Sexualstörungen bei Frauen Viagra soll Nebenwirkung von Antidepressiva mindern

Seit Jahren suchen Mediziner nach Einsatzgebieten des Potenzmittels Viagra für Frauen - bislang ohne Erfolg. Womöglich gibt es aber doch eine sinnvolle Anwendung: bei Patientinnen, die Antidepressiva einnehmen.


Frauen und Viagra - diese Geschichte ist schon etwas länger, und für den Hersteller des Medikaments, Pfizer, verlief sie alles andere als gut. Der Pharmakonzern wollte die Potenzpillen auch für Frauen vermarkten - bei der sogenannten weiblichen sexuellen Funktionsstörung (FSD). Eine Krankheit, die nach Meinung vieler Experten gar nicht existiert. Das renommierte "British Medical Journal" sprach deshalb 2003 von einer erfundenen Krankheit - ein Vorwurf, den Pfizer jedoch zurückweist.

Studien mit dem Viagra-Wirkstoff Sildenafil bei Frauen hatten sich in den vergangenen Jahren wiederholt als Flop erwiesen. Bei sexuellen Störungen wirkten die Pillen genauso gut wie ein Placebo, berichtete beispielsweise im Jahr 2000 ein kanadisches Ärzteteam. 2004 erklärte Pfizer schließlich, man wolle die Zulassung von Sildenafil für Frauen nicht beantragen. Die Versuche an etwa 3000 Frauen zur Wirksamkeit des Mittels bei sexuellen Problemen hätten keine schlüssigen Resultate ergeben.

Eine neue Studie der University of New Mexiko in Alberquerque hat nun ergeben, dass Viagra Frauen zumindest unter bestimmten Bedingungen helfen könnte - nämlich dann, wenn sie Antidepressiva nehmen. Die von diesen Medikamenten verursachten Sexualstörungen könnten mit Sildenafil zumindest teilweise behoben werden, berichten Georg Nurnberg und seine Kollegen im Fachblatt "Jama" (Bd. 300, S. 395).

72 Prozent berichten von einem besseren Sexualleben

An der Studie nahmen 98 Frauen teil, die alle mit sogenannten Serotonin-Wiederaufnahmehemmern behandelt wurden. Diese Hemmstoffe sorgen für einen Anstieg des Botenstoffs Serotonin im Gehirn. Orgasmusprobleme oder eine verminderte sexuelle Erregbarkeit träten infolge der Behandlung bei 30 bis 70 Prozent der Patienten als Nebenwirkung auf, schreiben die Forscher. In der Studie nahm eine Gruppe von Probandinnen über acht Wochen jeweils ein bis zwei Stunden vor dem Geschlechtsverkehr Sildenafil ein, während die andere Gruppe ein wirkstofffreies Placebo bekam.

In einer Befragung nach der Studie berichteten 72 Prozent der Frauen, die das Medikament bekommen hatten, von einer Verbesserung ihres Sexuallebens. In der Kontrollgruppe waren es im Vergleich dazu nur 27 Prozent. Außer Kopfschmerzen, Hitzewellen und leichten Verdauungsproblemen seien keine Nebenwirkungen aufgetreten, berichten die Wissenschaftler.

Frauen leiden etwa doppelt so häufig unter Depressionen wie Männer, und die Sexualstörungen als Konsequenz der medikamentösen Behandlung sind bei ihnen ausgeprägter. Der Wirkstoff Sildenafil, der bisher vor allem gegen Erektionsstörungen bei Männern eingesetzt wurde, könnte hier Abhilfe schaffen, sollten sich die Ergebnisse in größeren Studien bestätigen lassen, schreiben die Forscher.

Die Suche nach einer Zweit- und Drittverwertung von Medikamenten ist nicht neu. Offensichtlich wollen Pharmakonzerne mit großem Aufwand entwickelte Wirkstoffe so breit wie möglich vermarkten. Pharmaexperten beobachten diesen Trend freilich mit Skepsis.

Im Falle Viagra sind Erektionsstörungen längst nicht mehr die einzige Indikation. Regelmäßig erscheinen neue Untersuchungen diverser Forscherteams über die angeblich segensreichen Wirkungen der blauen Pillen: Es soll krankhaft vergrößerten Herzen bei Mäusen entgegenwirken oder Stress am Herzen mindern. Als Medikament gegen Bluthochdruck in den Lungen ist der Viagra-Wirkstoff bereits zugelassen. Und mancher Bergsteiger wirft sich eine blaue Pille ein, um zügiger voranzukommen, denn Sildenafil erhöht nach Erkenntnissen amerikanischer Forscher die körperliche Performance in alpinen Höhen um bis zu 45 Prozent. Letztes Kuriosum der Viagra-Forschung: Sildenafil soll die Folgen eines Jetlags mildern - zumindest bei Hamstern.

hda/ddp/dpa



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