Selbsttäuschung Gehirn lässt Kämpfe eskalieren

Schubst du mich, dann schubse ich dich: Eine Studie verrät, warum dieses Auge-um-Auge-Prinzip meist in heftigen Schlägereien endet. Offenbar sind Vorahnungen des Gehirns schuld an der Eskalation.


Schlägerei beim Basketball: Unterdrückte Wahrnehmung
AP

Schlägerei beim Basketball: Unterdrückte Wahrnehmung

Schlägereien eskalieren häufig, weil die Beteiligten die Wucht ihrer eigenen Hiebe unterschätzen. Eine neue Untersuchung zeigt, dass die Heftigkeit von Kämpfen mit jedem Schlag unwillkürlich zunimmt, obwohl beide Seiten meinen, es dem Gegner nur mit gleicher Kraft heimzuzahlen.

Schuld ist vermutlich ein Trick des Gehirns, wie Forscher um Sukhwinder Shergill vom University College London in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins "Science" berichten. Das Denkorgan unterdrückt demnach beim Schlagabtausch die Wahrnehmung der eigenen Kraft, um sich besser auf den Hieb des Gegners konzentrieren zu können.

Statt Schläge ließen die Forscher ihre 24 Probanden Druck auf die Fingerspitzen austauschen. Die Versuchspartner sollten dabei jeweils nur genauso viel Druck anwenden wie sie selbst erfahren hatten. "In jedem einzelnen Fall eskalierte die Kraft schnell", schreiben die Autoren in "Science". Die Reaktion der Probanden fiel im Schnitt 38 Prozent stärker aus.

Die Selbsttäuschung des Gehirns wurzelt vermutlich in einer Vorahnung, so Shergill: "Vor jeder Bewegung geht ein Signal an eine spezifische Hirnregion, das diese vor der kommenden Empfindung warnt. Durch die derart veränderte Empfindlichkeit des Hirnareals neigt man dazu, mehr Kraft anzuwenden als beabsichtigt."

Derselbe Mechanismus ist auch für ein anderes Phänomen verantwortlich: Menschen, die mit Kitzelattacken zum Lachen gebracht werden können, reagieren weniger empfindlich, wenn sie sich selbst kitzeln. "Das Gehirn weiß im Voraus, was es zu erwarten hat", erklärt Studienleiter Shergill, "und stellt seine Aktivität auf die Empfindung ein."



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