Siamesische Zwillinge "Ich mag nichts, was sie mag"

2. Teil


Als Reba eine Karriere als Country-Sänderin startete und in Los Angeles einen Preis gewann, gab Lori ihren Bürojob auf
Lynn Johnson

Als Reba eine Karriere als Country-Sänderin startete und in Los Angeles einen Preis gewann, gab Lori ihren Bürojob auf

Die Wohnung ist mehr als ein Zuhause. Sie ist eine Demonstration. "Sieh dir mein Zimmer an", fordert Lori. "Und dann Rebas - und du wirst sagen: Mein Gott, seid ihr zwei verschieden!" Tatsächlich wuchern bei Lori prallgestopfte Plastiktüten und überquellende Kartons wie gierige Dschungelpflanzen aus Ecken und Winkeln. Es bleibt nur ein schmaler Pfad für Rebas Hocker, den Lori vom Bett zur Küche und zum Flur Richtung Bad schiebt. Der Teppich ist mit Krümeln übersät. Verknüllte Blusen, Papiere und Kissen konkurrieren um die letzten freien Flächen. Aufräumen heißt, gezielt gegen einen Karton zu treten, der sich in die Fahrbahn drängt.

Rebas Zimmer wirkt dagegen anämisch. Eine Kompanie von Plüschtieren sitzt in Reih und Glied am Boden. Harley-Davidson-Modelle stehen, parallel geparkt, staubsicher in einem verglasten Setzkasten. Im Wandschrank hängen die Kleider stramm von den Bügeln. Auf dem Teppich gibt es keinen Krümel.

Gelebte Gegensätze

Es ist ein Leben aus lauter Gegensätzen. Reba ist ehrgeizig, Lori wurschtig. Reba putzt sich gern heraus, Lori wirft sich achtlos in Kleider, die noch auf einem Kirchenbasar als Ladenhüter übrigblieben. Reba schläft durch, Lori wälzt sich die halbe Nacht schlaflos herum. Reba trägt ihre Haare lang, Lori kurz. Reba ist sarkastisch, Lori gutmütig. Reba kauft schon Wochen im voraus Geburtstagskarten, Lori gratuliert in letzter Minute per Telefon. Reba ist eingetragene Republikanerin, Lori geht nicht einmal zur Wahl. Reba geht in die Kirche, Lori nicht. "Naja, ich gehe", schränkt sie ein, "aber richtig dabei bin ich nicht." Fast möchte man fragen: Dürfen die das denn, so verschieden sein? Wo doch gleiche Gene angeblich gleichmachen sollen?

Als Wissenschaftler des späteren Center for Twin and Adoption Research der Universität von Minnesota 1979 zum ersten Mal eineiige Zwillingsbrüder befragten, die in verschiedenen Adoptivfamilien aufgewachsen waren, kamen sie angesichts der Vielzahl festzustellender Ähnlichkeiten aus dem Staunen nicht mehr heraus. Die Männer, die beide Jim heißen, hatten unabhängig voneinander erst eine Linda, dann eine Betty geheiratet und überraschten ihre Ehefrauen gern mit zärtlichen Botschaften, die sie auf Zetteln im ganzen Haus verteilten. Jeder der beiden rauchte, kaute Fingernägel und hatte sich zeitweise als Sheriff verdingt.

Mit solchen Zeugen schien die alte Streitfrage gelöst: Was prägt uns mehr - Erziehung oder Vererbung, Gene oder Umwelt? Dank über 100 ähnlicher Fälle meinten einige Wissenschaftler die Antwort fast bis aufs Prozent genau zu kennen: Unsere Berufswahl werde zu 40 Prozent von den Genen gelenkt, unsere Intelligenz zu 50 bis 70 Prozent, und zu 34 Prozent bestimmten sie, ob wir charmant oder ruppig ausfallen. Sogar ob wir Fernsehmuffel oder Dauerglotzer werden, soll zu 45 Prozent vom Erbgut abhängen. Der gesamte Rest, so die Experten, unterliege dem Einfluss der Umwelt, also unserer Erziehung, dem sozialen Milieu und eventuellen Schicksalsschlägen wie Unfällen oder Krankheiten.

"Ich muss nicht immer jemanden um mich haben"

Nur: Auf die eineiigen Zwillinge Lori und Reba scheint nichts von all dem so recht zuzutreffen - und getrennt aufgewachsen sind sie weiß Gott auch nicht, sondern so eng vereint wie die Atome eines Sauerstoffmoleküls. Sie teilen nicht nur hundert Prozent ihre Gene. Sie sind auch noch in jedem Augenblick gnadenlos zu zweit gefangen in derselben Umwelt.

Mit Reba im Rollsitz in den Supermarkt - für Lori kein Problem
Lynn Johnson

Mit Reba im Rollsitz in den Supermarkt - für Lori kein Problem

"Einsam", wiederholt Lori und lässt das Wort auf der Zunge herumrollen. "Nein, ich glaube nicht, dass ich einsam bin. Aber ich muss auch nicht immer jemanden um mich haben." Genau das aber hat sie. Unverlierbar wie ein Schatten begleitet sie die Schwester. Erst wenn ein Zwilling stirbt, will die Überlebende die hochriskante Trennung quer durch den Kopf wagen. Nie ist eine der beiden allein, nicht beim Einschlafen, nicht beim Aufwachen, nicht, wenn sie in ihre T-Shirts steigen wie in einen Rock, weil sie die Kleidungsstücke nicht über den Kopf ziehen können. Nicht auf dem Klo, nicht beim Essen, nicht beim Beten, Weinen oder Nachdenken. Nicht wenn sie traurig sind oder zornig auf die andere, nicht beim Telefonieren, nicht beim Zahnarzt, wenn der Bohrer im Mund der einen den Schädel der anderen mitdröhnen lässt.

Jeden Atemzug, jeden Tag, jede Begegnung erleben Lori und Reba im Doppelpack. Weder Lori noch Reba kann je die Tür hinter sich zuknallen und komplett, abgrundtief allein sein. Und so möchte man instinktiv vermuten, dass nature wie nurture Lori und Reba zu den austauschbarsten Menschen auf Erden gemacht haben müssten. Diese Vorstellung aber ist für die Schwestern derart empörend, dass sogar Reba ihr Schweigen bricht. "Nichts als Vorurteile, dieser Kram über Natur und Umwelt", sagt die schmale Person verblüffend heftig. "Wie kommt es dann, dass ich schlauer bin als Lori? Wie kommt es, dass ich Klassen übersprungen habe und früher als sie mit der Schule fertig war? Wie kommt es, dass wir nicht einmal die gleichen Kleider tragen?" Lori bestätigt: "Ich mag nichts, was sie mag."



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