Seltene Krankheiten Liebe Leserin, lieber Leser,


gut konservierte Mumien und Skelette entpuppen sich für die Altertumsforschung manchmal als ganze Krankenakte. Schon wenige Knochen oder Zähne können eine Menge über das Leiden erzählen, das einst die Menschen der Vorzeit plagte. So ist heute bekannt, dass Krebs bereits vor Tausenden Jahren grassierte.

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Heft 13/2019
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Für die Erforschung uralter Menschheitsgeißeln haben Wissenschaftler eine eigene Disziplin gebildet, die Paläopathologie. Diesen Experten legen Archäologen immer wieder auch Ungewöhnliches vor. Knochen, die zu klein oder zu groß sind, die schief wuchsen. Oder Schädel, denen ein Teil des Oberkiefers fehlt.

Es war ein Zufall, der Julia Gresky vom Deutschen Archäologischen Institut auf die Idee brachte, mehr über solche seltenen Krankheiten oder Behinderungen in der Vorzeit herauszufinden. Die Paläopathologin hatte die Knochen eines Mannes untersucht, der vor mehr als 6600 Jahren in der Region des heutigen Albanien gestorben war. Die Knochensubstanz des 30-Jährigen war ungewöhnlich stark verdichtet, ein Zeichen für die sogenannte Marmorknochenkrankheit. Die Betroffenen leiden schnell unter Brüchen, obwohl ihre Knochen kompakter gewachsen sind. Gresky suchte nach ähnlichen Fällen, doch die waren kaum zu finden. Durch den Austausch mit Kollegen entstand schließlich eine ganze Konferenz zu seltenen Krankheiten in unserer Vorzeit.

Linker Oberschenkel mit Anzeichen für Marmorknochenkrankheit
Deutsches Archäologisches Institut/ Julia Gresky

Linker Oberschenkel mit Anzeichen für Marmorknochenkrankheit

Kürzlich kamen deshalb in Berlin Paläopathologen, Archäologen, Rechtsmediziner, Genetiker und Museumsfachleute zusammen, um erstmals auf einem Fachtreffen über ihre Forschung zu reden. Dabei wurde ich Zeuge einer ganz eigenen Welt, in der niemand etwas Morbides daran findet, wenn in der Vortragspause zu Kaffee und Brötchen etwa Schädelteile zur Begutachtung herumgereicht werden.

Mir erschloss sich ein ganzes Kompendium des Leidens. Ein Fall nach dem anderen wurde vorgestellt, die Wissenschaftler berichteten von Fehlgeburten mit schlimmsten Missbildungen, Kiefergaumenspalten oder Krankheiten wie dem Angelman-Syndrom, dabei wächst Betroffenen mit kleinem Kopf meist ein großer Mund mit einem hervorstehenden Oberkiefer.

Nun könnte man grundsätzlich fragen: Wozu sollte man sich ausgerechnet in der Retrospektive mit Erkrankungen auseinandersetzen, die ohnehin nur selten vorkommen? Die Antwort ergibt sich aus den Erkenntnissen der Konferenz. Denn neben den medizinischen Analysen erörterten die Forscher auch, wie die Betroffenen einst von ihren Mitmenschen behandelt worden sein könnten. Wurden sie ausgegrenzt, weil sie krank oder anders waren, weil sie eine Behinderung hatten? Das war wohl überraschend selten der Fall. Selbst in der Steinzeit haben die Menschen offenbar für die Betroffenen gesorgt oder sie zumindest nicht abgelehnt.

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Der Mann mit der Marmorknochenkrankheit litt unter diversen Brüchen, doch sie sind noch zu Lebzeiten gut verheilt. Zudem erreichte er ein für damalige Verhältnisse hohes Alter. Auch die Bestattungsriten von vielen Erkrankten im Kreis der Gemeinschaft lassen keine Rückschlüsse darauf zu, dass Versehrte anders behandelt wurden. Manchmal scheint sich der Status von behinderten Menschen sogar noch erhöht zu haben.

