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05. September 2011, 14:05 Uhr

Sensationsfund in Österreich

Archäologen entdecken Gladiatorenschule

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Im Winter konnten die Kämpfer sogar in einer beheizten Halle trainieren: Rund 40 Kilometer vor Wien haben Forscher in der Erde eine Gladiatorenschule aus der Römerzeit gefunden - sie ist so groß wie die beim römischen Kolosseum. Das Bodenradar verrät schon jetzt Details aus dem Leben der Sklaven.

Wien - Es ist ein bisschen wie ein Schaufensterbummel - ohne Geld. Man schlendert die Einkaufsstraße entlang und bestaunt die schönen Dinge, die in den Auslagen locken. Man kann sie zwar sehen, klar und deutlich. Doch zwischen einem selbst und den Objekten der Begierde bleibt eine dicke Glasscheibe. Sie sind unerreichbar - bis zu einem imaginären Zeitpunkt in der Zukunft, wenn das Konto gut genug gefüllt sein wird, um sie sich leisten zu können.

So ähnlich ist derzeit das Leben des Archäologen Franz Humer. Wenn er über das Feld westlich des Amphitheaters der Römerstadt Carnuntum, rund 40 Kilometer von Wien entfernt, geht, liegt unter seinen Füßen ein überaus begehrter Fund: die am besten erhaltene Gladiatorenschule aus der Römerzeit, in ihrer Größe vergleichbar mit den berühmten Schulen Roms oder Pompejis. Nur eine Erdschicht trennt Humer von den Ruinen, doch die bleiben vorerst unerreichbar - bis auf weiteres. Doch Humer stört das wenig: "Wir wissen ja, was hier unten liegt. Wir können warten", erklärt er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Tatsächlich muss heutzutage nicht mehr jeder archäologische Fund bei einer Grabung freigelegt werden, die teuer und zeitaufwendig ist.

Was sich in der Erde befindet, wissen die Forscher des Archäologischen Parks Carnuntum dank der Arbeit des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Archäologische Prospektion und Virtuelle Archäologie. Bereits bei Bodenradarmessungen im Jahr 1996 entdeckten die Geophysiker erste vielversprechende Strukturen. Seitdem ahnte man, dass dort etwas Spannendes zu finden sei, sagt Humer. "Aber die Prospektionsmethoden waren damals noch nicht so gut. Erst als sie in den vergangenen Jahren immer feiner wurden, begannen wir zu ahnen, mit was wir es da zu tun haben."

Fünf Quadratmeter kleine Wohnzellen

Jetzt lieferte ein neues motorisiertes Multikanal-Bodenradargerät innerhalb weniger Stunden Einsatzzeit spektakuläre Bilder - ohne einen einzigen Spatenstich. In der Mitte der Anlage liegt die kreisrunde Trainingsarena mit hölzernen Zuschauertribünen. Im kalten Winter konnten die Kämpfer in die beheizbare Trainingshalle umziehen. Eine Badeanlage gehörte zur Schule, ein Verwaltungstrakt und die Wohnzellen der Gladiatoren - jede nur etwa fünf Quadratmeter groß.

Die Detailgenauigkeit der Aufnahmen ist atemberaubend: "Sogar ein Pfahl steht noch in der Mitte der Arena", schwärmt Humer. "Andere Archäologen finden Pfostenlöcher, in denen mal Pfähle gesteckt haben. Wir haben einen ganzen erhaltenen Pfosten!" Was macht ein Holzpflock in der Mitte der Arena? Genau einen solchen Pfosten in einer Gladiatorenschule beschreibt im 4. Jahrhundert der römische Kriegstheoretiker Vegetius: "An diesem Pfahl übte sich der Rekrut wie gegen einen Gegner."

Alles unter dem Feld in Carnuntum sah so aus, wie die Archäologen es aus dem Ludus Magnus, der größten Gladiatorenschule Roms, unmittelbar westlich des Kolosseums, kannten. "Aber wir wollten ganz sichergehen, dass nicht nur wir in den Mauern eine Gladiatorenschule erkannten", sagt Humer. Also luden sie Kollegen vom Römisch-Germanischen Zentralmuseum Mainz ein und zeigten ihnen die Bilder von den Mauern unter dem Feld. "Und die haben uns recht gegeben!", freut sich Humer.

