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15. September 2003, 13:08 Uhr

Siamesische Zwillinge

"Ich mag nichts, was sie mag"

Lori und Reba Schappell leben seit 42 Jahren in erzwungener Nähe. Die siamesischen Zwillinge sind am Kopf zusammengewachsen - und doch verschieden. Die eine Schwester liebt Ordnung, die andere das Chaos. Die eine ist schweigsam, die andere redet viel. Trifft die eine ihren Freund, "blendet" die andere sich aus.

Eine Laune der Natur hat es gewollt, dass Lori und Reba Schappell unzertrennlich sind. Die Schwestern kamen, an ihren linken Schläfen zusammengewachsen, 1961 in den USA zur Welt. Ihre Gene sind identisch, und zwangsläufig leben sie in derselben Umwelt. Dennoch besteht ihr Alltag aus Gegensätzen, die jede für sich auskostet. Eine normale Beziehung würde daran zerbrechen. Doch die Schappells haben gelernt, was die lebenslang unentrinnbare Nähe erträglich macht.

Wieso nur will keiner kapieren, dass man sein eigenes Leben führen kann, auch wenn einem ein zweiter Mensch aus dem Kopf wächst? Lori holt Luft und versucht es noch einmal. "Das Einzige, was wir gemeinsam haben, sind unser Blut und ein paar Knochen. Mehr nicht", sagt sie und macht eine energische Geste. "Das Ei hat sich einfach nicht ganz geteilt. Aber alles, was uns zu Individuen macht", sie zeigt auf ihren Körper, "hat jede für sich allein."

Lange Gewöhnung an Leben in einem Körper

Weil Lori aus Erfahrung weiß, wie schwer es ist, andere in diesem Punkt zu überzeugen, sagt sie auch noch: "Ich denke wirklich nicht jede Minute darüber nach, dass ich ein siamesischer Zwilling bin." Und wie um sich über die vielen unsinnigen Fragen lustig zu machen, säuselt sie ironisch: "Also, ich kann mich nicht bücken, ohne meine Schwester um Erlaubnis zu fragen?" Schon biegt sie den Körper blitzschnell zu Boden, presst die Fingerspitzen in den abgewetzten Teppich und triumphiert, wieder oben: "Reba findet das vielleicht nicht toll, aber es geht."

Tatsächlich hat Reba mit keiner Wimper gezuckt, als Loris Vorführung sie in die Waagerechte riss, sondern weiter die Knöpfe ihres Gameboys gedrückt. Seit 42 Jahren teilt sie sich mit Lori die linke Schläfe. Sie ist es gewohnt, herumgeschlenkert zu werden. Sie sitzt auf einer Art Barhocker mit Rollen, eine stoische, etwas verwachsene kleine Person, deren Füße in der Luft baumeln und deren schwarzes Samtkleid sich an unvermuteten Stellen beult - als seien ihre Proportionen ein wenig durcheinander geraten.

Reba wurde mit offenem Rücken geboren. Weil ihr Unterleib verkümmert ist, geriet sie eine Handbreit kürzer als ihre Schwester. Will Reba etwas holen oder wegstellen oder auch nur einen Blick aus dem Fenster werfen, muss Lori sie dort hinrollen. "Mom, kann ich das Papier bitte auf den Tisch legen", fragt sie höflich und wartet geduldig, bis Lori einen Karton beiseite schiebt und den Hocker vor die Tischplatte manövriert. Die Schwestern bestehen darauf, dass Lori die Erstgeborene ist, die Ältere. Die "Mutter".

Doch das bedeutet nicht, dass Lori dominiert. Zwar ist sie agiler, läuft mit den gesunden Beinen flink durch die Wohnung und schiebt die Zwillingsschwester vor sich her wie einen Rollkoffer. Und es ist Lori, die pausenlos plappert, laut und unzensiert wie ein übermütiger Grundschüler. Rutscht ihr aber im Schwung wieder einmal zu viel heraus, ertönt hinter ihr ein missbilligendes Murmeln. Dann hält Lori mitten im Satz inne und lauscht.