Im alten Ägypten wurden Kleinwüchsige teils mit hohen zeremoniellen Ehren bestattet, zeigen einige reich ausgestattete Gräber. Zwar könnten sie auch von hoher Abstammung gewesen sein, doch hat ihnen ihr Handicap zumindest nicht geschadet. Zudem wurde Kleinwüchsigen sogar eine besondere Verbindung zu den Göttern nachgesagt, so wird zumindest die entsprechende Ikonografie gedeutet. Mit Blick auf die Konferenz lässt sich also sagen: Auch unsere heutige Gesellschaft kann sich durchaus noch einiges von unseren Vorfahren abschauen.

Denn ein Blick auf die Zahl der Betroffenen zeigt: So selten sind seltene Krankheiten auch heute gar nicht. In Deutschland leiden per Definition etwa vier Millionen Menschen daran, weltweit könnten es 300 Millionen sein. Für sie geht es in erster Linie gar nicht immer um die Entwicklung von Therapien, die es nicht immer geben wird, sagte der Genetiker Dan Bradley in Berlin. "Zuallererst wollen die Menschen wissen, woran sie leiden."

Herzlich

Ihr Jörg Römer

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Bild der Woche

Neben einer Wand aus Gletschereis wandern zwei französische Forscher über den Archipel Madre de Dios ("Mutter Gottes"). Die chilenische Regierung möchte für diese Inselgruppe im Süden des Andenstaats demnächst den Status als Weltnaturerbe beantragen. In die beeindruckende Karstlandschaft grub Wasser eine Vielzahl von Höhlen. Den patagonischen Ureinwohnern, den Kawésqar, dienten diese als Grab- und bisweilen als Wohnstätten.

HO/ CENTRE TERRE ASSOCIATION/ AFP


Fußnote

4000 Sterne bewegen sich offenbar gemeinsam nur 100 Lichtjahre von der Erde entfernt durchs Weltall. Astrophysiker der Universität Wien haben diesen Strom entdeckt, als sie mithilfe von Daten der Weltraumsonde "Gaia" die Bewegung Hunderttausender Sterne in der Milchstraße analysierten. Weil diese Sonnen vergleichsweise nah sind, können an ihnen gut die Lebenszyklen von Sternhaufen und das Gravitationsfeld der Milchstraße untersucht werden.


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Sissy.Voss 23.03.2019
1. Seltene Krankheiten...
Die Kenntnis seltener Krankheiten aus der Vergangenheit kann man getrost mit der Kunst des Briefmarkensammelns vergleichen. Schön, wenn man sich auskennt. Wenn nicht: auch schön. Die Gemeinplätze über Kleinwüchsige, aka Zwerge, machen den Artikel auch nicht inhaltsreicher. Dass Zwerge im alten Ägypten besondere kultische Verehrung erfuhren, sollte sich in der zeitgleichen Darstellung nachweisen lassen; wenn man die schlanken, hochgewachsenen Pharaonen-Abbildungen ansieht, kommen einem Zweifel. Dagegen bleibt der für uns naheliegende Blick in die nordische Mythologie aus. Dort sind die Kleinwüchsigen zuhause und speisen selbst noch die moderne Fantasy-Szene mit ihren Namen. Zwerge gelten gleichermaßen als schlau und verschlagen. Als Herrscher der unterirdischen Reiche stehen sie sowohl dem Totenreich als auch den Göttern nahe. Sie bringen aus ihren Stollen und Höhlen unermessliche Schätze ans Tageslicht. Alles sehr banal und hat sich in der Literatur bis ins 13. Jahrhundert erhalten, wo (in der deutschen Variante) Siegfried den Hort des Nibelung raubt und den Zwerg Alberich als Hüter einsetzt. Damit sind wir wieder im Heute angekommen und in Münster.
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