Selbstmach-Mumien Schüler präparieren Hühner für die Ewigkeit

Wie bringt man Schülern etwas über die altägyptische Technik der Mumifizierung bei? Man lässt sie es selber ausprobieren. Im US-Bundesstaat Wisconsin präparieren Siebtklässler Geflügel für die Reise ins Jenseits.


Die Hühner in Greenville (US-Bundesstaat Wisconsin) haben es vergleichsweise gut. Denn mit etwas Glück gelangen sie zwar kopflos, aber ansonsten fast unversehrt ins Jenseits. Jedenfalls wenn sie in die Hände der Siebtklässler der Greenville Middle School gelangen. Dort steht "Mumifizierungstechnik der alten Ägypter" auf dem Lehrplan von Lehrer Dave Moe. Und da Hühner billige und leicht zu beschaffende Anwärter auf lang währende Unversehrtheit sind, enden jedes Jahr etwa 20 von ihnen in liebevoll gestalteten Sarkophagen - sorgsam in Mullbinden gewickelt .

Schülerprojekt Hühnermumie: "Zimt funktioniert am allerbesten"
The Post-Crescent / Kirk Wagner

Schülerprojekt Hühnermumie: "Zimt funktioniert am allerbesten"

"Das einzige, was die Kinder an dem Projekt nicht mögen, ist, dass sie so lange warten müssen, bis die Mumien fertig sind", sagt Dave Moe im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Acht Wochen dauert es, bis die Hühner bereit sind für die Reise in die Ewigkeit. Wenn der Schlachter des kleinen Städtchens im Mittleren Westen der USA sie liefert, haben sie keinen Kopf mehr, aber die Eingeweide noch in einem separaten Säckchen im Körper. Die müssen die Schüler zunächst entfernen, um sie später in separaten kleinen Krügen, den sogenannten Kanopen, einzulegen.

Dann gilt es, die Vögel von außen und innen zu waschen und anschließend sorgfältig mit Papierhandtüchern trocken zu tupfen. Jeweils fünf Schüler sind für ein Huhn zuständig, das Projekt ist eine Gruppenarbeit - genau wie im alten Ägypten. Das Mumifizieren von Tieren ist nicht ungewöhnlich, wie derzeit auch eine Ausstellung im Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim zeigt.

Erste Station der Hühner ist ein verschließbarer Gefrierbeutel mit einem Fassungsvermögen von einer Gallone (3,8 Liter). Darin finden die Tiere bequem Platz, üppig mit Salz gefüllt und umhüllt. Das zieht ihnen die Flüssigkeit aus dem Gewebe. Und dann heißt es zum ersten Mal: warten. Die Hühner kommen in einen kleinen Schrank am Ende des Flurs und dürfen dort eine Woche lang ruhen. In der Zwischenzeit müssen die Schüler Tagebuch führen, geschrieben aus der Sicht eines ägyptischen Einbalsamierers.

"Die Haut ist gewachsen!"

Der nächste Blick in die Hühnertüte ist nichts für schwache Nerven. "Besonders die Mädchen finden diesen Teil nicht allzu toll", gibt Moe zu. Um weiche Knie und umgestülpte Mägen zu verhindern, geht der Lehrer dafür auch nach draußen auf den Schulhof an die frische Luft. Die Gefrierbeutel sind jetzt voller Flüssigkeit. Und die stinkt gewaltig. Für den Mumifizierungsprozess muss das Geflügel wieder trockengelegt werden, also gilt es, das Wasser abzugießen und die Hühner wieder sorgfältig trocken zu tupfen. Dann geht es erneut in den Salzbeutel.

Gegen den Geruch gibt's noch ein paar Teelöffel Zimt mit in die Tüte. Das, so Moe, haben schließlich auch die alten Ägypter gemacht - den Leichengeruch mit kostbaren Gewürzen und Duftölen übertüncht. "Zimt funktioniert am allerbesten", erklärt er. "Manchmal bringen die Kinder zum Ausprobieren auch andere Gewürze mit, die sie von ihrer Mutter vom Plätzchenbacken kennen: Nelken oder Muskat. Aber Zimt hat einfach den stärksten Eigengeruch."

Das Prozedere wiederholt sich in den kommenden sieben Wochen. Aber nach Woche drei sehen die Vögel plötzlich ganz anders aus. "Mister Moe, die Haut ist gewachsen!", staunen die Schüler. Dann erklärt er ihnen, dass durch die Einwirkung des Salzes das Muskelfleisch entwässert und dadurch geschrumpft ist. Die Haut liegt nun lose auf den Hühnerbrüsten und sieht aus wie ein drei Nummern zu großer Pulli. Wenn dieser Zustand erreicht ist, verschwindet auch der Gestank. "Die Hühner riechen dann nur noch ganz leicht, aber auch das vergeht zum Schluss. Es bleibt nur der Zimtgeruch", versichert Moe.

Frisches Kleeblatt für Reise ins Jenseits

Unterdessen beginnt die Arbeit an den Sarkophagen. Die fertigen die Schüler aus Holz und bemalen sie mit ägyptischen Motiven. Fünf besonders schöne Exemplare hat Moe in seinem Büro stehen. "Die haben Schüler mir geschenkt", sagt der Lehrer. Schon zu Beginn des Projektes weist er jedes Jahr darauf hin, dass ein mumifiziertes Huhn ein großartiges Geschenk abgibt. Er denkt dabei zwar eher an die Geschwister, Väter oder Mütter, aber ein paar anhängliche Schüler haben ihn beim Wort genommen und ihren Lehrer mit dem exklusiven Geschenk bedacht.

Die Familien der fleißigen Mumifizierer sind stark involviert in die Hühnerbearbeitung. Die Mütter müssen ihr Gewürzregal plündern und die Gefrierbeutel beisteuern. Unter Geschwistern, die im Abstand von einem oder mehr Jahren Moes Kurs durchlaufen, entsteht ein regelrechter Wettkampf um die schönste Hühnermumie. "In jeder Klasse habe ich Kinder, die das Projekt schon von ihren älteren Geschwistern kennen", erzählt der Lehrer. "Am ersten Tag des neuen Schuljahres fragen sie dann schon ganz aufgeregt: Mister Moe, machen wir jetzt die Hühner?"

Wenn die Vögel nach acht langen Wochen des Salzens, Tupfens und Wartens endlich bereit sind, wickeln die Schüler sie in Mullbinden. Zwischen die einzelnen Lagen weben sie kleine Amulette und Glücksbringer. Das kann ein selbstgebasteltes Horusauge sein, aber auch ein modernes Kleeblatt oder Hufeisen. Die Hühner wird's kaum stören, dass nicht alle Grabbeigaben aus dem altägyptischen Kulturkreis stammen.

Die Sarkophage mit den Hühnern dürfen die Kinder am Ende des Projektes mit nach Hause nehmen und damit tun, was sie möchten. "Viele Kinder begraben sie mit einer kleinen Zeremonie", sagt Moe, "manchmal auch mehrere zusammen in einem Massengrab." Einige Schüler aber behalten die Sarkophage auch als gruseliges Accessoire fürs Kinderzimmer. "Das sind aber die Jungs", sagt Moe. "Die Mädchen sind meist doch froh, wenn sie die Hühner wieder los sind."



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