Zwei Zimmer für zwei Menschen

"Aber du bist wirklich sehr ordnungsliebend", sagt sie wie ins Leere. "Bei Reba", kommentiert sie dann, "muss alles genau seinen Platz haben." Sie sagt auch: "Reba ist schüchtern." Oder: "Reba hört viel besser zu als ich." Lori redet über ihre Schwester, als sei sie nicht im Zimmer. Und weil die Zwillinge in entgegengesetzte Richtungen schauen (sie können das Gesicht der anderen nur mit Spiegeln sehen), bemerkt die "Ältere" nicht, wie Rebas Mundwinkel sarkastisch zucken.

Obwohl sie nie allein sein können, hat jede Schwester ein eigenes Zimmer. Reba (r.) liebt es ordentlich, aber weil sie nicht laufen kann, putzt Lori für sie
Lynn Johnson

Obwohl sie nie allein sein können, hat jede Schwester ein eigenes Zimmer. Reba (r.) liebt es ordentlich, aber weil sie nicht laufen kann, putzt Lori für sie

So viel ist klar: Reba fehlt es nicht an Mut, etwas zu sagen. Sie mag nur nicht. Wenn Lori Lust hat, die unersättliche Neugier anderer Menschen zu befriedigen, bitte schön, das ist ihre Sache. Sie, Reba, will mit dem "Siamesen-Shit" nichts zu tun haben.

Die Schwestern leben in einer Zwei-Zimmer-Wohnung im 15. Stock einer mausbraun verschalten Seniorenanlage in Reading. In dieser Kleinstadt am nördlichen Zipfel des Pennsylvania Dutch Country gibt es nur wenige Hochhäuser. Hier ist die Heimat der gottesfürchtigen Amish People. Inmitten sanft geschwungener Hügel und dunkelroter Scheunen bestellen sie ihre Äcker wie eh und je, mit Pferden vor dem Pflug und ohne Kunstdünger. Den traditionellen Strohhut tief in die Stirn gezogen, ignorieren sie das gierige Hasten der Schnäppchenjäger, die vor allem am Wochenende zu den Factory Outlets drängen, Readings größter Attraktion.

Die enge Wohnung der Schappells ist generalstabsmäßig aufgeteilt. Lori bewohnt das größere Zimmer, dafür ist hier die gemeinsame Schlafmatratze untergebracht und Rebas Schreibtisch. Auch die Küche ist Loris Territorium, "weil Reba nie kocht oder abwäscht, Haushalt ist nicht ihre Stärke". Im Kühlschrank steht Wasser für Reba, Cola für Lori. Prinzipiell gilt: Was gesund ist, gehört Reba. "Sie ernährt sich vegetarisch. Ich esse alles, bis auf Leber."

Selbstverständlich hat auch Reba ein eigenes Zimmer, im Flur links, hinter der geschlossenen Tür. Will Reba für sich sein, gehen die Schwestern dort hin, und Lori hält ausnahmsweise den Mund. In der Welt dieses Zwillingspaars gilt das als Alleinsein.

Als Reba eine Karriere als Country-Sänderin startete und in Los Angeles einen Preis gewann, gab Lori ihren Bürojob auf
Lynn Johnson

Als Reba eine Karriere als Country-Sänderin startete und in Los Angeles einen Preis gewann, gab Lori ihren Bürojob auf

Die Wohnung ist mehr als ein Zuhause. Sie ist eine Demonstration. "Sieh dir mein Zimmer an", fordert Lori. "Und dann Rebas - und du wirst sagen: Mein Gott, seid ihr zwei verschieden!" Tatsächlich wuchern bei Lori prallgestopfte Plastiktüten und überquellende Kartons wie gierige Dschungelpflanzen aus Ecken und Winkeln. Es bleibt nur ein schmaler Pfad für Rebas Hocker, den Lori vom Bett zur Küche und zum Flur Richtung Bad schiebt. Der Teppich ist mit Krümeln übersät. Verknüllte Blusen, Papiere und Kissen konkurrieren um die letzten freien Flächen. Aufräumen heißt, gezielt gegen einen Karton zu treten, der sich in die Fahrbahn drängt.

Rebas Zimmer wirkt dagegen anämisch. Eine Kompanie von Plüschtieren sitzt in Reih und Glied am Boden. Harley-Davidson-Modelle stehen, parallel geparkt, staubsicher in einem verglasten Setzkasten. Im Wandschrank hängen die Kleider stramm von den Bügeln. Auf dem Teppich gibt es keinen Krümel.

Gelebte Gegensätze

Es ist ein Leben aus lauter Gegensätzen. Reba ist ehrgeizig, Lori wurschtig. Reba putzt sich gern heraus, Lori wirft sich achtlos in Kleider, die noch auf einem Kirchenbasar als Ladenhüter übrigblieben. Reba schläft durch, Lori wälzt sich die halbe Nacht schlaflos herum. Reba trägt ihre Haare lang, Lori kurz. Reba ist sarkastisch, Lori gutmütig. Reba kauft schon Wochen im voraus Geburtstagskarten, Lori gratuliert in letzter Minute per Telefon. Reba ist eingetragene Republikanerin, Lori geht nicht einmal zur Wahl. Reba geht in die Kirche, Lori nicht. "Naja, ich gehe", schränkt sie ein, "aber richtig dabei bin ich nicht." Fast möchte man fragen: Dürfen die das denn, so verschieden sein? Wo doch gleiche Gene angeblich gleichmachen sollen?

Als Wissenschaftler des späteren Center for Twin and Adoption Research der Universität von Minnesota 1979 zum ersten Mal eineiige Zwillingsbrüder befragten, die in verschiedenen Adoptivfamilien aufgewachsen waren, kamen sie angesichts der Vielzahl festzustellender Ähnlichkeiten aus dem Staunen nicht mehr heraus. Die Männer, die beide Jim heißen, hatten unabhängig voneinander erst eine Linda, dann eine Betty geheiratet und überraschten ihre Ehefrauen gern mit zärtlichen Botschaften, die sie auf Zetteln im ganzen Haus verteilten. Jeder der beiden rauchte, kaute Fingernägel und hatte sich zeitweise als Sheriff verdingt.

Mit solchen Zeugen schien die alte Streitfrage gelöst: Was prägt uns mehr - Erziehung oder Vererbung, Gene oder Umwelt? Dank über 100 ähnlicher Fälle meinten einige Wissenschaftler die Antwort fast bis aufs Prozent genau zu kennen: Unsere Berufswahl werde zu 40 Prozent von den Genen gelenkt, unsere Intelligenz zu 50 bis 70 Prozent, und zu 34 Prozent bestimmten sie, ob wir charmant oder ruppig ausfallen. Sogar ob wir Fernsehmuffel oder Dauerglotzer werden, soll zu 45 Prozent vom Erbgut abhängen. Der gesamte Rest, so die Experten, unterliege dem Einfluss der Umwelt, also unserer Erziehung, dem sozialen Milieu und eventuellen Schicksalsschlägen wie Unfällen oder Krankheiten.

"Ich muss nicht immer jemanden um mich haben"

Nur: Auf die eineiigen Zwillinge Lori und Reba scheint nichts von all dem so recht zuzutreffen - und getrennt aufgewachsen sind sie weiß Gott auch nicht, sondern so eng vereint wie die Atome eines Sauerstoffmoleküls. Sie teilen nicht nur hundert Prozent ihre Gene. Sie sind auch noch in jedem Augenblick gnadenlos zu zweit gefangen in derselben Umwelt.

Mit Reba im Rollsitz in den Supermarkt - für Lori kein Problem
Lynn Johnson

Mit Reba im Rollsitz in den Supermarkt - für Lori kein Problem

"Einsam", wiederholt Lori und lässt das Wort auf der Zunge herumrollen. "Nein, ich glaube nicht, dass ich einsam bin. Aber ich muss auch nicht immer jemanden um mich haben." Genau das aber hat sie. Unverlierbar wie ein Schatten begleitet sie die Schwester. Erst wenn ein Zwilling stirbt, will die Überlebende die hochriskante Trennung quer durch den Kopf wagen. Nie ist eine der beiden allein, nicht beim Einschlafen, nicht beim Aufwachen, nicht, wenn sie in ihre T-Shirts steigen wie in einen Rock, weil sie die Kleidungsstücke nicht über den Kopf ziehen können. Nicht auf dem Klo, nicht beim Essen, nicht beim Beten, Weinen oder Nachdenken. Nicht wenn sie traurig sind oder zornig auf die andere, nicht beim Telefonieren, nicht beim Zahnarzt, wenn der Bohrer im Mund der einen den Schädel der anderen mitdröhnen lässt.