Verbot von scharfen Waffen

Der Bedarf an Gladiatoren dürfte groß gewesen sein, denn immerhin gab es in Carnuntum gleich zwei Amphitheater. Das eine gehörte zur Lagerstadt und diente der Unterhaltung der im Militärlager stationierten Truppen. Das zweite, neben dem die Schule lag, gehörte zur Zivilstadt und bediente die Lust der gewöhnlichen Bevölkerung auf blutige Spiele.

Militär und Zivilisten lebten in Carnuntum in Symbiose. Um die Mitte des 1. Jahrhunderts nach Christus hatte sich die Legio XV Apollinaris hier niedergelassen, wo die alte Bernsteinstraße von der Ostsee ans Mittelmeer die Donau überquerte. Im Westen des Lagers ließen sich bald darauf jene nieder, die von und mit dem Militär lebten: Händler, die allerlei Waren und Dienste anboten. Unter Kaiser Trajan (98 - 117 n. Chr.) wurde Carnuntum zum Sitz des Statthalters der Provinz Oberpannonien. Sein Nachfolger Hadrian erhob die mittlerweile stattliche Siedlung in den Rang eines Municipiums und verlieh ihr den Namen Municipium Aelium Carnuntum.

Kaiser Marc Aurel schließlich zog selbst für drei ganze Jahre in die Stadt. Von 171 bis 173 nutzte er Carnuntum als Basis für seine Kämpfe gegen die Germanen nördlich des Donaulimes und verfasste bei der Gelegenheit einen Teil seines großen literarischen Werks, der "Selbstbetrachtungen". Allerdings war Marc Aurel kein großer Freund des blutigen Gemetzels im Sand der Arena: Er verbot den Gladiatoren, mit scharfen Waffen zu kämpfen.

Ganz anders sein Sohn Commodus, der ihm 180 n. Chr. auf den Thron folgte. Commodus liebte die Gladiatorenspiele so sehr, dass er sich zu Hause gern selbst dem Vergnügen hingab: "Gerne kämpfte er als Gladiator, und zwar zu Hause bei sich und in einer Art und Weise, dass er ab und zu einen Gegner tötete", berichtet der zeitgenössische Geschichtsschreiber Cassius Dio. Außerhalb des Hauses hielt er sich an die Vorgaben des Vaters. "In der Öffentlichkeit hingegen verzichtete Commodus auf Eisen und Menschenblut." Stattdessen stieg er mit dem Holzschwert bewaffnet in die Arena und kämpfte dort auch tatsächlich vor Publikum.

Hinweise auf einen Gladiatorenfriedhof

Dass in dem Amphitheater von Carnuntum der eine oder andere Gladiator sein Leben verlor, ist wahrscheinlich. "Besonders spannend ist ein Gräberfeld, das wir in unmittelbarer Nähe der Schule gefunden haben - etwas abseits des normalen Friedhofs", erzählt Humer. "Es ist gut möglich, dass wir hier tatsächlich einen Gladiatorenfriedhof haben." Denn die Gräber auf diesem kleinen Sonderfriedhof sind mit aufwendigen Grabbauten versehen, im Gegensatz zu den eher schlichten gewöhnlichen Gräbern des Nachbarfriedhofs. Nun konnten Gladiatoren in der römischen Gesellschaft trotz ihres Status als Sklaven durchaus berühmt werden. Sie wurden für ihre angeblichen Tugenden bewundert und waren bei den Frauen heißbegehrt. Und so erhielten sie nach dem Tod in der Arena zumindest ein prunkvolles Grabmal.

Auch wenn Friedhof und Schule bis auf weiteres noch unter der Erde liegen bleiben, sind die geplanten "Schaufensterbummel" für Humer und seine Kollegen durchaus lohnend. "Wir haben uns für die nähere Zukunft einiges vorgenommen", verrät der Archäologe. "Wir wollen mit den Untersuchungsergebnissen ein maßstabgetreues Modell der Schule bauen - dann brauchen wir sie tatsächlich nicht mehr auszugraben, und sie kann weiter im Boden bleiben, ohne Schaden zu nehmen.

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