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31. Oktober 2014, 18:06 Uhr

Studie zu Erotikfantasien

Der Sex im Kopf

Ein Techtelmechtel mit zwei Partnern gleichzeitig oder Sex mit Prostituierten - kanadische Forscher haben untersucht, wie verbreitet Sexfantasien sind. Demnach gibt es fast nichts mehr, was nicht normal ist.

Von romantisch bis brutal - wenn Menschen über Sex fantasieren gibt es keine Grenzen. Aber welche Ideen sind noch normal, welche krankhaft? Kanadische Forscher wollten es genauer wissen. Ihre Untersuchung hat einen ernsten Hintergrund: Unnormale oder ungewöhnliche Sexfantasien sind fester Bestandteil offizieller Diagnose- und Behandlungsleitlinien für psychische Störungen. Was genau eigentlich unnormal ist, wurde bislang aber nie untersucht.

"Aus der Klinik wissen wir, was krankhafte Sexfantasien sind: Sie beinhalten Schmerz oder Partner, die zum Sex gezwungen werden", sagt Christian Joyal von der Université du Québec à Montréal. "Aber welche Fantasien sind eigentlich in der Normalbevölkerung selten oder unnormal?"

Richtig selten ist fast keine Fantasie

Über einen Onlinefragebogen haben die Forscher 799 Frauen und 717 Männer im Durchschnittsalter von 30 Jahren zu ihren Sexvorstellungen befragt. Die Kandidaten mussten zu 55 Fantasien angeben, ob sie diese schon mal hatten und konnten bei Bedarf eigene Favoriten beschreiben. Das Ergebnis: Extrem wenige Fantasien erwiesen sich als wirklich selten, sprich unnormal, berichten die Forscher im "Journal of Sexual Medicine".

Nicht jede Fantasie soll real werden

Ein großer Anteil der Frauen (knapp 65 Prozent) hat laut der Untersuchung zudem Unterwerfungsfantasien. Unter den Männern stellen sich 53 Prozent vor, sexuell dominiert zu werden. Die Fantasie, geschlagen zu werden, hatten nach eigenen Angaben ebenfalls mehr Frauen - 36 Prozent im Vergleich zu knapp 29 Prozent der Männer. Gleichzeitig unterscheiden Frauen aber offenbar deutlich zwischen ihren Fantasien und dem, was sie wirklich erleben wollen. So gaben viele Frauen mit Unterwerfungsfantasien an, dass diese Ideen nie Realität werden sollen. Die Mehrheit der Männer dagegen möchte ihre Fantasien laut Studie ausleben.

Die Vorstellung, einen anderen Menschen zu dominieren, gefiel im Schnitt nur 47 von 100 Frauen, aber 60 von 100 Männern.

Über Seitensprünge fantasierten gut 83 Prozent der Männer in Beziehungen. Bei den Frauen waren es immerhin 66 Prozent. Gleichzeitig wünschen sich sowohl Frauen (92 Prozent) als auch Männer (88 Prozent) häufig romantische Gefühle beim Sex. Insgesamt haben Männer deutlich mehr Fantasien als Frauen und beschreiben diese besonders lebhaft.

"Eines der interessantesten Ergebnisse hat mit vielen typischen Männerfantasien zu tun wie Analsex oder der Idee, die Partnerin beim Sex mit einem anderen zu beobachten", sagt Joyal. "Evolutionsbiologen können diese Fantasien nicht erklären, obwohl sie unter Männern verbreitete Sehnsüchte sind."

Die Studie könne auch einige soziale Phänomene erklären, etwa die Beliebtheit des Buchs "Fifty Shades of Grey" bei Frauen, erklärt der Forscher weiter. In den Daten will das Forscherteam nun nach weiteren Zusammenhängen suchen. "Beispielsweise haben Menschen, die Unterdrückungsfantasien haben, gleichzeitig häufig auch Fantasien, jemanden zu dominieren", sagt Joyal. Das schließe sich nicht aus. "Ganz im Gegenteil." Außerdem seien diese Fantasien vermutlich mit einem höheren Level der Befriedung verbunden.

jme

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