Siamesische Zwillinge "Ich mag nichts, was sie mag"

Lori und Reba Schappell leben seit 42 Jahren in erzwungener Nähe. Die siamesischen Zwillinge sind am Kopf zusammengewachsen - und doch verschieden. Die eine Schwester liebt Ordnung, die andere das Chaos. Die eine ist schweigsam, die andere redet viel. Trifft die eine ihren Freund, "blendet" die andere sich aus.


Eine Laune der Natur hat es gewollt, dass Lori und Reba Schappell unzertrennlich sind. Die Schwestern kamen, an ihren linken Schläfen zusammengewachsen, 1961 in den USA zur Welt. Ihre Gene sind identisch, und zwangsläufig leben sie in derselben Umwelt. Dennoch besteht ihr Alltag aus Gegensätzen, die jede für sich auskostet. Eine normale Beziehung würde daran zerbrechen. Doch die Schappells haben gelernt, was die lebenslang unentrinnbare Nähe erträglich macht.

Wieso nur will keiner kapieren, dass man sein eigenes Leben führen kann, auch wenn einem ein zweiter Mensch aus dem Kopf wächst? Lori holt Luft und versucht es noch einmal. "Das Einzige, was wir gemeinsam haben, sind unser Blut und ein paar Knochen. Mehr nicht", sagt sie und macht eine energische Geste. "Das Ei hat sich einfach nicht ganz geteilt. Aber alles, was uns zu Individuen macht", sie zeigt auf ihren Körper, "hat jede für sich allein."

Lange Gewöhnung an Leben in einem Körper

Weil Lori aus Erfahrung weiß, wie schwer es ist, andere in diesem Punkt zu überzeugen, sagt sie auch noch: "Ich denke wirklich nicht jede Minute darüber nach, dass ich ein siamesischer Zwilling bin." Und wie um sich über die vielen unsinnigen Fragen lustig zu machen, säuselt sie ironisch: "Also, ich kann mich nicht bücken, ohne meine Schwester um Erlaubnis zu fragen?" Schon biegt sie den Körper blitzschnell zu Boden, presst die Fingerspitzen in den abgewetzten Teppich und triumphiert, wieder oben: "Reba findet das vielleicht nicht toll, aber es geht."

Tatsächlich hat Reba mit keiner Wimper gezuckt, als Loris Vorführung sie in die Waagerechte riss, sondern weiter die Knöpfe ihres Gameboys gedrückt. Seit 42 Jahren teilt sie sich mit Lori die linke Schläfe. Sie ist es gewohnt, herumgeschlenkert zu werden. Sie sitzt auf einer Art Barhocker mit Rollen, eine stoische, etwas verwachsene kleine Person, deren Füße in der Luft baumeln und deren schwarzes Samtkleid sich an unvermuteten Stellen beult - als seien ihre Proportionen ein wenig durcheinander geraten.

Reba wurde mit offenem Rücken geboren. Weil ihr Unterleib verkümmert ist, geriet sie eine Handbreit kürzer als ihre Schwester. Will Reba etwas holen oder wegstellen oder auch nur einen Blick aus dem Fenster werfen, muss Lori sie dort hinrollen. "Mom, kann ich das Papier bitte auf den Tisch legen", fragt sie höflich und wartet geduldig, bis Lori einen Karton beiseite schiebt und den Hocker vor die Tischplatte manövriert. Die Schwestern bestehen darauf, dass Lori die Erstgeborene ist, die Ältere. Die "Mutter".

Doch das bedeutet nicht, dass Lori dominiert. Zwar ist sie agiler, läuft mit den gesunden Beinen flink durch die Wohnung und schiebt die Zwillingsschwester vor sich her wie einen Rollkoffer. Und es ist Lori, die pausenlos plappert, laut und unzensiert wie ein übermütiger Grundschüler. Rutscht ihr aber im Schwung wieder einmal zu viel heraus, ertönt hinter ihr ein missbilligendes Murmeln. Dann hält Lori mitten im Satz inne und lauscht.

Zwei Zimmer für zwei Menschen

"Aber du bist wirklich sehr ordnungsliebend", sagt sie wie ins Leere. "Bei Reba", kommentiert sie dann, "muss alles genau seinen Platz haben." Sie sagt auch: "Reba ist schüchtern." Oder: "Reba hört viel besser zu als ich." Lori redet über ihre Schwester, als sei sie nicht im Zimmer. Und weil die Zwillinge in entgegengesetzte Richtungen schauen (sie können das Gesicht der anderen nur mit Spiegeln sehen), bemerkt die "Ältere" nicht, wie Rebas Mundwinkel sarkastisch zucken.

Obwohl sie nie allein sein können, hat jede Schwester ein eigenes Zimmer. Reba (r.) liebt es ordentlich, aber weil sie nicht laufen kann, putzt Lori für sie
Lynn Johnson

Obwohl sie nie allein sein können, hat jede Schwester ein eigenes Zimmer. Reba (r.) liebt es ordentlich, aber weil sie nicht laufen kann, putzt Lori für sie

So viel ist klar: Reba fehlt es nicht an Mut, etwas zu sagen. Sie mag nur nicht. Wenn Lori Lust hat, die unersättliche Neugier anderer Menschen zu befriedigen, bitte schön, das ist ihre Sache. Sie, Reba, will mit dem "Siamesen-Shit" nichts zu tun haben.

Die Schwestern leben in einer Zwei-Zimmer-Wohnung im 15. Stock einer mausbraun verschalten Seniorenanlage in Reading. In dieser Kleinstadt am nördlichen Zipfel des Pennsylvania Dutch Country gibt es nur wenige Hochhäuser. Hier ist die Heimat der gottesfürchtigen Amish People. Inmitten sanft geschwungener Hügel und dunkelroter Scheunen bestellen sie ihre Äcker wie eh und je, mit Pferden vor dem Pflug und ohne Kunstdünger. Den traditionellen Strohhut tief in die Stirn gezogen, ignorieren sie das gierige Hasten der Schnäppchenjäger, die vor allem am Wochenende zu den Factory Outlets drängen, Readings größter Attraktion.

Die enge Wohnung der Schappells ist generalstabsmäßig aufgeteilt. Lori bewohnt das größere Zimmer, dafür ist hier die gemeinsame Schlafmatratze untergebracht und Rebas Schreibtisch. Auch die Küche ist Loris Territorium, "weil Reba nie kocht oder abwäscht, Haushalt ist nicht ihre Stärke". Im Kühlschrank steht Wasser für Reba, Cola für Lori. Prinzipiell gilt: Was gesund ist, gehört Reba. "Sie ernährt sich vegetarisch. Ich esse alles, bis auf Leber."

Selbstverständlich hat auch Reba ein eigenes Zimmer, im Flur links, hinter der geschlossenen Tür. Will Reba für sich sein, gehen die Schwestern dort hin, und Lori hält ausnahmsweise den Mund. In der Welt dieses Zwillingspaars gilt das als Alleinsein.



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