Sicherheitsrisiko Forschung Atombombe Marke Eigenbau

Erst kürzlich gelang es Forschern, gefährliche Viren künstlich nachzubauen. Dabei bedienten sie sich ausschließlich öffentlich zugänglicher Informationen. Nirgendwo gibt es mehr davon als im Internet, nirgendwo ist Wissen leichter abrufbar - auch Anleitungen für die Produktion von Massenvernichtungswaffen?

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In einem al Qaida-Haus soll die Bauanleitung für eine Atombombe gefunden worden sein
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In einem al Qaida-Haus soll die Bauanleitung für eine Atombombe gefunden worden sein

Mal angenommen, ein Terrorist säße in den Bergen von Afghanistan. Dort käme er auf die Idee, eine Atombombe zu bauen. Nichts Großes, muss ja gar nicht sein, aber so ein kleines, unaufwändiges Bömbchen. Würde der Schurke die Informationen, vielleicht sogar eine detaillierte Bauanleitung, im Internet finden? Vorausgesetzt natürlich, es gäbe Internet in den Bergen von Afghanistan.

Hartnäckig hält sich das Gerücht, im weltweiten Datennetz fänden sich Anleitungen für alle Arten unappetitlicher Waffen und Bomben. Hat nicht erst vor wenigen Wochen ein 19jähriger Chemie-Student in einem finnischen Einkaufszentrum sich selbst und sechs Passanten in die Luft gejagt - mit einem selbstgebastelten Sprengsatz, dessen Bauvorschriften er angeblich im Internet erhalten hat? Warum also sollte es keine Leitfäden für Schlimmeres im Netz geben?

Woran die Bombenbastler scheitern

Weil es zu kompliziert ist, antworten Experten. Für funktionierende Atom-, Chemie- und Biowaffen brauche es wesentlich mehr an Wissen, Ausrüstung und Geld als für einen konventionellen Sprengsatz. Beispiel Biowaffen: Erst kürzlich gelang es Forschern, das Polio-Virus nur mit Hilfe öffentlich zugänglicher Informationen im Labor nachzubauen. Das genetische Material kauften sie ganz einfach bei einer Versandfirma.

Doch für Terroristen wäre Vergleichbares trotzdem nicht ohne weiteres möglich, sagt Katheryn Nixdorff, Professorin am Institut für Mikrobiologie und Genetik der TU Darmstadt: "Zwar sind Genome in Datenbanken im Internet einsehbar, aber Terroristen bräuchten erhebliches Wissen, viel Geld und viel Unterstützung, um überhaupt in diesem Bereich arbeiten zu können.“

Die Aum-Sekte unter der Führung Shoko Asahara scheiterte an der Komplexität von Biowaffen
DPA

Die Aum-Sekte unter der Führung Shoko Asahara scheiterte an der Komplexität von Biowaffen

Dass Biowaffen äußerst schwer herzustellen sind, zeigt die Erfahrung der japanischen Aum-Sekte: Etwa eine Milliarde US-Dollar gab die Sekte aus, um Wissenschaftler an biologischen Kampfstoffen wie Anthrax forschen zu lassen. Denn selbst wenn der Erreger vorhanden ist - zur Biowaffe wird er erst, wenn er sich effektiv verbreiten lässt. Die Aum-Sekte scheiterte - und stieg auf Chemie-Terror um.

"Im Netz gibt es nützliche Informationen, aber kein Kochbuch. Die interessantesten Informationen bekommt man immer noch in Bibliotheken“, sagt der Hamburger Biowaffenexperte Jan van Aken. Nachdenklich wird er nur bei der Frage, ob das Genom des hochgefährlichen Pocken-Virus im Netz veröffentlicht werden solle - selbst wenn derzeit an einen künstlichen Nachbau dieses sehr großen Virus nicht zu denken ist.

Auch bei Chemiewaffen geben Experten Entwarnung. "Es gibt derzeit kein Kochbuch im Internet“, so John Hart, Chemiewaffenexperte am Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI. Die Herstellung gefährlicher Kampfgase in nennenswerter Menge erfordere erheblichen Aufwand und sei kaum ohne staatliche Unterstützung zu leisten. Zwar wird in Internet-Foren beispielsweise über die Frage "How to make Sarin“ diskutiert, doch mehr als chemische Formeln und Grundlagen der Herstellung werden dort nicht ausgetauscht - kein besonders spezialisiertes Wissen.

"Die größte Gefahr von zu vielen Informationen im Internet ist vermutlich nicht die Anleitung zum Terrorismus. Terroristen haben ganz andere Wege, an ihr Wissen zu kommen. Gefährlich ist eher, dass durch solche Informationen Leute verleitet werden, Dinge einfach mal auszuprobieren und sich und andere zu gefährden“, sagt Peter Kaiser, