Sensationsfund Taucher entdecken legendäres Kriegsschiff

Vor 228 Jahren, im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg gegen die Briten, versank die "HMS Ontario" in dem See, nach dem sie benannt wurde. Jetzt wurde sie gefunden - in 150 Meter Tiefe und fast intakt.


Der Ontariosee, durch den die Grenze zwischen den USA und Kanada verläuft, gilt als veritabler Schiffsfriedhof: Rund 500 Wracks sollen auf seinem Grund liegen. Leicht zu finden sind sie trotzdem nicht, denn auch der kleinste der fünf großen nordamerikanischen Seen hat immense Dimensionen: Bei einer Fläche von fast 19.000 Quadratkilometern ist er mehr als 35mal größer als der Bodensee.

Als "heiliger Gral" unter den Schiffswracks galt den Tauchern dort seit Jahrzehnten die "HMS Ontario", ein Kriegsschiff aus der Zeit des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges. Jim Kennard, 64, pensionierter Ingenieur und passionierter Taucher, will mehr als die Hälfte seines Lebens danach gesucht haben. Seit drei Jahren nun suchte er mit Hilfe seines Partners Dan Scoville, 35, und mit Hilfe eines selbst konstruierten Seiten-Sonars den Seeboden ab.

Kennard ist einer der erfolgreichsten Taucher am Lake Ontario, wie der See dort heißt. Allein in den letzten sechs Jahren fand er sieben Wracks. Anfang des Monats wurde er erneut fündig: Auf dem Sonar war relativ klar die Silhouette eines großen Schiffes zu erkennen, eines Zweimasters mit Mastkörben. Dafür gab es nur wenig Kandidaten: Kennard und Scoville wandten sich zur Prüfung ihres Fundes an den Historiker Arthur Britton Smith, der als Spezialist für die Ontario gilt, seit er 1997 ein Buch über den Untergang des Zweimasters herausgebracht hatte: "Legend of the Lake".

Abschreckung in Zeiten des Vorderladers

Denn eine Legende ist die HMS Ontario. Als sie 1780 vom Stapel lief, galt sie mit ihren fast 25 Metern Länge, 226 Tonnen Gewicht und ihren 22 Kanonen als mächtigstes britisches Kriegsschiff auf den großen Seen. Ihr Kapitän James Andrews war zugleich Kommandant der Flotte auf dem See. Die Ontario galt als gefürchtet, obwohl sie wohl nie einen Schuss abgegeben hat: Sie vor allem sei es gewesen, heißt es in einer Legende, die die amerikanischen Rebellen davon abgehalten habe, den Angriff auf die kanadische Seite auch nur zu versuchen.

Denn von Kanada aus operierte die Ontario, ihre Besatzung bestand aus Kanadiern, ergänzt durch britische Soldaten. In der Nacht ihres Untergangs sollen auch amerikanische Kriegsgefangene, Frauen und Kinder an Bord gewesen sein, denn die Ontario erfüllte vor allem Transportdienste.

Ihre Legende aber speist sich aus den besonderen Umständen ihres Untergangs. Denn natürlich soll sie einen Schatz transportiert haben: den jährlichen Lohn für die britische Garnison in Fort Haldimand - in Gold, versteht sich.

Untergang in der Nacht der Toten

Die Entdecker des Wracks glauben nicht daran. Was es in dem Wrack an Geld gebe, hätten den Schätzungen zufolge die 120-130 Menschen an Bord in ihren Taschen getragen, nicht mehr. Der eigentliche Schatz sei das Schiff selbst: Schon jetzt gilt die Ontario als besterhaltenes britisches Kriegsschiff aus Revolutionszeiten. Ihren außergewöhnlich guten Zustand erklären sich die Entdecker durch das kalte, sauerstoffarme Wasser, das es am Seeboden nur auf 4 Grad Temperatur bringe. Selbst Fensterscheiben an dem Wrack seien noch intakt.

Was die Theorien über den Untergang der HMS Ontario stützt.

Denn obwohl es keine Zeugen für ihren Untergang gibt, gelten dessen Umstände als geklärt.

Am 31. Oktober 1780 lief die Ontario von Fort Niagara aus, um den Kommandeur der Festung, Masson Bolton, auf den Weg nach England zu bringen: Der Mann litt unter Schmerzen und verfallender Gesundheit, möglicherweise vergiftet durch einen Zahn, der in seinem Kiefer verrottete. Den wollte er sich ziehen lassen, kam aber nicht mehr soweit: Ein plötzlich auftretender Sturm mit Böen, die Tornado-Stärke erreichten, ließen das Schiff wahrscheinlich sehr schnell kentern.

Sechs Tote wurden angespült gefunden, danach gab es 228 Jahre keine Spur vom Stolz der britischen Marine auf den großen Seen. Dass das Schiff ausgerechnet zu Halloween sank, der Nacht, in der sich nach keltischer Überlieferung die Welten der Toten mit der der Lebendigen berühren, gab den Gerüchten und Legenden mehr als reichlich Futter.

Kennard und Scoville ergänzen die Legenden nun mit Fakten: Ihre Unterwasseraufnahmen dokumentieren ein weitgehend intaktes Wrack, das in rund 150 Meter Tiefe geneigt am Seeboden liege. Wo genau, das wollen sie nicht verraten: Für eine wissenschaftliche Untersuchung oder TV-Dokumentation würden sie noch einmal hinuntertauchen, hätten aber ansonsten weder eine Bergung, noch Ausschlachtung vor. Kennard beschreibt die seriöse Suche nach historischen Funden im See als Katz-und-Maus-Spiel mit Wrack-Räubern. Dieses legendäre Wrack, sagte Kennard der örtlichen Presse, sei aber ein Monument, ein "Kriegsfriedhof der britischen Admiralität".

Kennard: "Es ist ein Grab, und wir sind seine Wächter. Wir wollen andere da nicht hinführen."

pat



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