Jeden Atemzug, jeden Tag, jede Begegnung erleben Lori und Reba im Doppelpack. Weder Lori noch Reba kann je die Tür hinter sich zuknallen und komplett, abgrundtief allein sein. Und so möchte man instinktiv vermuten, dass nature wie nurture Lori und Reba zu den austauschbarsten Menschen auf Erden gemacht haben müssten. Diese Vorstellung aber ist für die Schwestern derart empörend, dass sogar Reba ihr Schweigen bricht. "Nichts als Vorurteile, dieser Kram über Natur und Umwelt", sagt die schmale Person verblüffend heftig. "Wie kommt es dann, dass ich schlauer bin als Lori? Wie kommt es, dass ich Klassen übersprungen habe und früher als sie mit der Schule fertig war? Wie kommt es, dass wir nicht einmal die gleichen Kleider tragen?" Lori bestätigt: "Ich mag nichts, was sie mag."

Mühsamer Alltag: Die Schappells wollen selbständig leben
Lynn Johnson

Mühsamer Alltag: Die Schappells wollen selbständig leben

Sind die zwei also ein Rätsel, eine Ausnahme? Oder nichts von beidem? "Jeder Mensch braucht das Gefühl, dass er ein Individuum ist", sagt die Psychologin und Zwillingsforscherin Nancy Segal von der California State University in Fullerton. "Ich glaube, dass besonders siamesische Zwillinge versuchen, sich so weit wie möglich voneinander zu unterscheiden." Damit würden Lori und Reba deutlicher noch als "normale" Menschen den Beweis liefern, dass es so etwas gibt wie einen freien Willen, ein Fleisch gewordenes Zeichen, dass der Mensch mehr sein kann als das Produkt von Genen und Umwelt. Und die Schappells sind nicht die Einzigen, die - gleichen Einflüssen oder Genen zum Trotz - darauf bestehen, verschieden zu sein.

Von den siamesischen Schwestern Ganga und Jamuna Mondal in Indien etwa hört man, dass sie sich zwar einen Unterleib und einen Ehemann teilen. Doch bei den Stars, für die sie schwärmen, und bei dem, was sie in ihrer Freizeit am liebsten machen, endet die Übereinstimmung.

Talent für Schauspielerei und Musik

Amerikanische Medien berichten von der zwölfjährigen Britty Hensel und ihren Plänen, Pilotin zu werden, obwohl sie - neben etlichen inneren Organen - nur einen Kopf, einen Arm und ein Bein ihr eigen nennt - den Rest teilt sie sich mit ihrer Schwester Abby, die Zahnärztin werden will. Und vom wohl berühmtesten Zwillingspaar, den siamesischen Brüdern Chang und Eng Bunker, ist überliefert, dass einer Alkoholiker, der andere Abstinenzler war. Sie zogen alle drei Tage vom Haus des einen ins Heim des anderen. Boss durfte sein, wer Hausherr war, und so eisern klammerten sie sich an dieses Ritual, dass sie nicht einmal bei Notfällen und Krankheiten dagegen verstießen.

Leben in einem Körper: Bei bestimmten Bewegungen müssen sich die Zwillinge abstimmen
Lynn Johnson

Leben in einem Körper: Bei bestimmten Bewegungen müssen sich die Zwillinge abstimmen

Das Arrangement der Schappells ist etwas geschmeidiger. Sind die Zwillinge in Reading, bestimmt Lori. "Möchte ich ausgehen, gehe ich aus. Wenn nicht, bleibe ich zu Hause und mache, was ich will, es sei denn, Reba hat einen Termin." Im Gegenzug begleitet Lori ihre Schwester ohne Murren zu Konzerten. Denn seit einigen Jahren arbeitet Reba an einer Karriere als Countrysängerin. Neuerdings hat sie ihr schauspielerisches Talent entdeckt. Einen Film hat sie ebenfalls gemacht, doch der ist noch nicht reif für die Öffentlichkeit. "Ich spiele eine Tochter", sagt Reba. Und Lori: "Ich bin nicht zu sehen, ich werde ausgeblendet."

