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Tempelschatz: Der spektakuläre Milliardenfund

Foto: Aijaz Rahi/ AP

Sensationeller Tempelschatz Hindu-Verband droht mit Massenselbstmord

Gold, Edelsteine, Schmuck: Allein der Materialwert des Schatzes, der in einem indischen Tempel gefunden wurde, liegt bei mehr als 15 Milliarden Euro. Jetzt entbrennt ein Streit um die Reichtümer - denn obwohl eine halbe Milliarde Inder in Armut leben, bleibt der Superfund womöglich ungenutzt.

Die Experten kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus. "Es ist unglaublich", sagt Ajit Kumar vom staatlichen archäologischen Institut Kerala. Der Schatz im Kellergewölbe eines Tempels in der südindischen Stadt Thiruvananthapuram dürfte der größte sein, der jemals in Indien gefunden wurde: säckeweise Goldmünzen, Statuen, Diamanten, Rubine und Smaragde, außerdem eine Krone, viel Schmuck. "So etwas haben wir noch nicht gesehen", sagt Kumar.

Archäologen hatten den Wert am Wochenende zunächst auf umgerechnet 7,7 Milliarden Euro beziffert. "Das ist viel zu niedrig angesetzt", sagt Kumar. "Wir haben die Fundstücke jetzt einzeln gewogen. Allein der Materialwert beträgt nach unseren Berechnungen schon jetzt mindestens 15 Milliarden Euro." In Kürze dürften noch mehr Funde gemeldet werden, da Forscher jetzt auch die letzten beiden der insgesamt sieben Kammern geöffnet haben. "Es ist noch nicht alles gesichtet und ausgewertet worden", sagt Kumar. Der archäologische Wert liege außerdem noch viel höher. Um den zu beziffern, müssten die Experten aber noch tagelang arbeiten.

Bislang war der Sri-Padmanabhaswamy-Tempel einer von Tausenden von hinduistischen Gotteshäusern in Indien. Gläubige kamen hierhin, um Ruhe zu finden, zu beten, Räucherstäbchen anzuzünden und den Göttern Opfer darzubringen. Doch seit ein paar Tagen ist alles anders in Thiruvananthapuram, der Hauptstadt von Kerala. Plötzlich steht hier die reichste Tempelanlage des Landes. Das Gelände ist weiträumig abgesperrt, drei Ringe von Polizisten schirmen es rund um die Uhr ab. Überwachungskameras und Alarmanlagen wurden installiert, demnächst sollen selbst die Priester, die ein- und ausgehen, kontrolliert werden.

Fluch oder Segen für den armen Bundesstaat?

Gefunden wurde der Schatz nur, weil das Oberste Gericht von Kerala entschied, dass die private Stiftung nicht mehr für die Sicherheit des Tempels aufkommen könne. Die Richter sprachen die Verantwortung für die Anlage dem Staat zu. Der schickte ein siebenköpfiges Team, das das Gebäude begutachten und eine Liste mit den Besitztümern aufstellen sollte. In den Kellergewölben stießen die Experten auf von Schlamm überzogene Gegenstände, die sich als Schatz herausstellten. Leiter der Stiftung waren Nachfahren der Königsfamilie des damaligen Travancore, die das Gebäude im 16. Jahrhundert für den Gott Vishnu erbauen ließ. Ihm zu Ehren häuften die Regenten sowie Pilger und Reisende über Jahrhunderte die Reichtümer an. Weil sie zum Teil in den Kellerräumen eingemauert wurden, gerieten sie in Vergessenheit, lautet die offizielle Erklärung.

Ob der Schatz Fluch oder Segen ist für den chronisch armen indischen Bundesstaat, muss sich noch zeigen. Gebrauchen könnte die Regierung von Kerala das Geld unbedingt: Millionen von Menschen leben in bitterer Armut. Die Infrastruktur ist marode, die öffentlichen Kassen leer. "Der Berg an Gold, Smaragden, Rubinen, Diamanten und anderen Edelsteinen in den Gewölben des Kellers, die jetzt ausgegraben wurden, stehen im extremen Gegensatz zur Staatskasse, die ständig im Minus ist", schreibt die indischen Wirtschaftszeitung "Economic Times".

Der Fund könnte den Haushalt sanieren, mit dem Geld könnten Ernährungs- und Bildungsprogramme finanziert werden, fordern indische Intellektuelle. V. R. Krishna Iyer, ehemaliger Richter am Obersten Gerichtshof, sagte, der Schatz müsse der Öffentlichkeit zugutekommen. Doch die Hindu-Verbände wollen davon nichts wissen. In seltener Einigkeit fordern sie, den Schatz zu belassen, wo er ist. "Er darf auf keinen Fall angerührt werden, wir müssen ihn schützen", verlangt Narayana Panikker, ein Hindu-Aktivist. "Die Gegenstände wurden dem Tempel vermacht, der Staat kann sie nicht einfach wegnehmen."

Drohung mit "schlimmsten Folgen"

Die hindunationalistische Partei BJP teilte mit, sie werde nicht zulassen, dass auch nur eine einzige Münze aus dem Tempel entfernt werde. Die Gegenstände dürften nicht einmal öffentlich ausgestellt werden, betonte ein Parteisprecher. Der Hindu-Verband SNDP drohte sogar mit kollektivem Selbstmord, sollte die Regierung versuchen, den Tempelschatz an sich zu reißen. "Nur Hindus und die königliche Familie, die pflichtbewusst die Reichtümer gehütet hat, haben ein Recht zu entscheiden, was damit geschehen soll", erklärte SNDP-Generalsekretär Vellappally Natesan. Andernfalls, drohte er, müsste man "mit den schlimmsten Folgen" rechnen.

An solchen Schlagzeilen ist Kerala, das zunehmend vom Tourismus lebt, nicht interessiert. Oommen Chandy, Regierungschef des Unionsstaates, betont deshalb seit dem Wochenende bei jeder Gelegenheit, man werde den Schatz im Tempel belassen. "Wir werden, in Absprache mit der königlichen Travancore-Familie und dem Chefpriester, Maßnahmen zum dauerhaften Schutz erarbeiten", verspricht er.

Kommentatoren sind sich einig, dass kein Politiker den Mut aufbringen wird, die Gefühle der Hindu-Gemeinde zu verletzen. Gleichwohl ist eine Debatte über den Sinn solcher Reichtümer entbrannt, die ungenutzt in Tempelanlagen lagern, während in Indien immer noch knapp eine halbe Milliarde Menschen unterhalb der Armutsgrenze leben.

Mehrere Tempel in Indien verfügen über Reichtümer, die Gläubige im Laufe der Jahrhunderte gespendet haben. Die "Hindustan Times" meldet, dass ein Tempel im Bundesstaat Andhra Pradesh über rund drei Tonnen Gold verfügen soll. Und der im April gestorbene Guru Sathya Sai Baba hinterließ Besitztümer im Wert von schätzungsweise sechs Milliarden Euro.