Selbstlosigkeit Wenn das Ego in den Schatten tritt

Helfen Tiere einander, denken sie zuerst an die Verwandtschaft. Beim Menschen dagegen gibt es echte altruistische Motive - selbst wenn am Ende, so die Ergebnisse aktueller Laborexperimente, oftmals eine selbstsüchtige Minderheit die Harmonie zerstört.

Von Alexander Stirn


Familienfrieden: Beim menschlichen Altruismus zählt nicht nur die Verwandtschaft
DDP

Familienfrieden: Beim menschlichen Altruismus zählt nicht nur die Verwandtschaft

Auch im Tierreich gibt es Nachbarschaftshilfe: Viele Vogelarten passen, wenn sie selbst gerade keinen Nachwuchs aufzuziehen haben, auf die Sprösslinge der anderen Mitglieder ihrer Kolonie auf - obwohl das ihnen auf den ersten Blick überhaupt nichts bringt. Weder können die Tiere auf diese Weise ihr Erbgut an die nächste Generation weitergeben, noch werden sie satt oder anderweitig belohnt.

Altruismus, eine selbstlose und durch Rücksicht auf Andere gekennzeichnete Art des Handelns, scheint selbst unter Tieren weit verbreitet zu sein - in einer Welt, die eigentlich vom harten Kampf um kleine evolutionäre Vorteile bestimmt ist. Doch ganz so selbstlos wie es aussieht, ist das Verhalten meist gar nicht, wie britische Biologen jetzt im Fachmagazin "Science" schreiben.

Auf der Suche nach den Auslösern der Hilfsbereitschaft haben Ashleigh Griffin und Stuart West von der University of Edinburgh Daten zu 18 Vogel- und Säugetierarten, die ihren Nachwuchs gemeinsam aufziehen, gesammelt und neu ausgewertet. Erst durch die Kombination der existierenden Studien kristallisierte sich ein deutlicher Trend heraus.

Demnach sind die tierischen Babysitter umso hilfsbereiter, je näher sie mit den ihnen anvertrauten Jungtieren verwandt sind. Auf diese Weise können sie zwar nicht für die Verbreitung des eigenen Erbguts sorgen, sehr wohl aber für das der Sippe. Besonders wählerisch sind die tierischen Ammen bei Arten, die sehr stark auf die effektive Mithilfe der Gemeinschaft angewiesen sind.

Unerlässlich für das Zusammenleben

Kapuzineraffen im Altruismus- Experiment: Auch Primaten mögen keine Ungerechtigkeiten
Frans de Waal/ Emory University

Kapuzineraffen im Altruismus- Experiment: Auch Primaten mögen keine Ungerechtigkeiten

Auch bei selbstlosen Menschen spielt die Sorge um die Verwandtschaft eine Rolle - ansonsten geht der Altruismus beim Homo sapiens aber sehr weit über die tierischen Vorbilder hinaus, meinen Ernst Fehr und Urs Fischbacher von der Universität Zürich.

Die empirischen Wirtschaftsforscher definieren altruistisches Handeln dabei als eine kostspielige Tat, die dem Gegenüber ökonomische Vorteile bringt. "Die Interaktion zwischen Altruisten und selbstsüchtigen Individuen ist unerlässlich für das menschliche Zusammenleben." Abhängig von äußeren Einflüssen kann eine Minderheit von selbstlosen Menschen die egoistische Mehrheit zur Kooperation zwingen. Einige wenige Egoisten können aber auch ein lange Zeit funktionierendes altruistische System aus der Balance bringen.

Geld oder Strafe?

Im Unterschied zu Tieren sind viele Menschen bereit, so Fehr und Fischbacher, anderen zu helfen. Sie versprechen sich Vorteile für die Zukunft - Vorteile in Form eines guten Rufes oder profitabler Tauschgeschäfte. Zugleich haben die Menschen aber auch eine Tendenz, andere Individuen zu bestrafen, und zwar selbst dann, wenn dies für sie Kosten verursacht.

Mutter Teresa: Symbol für Selbstlosigkeit
REUTERS

Mutter Teresa: Symbol für Selbstlosigkeit

In einem klassischen Experiment zur altruistischen Bestrafung müssen sich zwei Versuchspersonen einen bestimmten Geldbetrag teilen: Proband A bekommt das Geld und bietet Proband B einen bestimmten Teil davon an. Stimmt B zu, kommt der Deal zustande. Lehnt B ein zu geringes Angebot ab, bekommt keiner der beiden Geld. Würde Proband B, wie zu erwarten wäre, nur an sich selbst denken, wäre er mit jedem Betrag zufrieden. In den Experimenten hat sich jedoch gezeigt, dass er bei Anteilen unter 25 Prozent meist widerspricht - um dem unfairen Probanden A eine Lektion zu erteilen, auch wenn er dann selber leer ausgeht. Selbst unter Affen ist diese Art der selbstlosen Bestrafung verbreitet, wie jüngst eine Aufsehen erregende Studie ergab.

"Selbst außenstehende Individuen, die persönlich gar nicht von dem unfairen Verhalten betroffen sind, zeigen altruistische Bestrafungen", sagen die Wirtschaftsforscher. Kann beispielsweise ein Beobachter der Tauschszene zwischen A und B sein eigenes Geld dafür ausgeben, um Proband A bei einer ungerechten Verteilung zu bestrafen, macht er das in 55 Prozent aller Fälle.

Je größer die Gruppe wird, desto stärker rückt der eigene Ruf in den Mittelpunkt: In Experimenten haben die Forscher gezeigt, dass Individuen, die sich selbst durch vorbildliches Handeln keinen guten Ruf erwerben können, nur in 37 Prozent der Fälle helfen. Lässt sich die Reputation dagegen verbessern, klettert die Quote auf 74 Prozent. Die Bereitschaft zur Zusammenarbeit steigt noch stärker, wenn ein erneutes Treffen zu einem späteren Zeitpunkt wahrscheinlich ist.

Schmarotzer sprengen jede Gemeinschaft

Steht in großen Gruppen das Allgemeinwohl im Mittelpunkt, steuern die Individuen dazu im Schnitt 40 bis 60 Prozent ihres Besitzes bei - obwohl sie das nicht müssten. Sobald das Experiment wiederholt wird, sinkt dieser Anteil deutlich. Schnell erkennen die Menschen, dass es sich einige wenige auf Kosten der Allgemeinheit gut gehen lassen und selbst gar nichts beitragen. Theoretisch, das haben Berechnungen gezeigt, strebt daher in jeder Gruppe die Kooperation gegen Null, sobald sich eine kleine selbstsüchtige Minderheit bildet.

Doch warum gibt es überhaupt altruistische Belohner und Bestrafer? Theorien, die allein auf Vererbung aufbauen, können viele Aspekte der Selbstlosigkeit nicht erklären. Offensichtlich spielen, so die Forscher in "Nature", kulturelle und soziale Aspekte im Laufe der Evolution eine wichtige Rolle. Im Wettbewerb mit nicht-kooperativen Gruppen haben selbstlose Gemeinschaften klare Vorteile. Dabei ist altruistische Bestrafung allerdings von entscheidender Bedeutung.

Die entwicklungsgeschichtliche Rolle selbstloser Belohnungen bleibt dagegen unklar. Fehr und Fischbacher hoffen daher, dass aus den sehr wohl existierenden theoretischen Modellen zur Evolution des Altruismus schon bald klare Schlussfolgerungen abgeleitet werden, um diese - ganz selbstlos - in der Praxis zu testen.



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