Seuchengefahr Vogelgrippe breitet sich in Sibirien aus
Nowosibirsk/Moskau - Nachdem in den vergangenen zwei Wochen bereits über 2300 Tiere in der südsibirischen Region Nowosibirsk getötet werden mussten, sind nun auch die ersten Fälle in der Nachbarregion Altai aufgetreten. Bereits 300 Gänse, Enten und Hühner sollen in der Siedlung Glubokoje gestorben sein, 450 tote Vögel wurden aus der Region Omsk gemeldet. Sämtliche Tiere in den betroffenen Dörfern sollen nun geschlachtet werden.
Der Gouverneur der Region Novosibirsk, Viktor Tolokonsky, will neun Millionen Rubel (etwa 250.000 Euro) für Quarantäne-Maßnahmen bereitstellen. In 18 Dörfern dürfen die Bewohner ihren Wohnort nicht mehr verlassen, um die Ausbreitung des Virus aufzuhalten. "Die Quarantäne sieht auch vor, dass jegliches Geflügel in der Region, wo der Ausbruch registriert wurde, geschlachtet wird", sagte Tolokonsky.
Am Wochenende waren Vogelgrippe-Fälle auch im Norden der Republik Kasachstan bekannt geworden. Russische Medien berichten von 600 toten Gänsen. Der kasachische Katastrophenschutz meldet auch die Infektion eines Bauern. In Russland sind bisher noch keine Fälle von infizierten Menschen bekannt, sagte der Chefveterinär der Region, Walery Michejew, der russischen Nachrichtenagentur Itar-Tass.
Experten hatten Anfang Juli zeitgleich in den Fachblättern "Science" und "Nature" vor der Verbreitung von H5N1 über den Himalaja nach Sibirien gewarnt, nachdem eine besonders aggressive Variante des Virus auf der sogenannten Vogelinsel im zentralchinesischen Qinghai-See aufgetaucht war. Die Insel ist eine der wichtigsten Brutstätten für Zugvögel aus Südostasien, Tibet und Indien. Jetzt scheinen die Befürchtungen wahr geworden zu sein.
Das Virus H5N1 ist auch für Menschen gefährlich: In Asien sind seit Ende 2003 mehr als 50 Menschen an der Vogelgrippe gestorben. Wahrscheinlich war das Virus über Zugvögel von Asien nach Russland gelangt. Nach Einschätzung der russischen Veterinärbehörde könnte das Vogelgrippevirus jetzt auch auf Europa übergreifen.
Inzwischen schließen auch deutsche Behörden dieses Szenario nicht mehr aus. "Zugvögel sind nicht kontrollierbar", sagte Herbert Schmitz vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg. Allerdings sei die Gefahr im Moment gering, da Vogelwanderungen erst im Herbst wieder einsetzten. Das Ansteckungsrisiko sei dabei von der Hygiene und vom Kontakt mit den Tieren abhängig.
Eine Infektion mit dem Virus setze außerdem intensiven Kontakt mit den Tieren und eine große Menge von Viren voraus. Für die Allgemeinbevölkerung bestehe daher kein erhöhtes Infektionsrisiko. "Eine Übertragung von Mensch zu Mensch ist bisher zumindest nicht bewiesen", erläuterte Schmitz.
Das könnte sich allerdings ändern, wenn das Virus Säugetiere wie etwa Schweine befällt, deren Immunsystem dem des Menschen stark ähnelt. Für diesen Fall befürchten Experten, dass sich das H5N1-Virus mit einem menschlichen Grippeerreger genetisch vermischt. Dabei könnte ein Supervirus entstehen, dass eine Pandemie mit Millionen von Toten auslöst.