Während Reba arbeitet, vertreibt sich Lori die Zeit mit Kreuzworträtseln oder Computerspielen. Und für Rebas Auftritte kauft sie sich ein Ticket "wie jeder andere Besucher auch". Einen eigenen Reisepass hat sie bisher allerdings noch nicht beantragt, nicht einmal, als Rebas Engagements sie nach Japan und Deutschland führten. "Dabei geht es ja nicht um mich", argumentiert sie, und bei keiner Einreisekontrolle hat bisher jemand gewagt, ihr zu widersprechen. Überhaupt wollen die Schappells das Staunen der Welt über ihr unzertrennliches Leben nicht verstehen: "Bei Ehepaaren ist es doch ganz ähnlich. Jeder Tag verlangt einen neuen Kompromiss."

Vertrautheit und alter Respekt

Wenn Lori morgens duscht, hüllt sich Reba in den Duschvorhang, um nicht nass zu werden. Sie wäscht sich lieber abends. Die Schwestern haben getrennte Telefonanschlüsse, unterschiedliche Freunde. Die Gefahr, dass sie sich auseinander leben, besteht ja nicht. Aus ihren Gesten spricht innige Vertrautheit und ein früh errungener Respekt für die Schwester.

Reba zupft einen Fussel von Loris Bluse, als sei es ihre eigene; Lori glättet Rebas Pferdeschwanz mit einer so unbewussten Geste, als würde sie sich selber eine Strähne aus der Stirn streichen. Ist Lori verliebt und trifft sich mit ihrem Freund - wie zur Zeit -, klinkt sich Reba mental aus. Romanzen interessieren sie angeblich nicht. Sogar der Freund vergisst angeblich, dass die zweite Schwester stets dabei ist. Die Kunst, ihre Umwelt auszublenden, beherrscht Reba perfekt, Lori nicht. "Ich bin zu neugierig", gesteht sie, "ich lausche."

Es kommt vor, dass eine Schwester die andere anlügt. Meist geht es dabei ums Geld, und gewöhnlich ist es Lori, die flunkert. Die Zwillinge führen getrennte Konten - Reba lebt von ihren Auftritten, Lori vorwiegend von staatlichen Zuschüssen. Die reichen nicht sehr weit, zumal Lori leidenschaftlich gern einkauft; Reba, wie zu erwarten, hasst Shopping. Sicherheitshalber verschweigt Lori so manche Ausgabe vor der ungleich sparsameren Schwester. "Reba sieht ja nicht, was ich kaufe."

Der Mann in Loris Leben

Es gibt Themen, bei denen selbst Loris Plappermaul verstummt. Über die Erfahrungen der Kindheit etwa, die das Zwillingspaar in einem Heim für Behinderte und nur gelegentlich zu Hause bei den Eltern und sechs Geschwistern verbrachte, "sprechen wir nicht", sagt Lori. Das "wir" sticht umso greller hervor, weil die Zwillinge es sonst tunlichst vermeiden. Auch über den Mann in ihrem Leben mag Lori nicht reden. "Die Beziehung ist jung, und ich will sie nicht ruinieren."

Beim Abschied stehen die Schwestern vor dem Foyer ihres Hochhauses und winken. Aus der Ferne wirkt es, als lehnten sie sich Trost suchend aneinander, zwei der ungewöhnlichsten Menschen auf dem Planeten, so unterschiedlich und untrennbar wie die Seiten einer Münze. "Gottgewollt" nennen sie ihr Schicksal. Aber sollten sie je in den Himmel kommen, dann - das wissen sie genau - als getrennte Wesen. Denn im Himmel ist alles perfekt. Und dann hätten endlich auch die neugierigen Fragen ein Ende.

Von Ute Eberle / "GEO WISSEN"

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