Sequenziert Menschliches Genom hat ausgedehnte Wüsten

Zu 95 Prozent will der US-Forscher Craig Venter die Reihenfolge des menschlichen Erbgut entschlüsselt haben. Auch das Humangenomprojekt präsentiert dieser Tage einen detaillierten Bauplan des Homo sapiens.


Washington/London - Mit den nun veröffentlichten Erbgut-Karten grenzen Forscher die Zahl der menschlichen Gene auf 26.000 bis 40.000 ein. Das sind möglicherweise nicht einmal doppelt so viele wie bei der Fruchtfliege und weit weniger als zunächst geschätzt.

Die Chromosomen des Menschen bergen nur 30.000 bis 40.000 Gene
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Die Chromosomen des Menschen bergen nur 30.000 bis 40.000 Gene

Die Menschengene werden jedoch in viel komplizierteren Prozessen abgelesen als bei Tieren, sagten deutsche Experten des öffentlich geförderten Humangenomprojekts am Montag in Berlin. Forscher und Politiker versprechen sich mit dem Wissen um das Erbgut große Fortschritte bei der Bekämpfung von Krankheiten, doch erst in 10 bis 20 Jahren. Ziele sind unter anderen, Erbkrankheiten zu heilen und maßgeschneiderte Medikamente herzustellen, die keine oder nur geringe Nebenwirkungen für den jeweiligen Patienten haben.

Forscher des internationalen Human Genome Project (HGP) stellten ihre Forschungsergebnisse am Montag auf den Internetseiten der britischen Zeitschrift "Nature", der Konkurrent Craig Venter, Chef der amerikanischen Biotech-Firma Celera Genomics, seine im US-Fachmagazin "Science" vor. Mit der Veröffentlichung in den Fachjournalen hat die Verkündung der Erbgutentschlüsselung vom vergangenem Jahr einen seriösen wissenschaftlichen Rahmen erhalten.

Beide Forschergruppen hatten sich zuvor ein technisch hochgerüstetes Wettrennen um die Entschlüsselung geliefert und eine grobe Karte des über drei Milliarden Bausteine umfassenden Erbguts bereits im vergangenem Jahr vorgestellt.

Nun präsentieren sie gleichzeitig weitere Erkenntnisse:

  • Venter schätzt die Zahl der menschlichen Gene auf 26.000 bis 39.000. Das Human-Genom-Projekt geht von 30.000 bis 40.000 aus. Zuvor waren 100.000 oder gar 140.000 geschätzt worden. Damit sind es nur wenig mehr Gene, als die Fruchtfliege (rund 17.000) oder ein einfacher Wurm (rund 18.000) besitzen. Aus den komplizierter aufgebauten menschlichen Genen gehen allerdings mehr Proteine hervor als bei diesen niederen Tieren.
  • Jeder Mensch hat 99,99 Prozent seiner Erbanlagen mit anderen Menschen gemein, schreibt das Team um Craig Venter im Fachjournal "Science". Dabei machen Merkmale wie die Hautfarbe so gut wie keinen Unterschied aus.
  • Ein großer Teil der Mutationen (Genveränderungen) tritt bei der Entstehung von Samenzellen auf. Die Mutationsrate ist dabei etwa doppelt so hoch wie beim Entstehen der Eizellen von Frauen (HGP).
  • Ein Viertel des Genoms besteht aus "Wüsten", in denen keine oder nur sehr wenige Gene liegen, die zudem nur sehr selten abgelesen werden. Die HGP-Forscher sprechen davon, dass nur zwei Prozent des menschlichen Genoms "aktiv" Proteine zur Steuerung der Körperfunktionen bildet. Andererseits haben die Forscher so genannte Hot Spots ausgemacht. Dort liegen zahlreiche besonders aktive Gene.
  • 223 Gene des Menschen sind denen von Bakterien ähnlich. Sie sind wahrscheinlich im Laufe der Evolution von den Vorfahren des Menschen aufgenommen worden und bis heute erhalten geblieben (HGP).
  • Mehr als ein Drittel der DNS (35,3 Prozent) besteht aus so genannten repetitiven Sequenzen (Celera). Laut HGP ist es sogar fast die Hälfte (45 Prozent). Dort wird eine immer gleiche Abfolge von verschiedenen Bausteinen der Erbsubstanz wiederholt, über den genauen Sinn streiten die Forscher.

Die britische Wissenschaftszeitschrift "Nature" wollte die Ergebnisse am Montag weltweit zeitgleich in mehreren Hauptstädten vorstellen und am 15. Februar publizieren. "Nature" will 160 Seiten seiner neuesten Ausgabe den Erkenntnissen der Genetik widmen, davon allein 60 Seiten der Sequenzierung des Humangenoms.

Die Darstellung des Gesamtgenoms besitzt allerdings einen erheblichen Umfang, vergleichbar mit 1000 Büchern zu 100 Seiten, ist im Internet zugänglich und wird dort ständig aktualisiert. Das US-Fachmagazin "Science" hatte für Montagabend eine Pressekonferenz in Washington angekündigt.



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