauf hin, dass das Tierwohl in der Branche sinken könnte. Betrieben mit Platzproblemen hat er am Mittwoch vorgeschlagen, sich vorübergehend aus Programmen wie der "Initiative Tierwohl" abzumelden. Darin müssen Schweinehalter den Tieren etwa zehn Prozent mehr Platz einräumen als gesetzlich vorgeschrieben.

Quaing geht davon aus, dass derzeit ungefähr die Hälfte der Schweine, die eigentlich nach Rheda-Wiedenbrück transportiert werden sollten, bei anderen Schlachtbetrieben getötet und verarbeitet werden. Außerdem müssten derzeit zwischen 10.000 und 20.000 weniger Schweine aus den Niederlanden in Deutschland geschlachtet werden, was ebenfalls Kapazitäten freigebe. "Der Druck verteilt sich", sagt er.

Die Bundestierärztekammer sieht die Lage kritischer: "Fehlende Schlachtkapazitäten durch andere Standorte zu kompensieren, ist nur schwer möglich", schreibt sie in einer Pressemitteilung . Durch Hygienemaßnahmen und Abstandsregeln könnten viele Schlachtbetriebe ihre Kapazitäten derzeit auch bei gutem Willen nicht ausschöpfen oder hochfahren. "Es ist zu erwarten, dass sich die Lage weiter zuspitzt."

Gefahr für Kreislaufkollaps

Der Platz für Mastschweine ist ohnehin knapp bemessen. Tieren mit einem Gewicht von 50 bis 110 Kilogramm stehen per Gesetz 0,75 Quadratmeter Bodenfläche zu. Ist das Platzangebot in einem Betrieb im Normalfall bereits ausgeschöpft, konterkariert bereits ein einziges zusätzliches Tier die Auflagen. Hinzu kommt, dass die eigentlich für die Schlachtung gedachten Tiere weiter an Gewicht zulegen. Ab 110 Kilogramm steht ihnen ein Quadratmeter Fläche zu.

"Schweine sind ohnehin anfällig für hitzebedingte Kreislaufprobleme, weil sie fast nicht schwitzen können", sagt Kemper. Bei normaler Stallbesetzung und milden Temperaturen sei das kein Problem. Würden die Ställe aber zu voll, seien die Lüftungsanlagen bei Hitze nicht mehr in der Lage, die Abwärme der Tiere schnell genug abzutransportieren. Warmes Sommerwetter könne dann dazu führen, dass die Tiere kollabieren und in der Folge sterben. Auch die Bundestierärztekammer verweist auf dieses Risiko.

Laut Kemper wird bei einer Überbesetzung auch Konkurrenz um Ressourcen zum Problem. Zwischen den Schweinen könne es zu Auseinandersetzungen an den Futter- und Wasserstellen kommen, was Stress verursache. Hinzu kommt, dass die Transportwege länger werden, wenn Landwirte auf Schlachthöfe in anderen Regionen oder gar im Ausland ausweichen. "Ich sehe hier eine klare Tierschutzrelevanz." Zudem verursachten längere Transportwege höhere Kosten für die Landwirte.

Ältere Mastschweine zu groß für viele Schlachthöfe

Auch die Möglichkeiten, die Tiere erfolgreich zu verkaufen, schwinde mit der Zeit. "Viele Schlachthöfe sind nicht auf die Schlachtung schwererer Tiere ausgerichtet", sagt Kemper. Deren Schlachtkörper passten nicht auf die Standardmaße am Fließband. Zudem sei das Fleisch größerer Tiere fettiger und entspreche damit nicht der Industrienorm. Landwirte bekämen weniger Geld dafür.

Eine Zeit lang könnten Landwirte die Überbelegung kompensieren, indem sie überschüssige Tiere in zuvor ungenutzte Ställe setzen, sagt Kemper. "Aber auf längere Zeit ist das ein Riesenproblem für Tiere und Landwirte." Tiere zu töten, weil kein Platz oder kein Käufer da ist, hält sie für nicht mit dem Tierschutzgesetz vereinbar und zugleich für eine wirtschaftliche Katastrophe.

"Langfristig müssen wir uns mit Blick auf unseren Konsum die Frage stellen, ob wir die Schweinefleischproduktion im bisherigen Ausmaß und in der Konzentration auf wenige große Schlachtunternehmen wirklich brauchen und wollen. Kurzfristig müssen schnell Lösungen für Landwirte und Tiere in der aktuellen Situation gefunden werden."

Mit Material von dpa
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