Sexualforschung Italiener wollen G-Punkt-Test entwickelt haben

Wieder einmal will ihn jemand dingfest gemacht haben: den geheimnisvollen G-Punkt, der Frauen zu besonders spektakulären Orgasmen verhelfen soll. Ein italienisches Team will gar einen Schnelltest für G-Punkt-Besorgte entwickelt haben. Andere Fachleute sind höchst skeptisch.

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Die Jagd nach dem perfekten Orgasmus dauert schon Jahrzehnte. Ende der vierziger Jahre verkündet der deutsche Arzt Ernst Gräfenberg, er habe den Ort gefunden, der Frauen vaginale, mithin noch himmlischere Orgasmen bescheren kann. Später wird dieser Ort "G-Punkt" getauft. Eine jahrzehntelange Suche nach der geheimnisvollen Stelle setzt ein, obwohl Gräfenberg sie doch schon gefunden haben will. Kritiker dagegen sind seit vielen Jahren der Meinung, "dass es sich bei dieser besonderen erogenen Zone der Frau weniger um eine Entdeckung als vielmehr um eine Erfindung handele", wie das "Deutsche Ärzteblatt" im Jahr 2005 schrieb.

Paar beim Vorspiel: Die Jagd nach dem perfekten Orgasmus
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Paar beim Vorspiel: Die Jagd nach dem perfekten Orgasmus

Trotzdem träumen weltweit Männer davon, den Knopf zu finden, auf den man angeblich drücken muss, um der eigenen Partnerin garantiert und Kleiner-Tod-sicher zum Höhepunkt zu verhelfen. Und 70 bis 80 Prozent von ihnen scheitern daran - weil nur 20 bis 30 Prozent aller Frauen überhaupt sogenannte intravaginale Orgasmen erleben. Andere kommen nur durch Stimulation der Klitoris zum Höhepunkt - und ein nicht geringer Prozentsatz überhaupt nicht.

Alle paar Jahre kommt dann jemand daher und sagt, er habe ihn nun diesmal aber wirklich und ehrlich gefunden, den G-Punkt, die Zeit der erotischen Dürre sei vorüber und jetzt werde alles besser in den Betten dieser Welt. Aktuell handelt es sich um italienische Mediziner um Emmanuele Jannini von der Universität L'Aquila. "Jetzt ist es erstmals möglich, mit einer einfachen, schnellen und billigen Methode festzustellen, ob eine Frau einen G-Punkt hat oder nicht", versicherte der Sexualforscher dem "New Scientist".

Hohe Rezeptorendichte an der richtigen Stelle

Der G-Punkt sei nichts anderes als etwas dickeres Gewebe zwischen Vagina und Harnröhre, glauben Jannini und seine Kollegen. Zu diesem Ergebnis kamen sie mit einer Studie, die sich vor allem durch die Schlichtheit ihrer Methodik auszeichnet: 20 Frauen wurden befragt, ob sie schon einal einen vaginalen Orgasmus erlebt haben, also einen, der nicht durch die Stimulation der Klitoris sondern durch die der Innenseite der Scheide hervorgerufen wird. Neun der Teilnehmerinnen erinnerten sich, bereits vaginale Höhepunkte erlebt zu haben, die anderen elf nicht. Zwischen den beiden Gruppen habe es messbare Unterschiede gegeben, was die Ausdehnung des Gewebes zwischen der weiter vorne liegenden Harnröhre und der Vagina betrifft, berichten die Mediziner. Für Studienleiter Jannini ist die Konsequenz dieses Befunds eindeutig: Da ist er, der G-Punkt. Man habe nun ein "einfaches Werkzeug", den Punkt zu finden, der "mit der Fähigkeit korreliert, Vagina-aktivierte Orgasmen zu erleben", schreiben er und seine Kollgen im "Journal of Sexual Medicine".

Andere Wissenschaftler sind nicht so euphorisch. Der Hamburger Sozialmediziner Johannes Sievers etwa sagte SPIEGEL ONLINE: "Es ist nicht so, dass eine Frau einen G-Punkt hat oder nicht hat, das ist nicht schwarz oder weiß sondern mehr oder weniger." Die Dicke des Gewebes an einer bestimmten Stelle sei vermutlich weniger bedeutsam als andere Faktoren, etwa die "neuronale Infrastruktur": etwa der Abstand der außen liegenden Klitoris zum Inneren der Scheide und vor allem die Dichte der Empfindungsrezeptoren in dieser Region.

Die attraktive Vorstellung vom Orgasmusknopf

Auch die Annahme, Frauen ohne das verdickte Gewebe besäßen keinen G-Punkt, stößt auf Kritik. Es könnte auch genau umgekehrt sein, nämlich dass vaginale Orgasmen die vordere Scheidenwand sozusagen trainieren und sie deswegen vergrößert sei, kommentiert etwa die Psychologin Leonore Tiefer von der New York University.

Jannini lässt sich davon nicht beirren. Seine Ergebnisse decken sich mit denen früherer Studien, die ebenfalls auf einen anatomischen Unterschied zwischen Frauen mit und ohne vaginale Orgasmen hingedeutet hatten. Er will nun in größeren Studien herausfinden, wie viele Frauen über einen G-Punkt verfügen und wie viele nicht. Das Argument, damit rede er einem Teil der Betroffenen ein, an einer sexuellen Störung zu leiden, lässt er nicht gelten: Die Frauen, die noch nie einen vaginalen Höhepunkt erlebt haben, sollten sich vielmehr erleichtert fühlen, meint er - schließlich sei das vollkommen normal, wenn die Anatomie einfach nicht dafür ausgelegt sei.

Zumindest in diesem Punkt stimmt Sievers mit Jannini überein: "Einige Frauen können durch intravaginale Stimulation zum Orgasmus kommen, andere nicht", sagt der Gynäkologe, aber "es ist keine Krankheit, keinen intravaginalen Orgasmus zu haben". Der Mann - und das dürfte geeignet sein, die Größensorgen des einen oder anderen zu zerstreuen - könne das nur "ausprobieren", indem er den Bereich etwa drei bis vier Zentimeter hinter dem Scheideneingang intensiv stimuliere - das wiederum erlebten manche Frauen aber keineswegs als lustvoll sondern unter Umständen eher als unangenehm. All das wird aber vermutlich nichts daran ändern, dass bald die nächste G-Punkt-Studie erscheint - dazu ist die Vorstellung vom Orgasmusknopf offenbar einfach zu reizvoll.

Mit Material von ddp



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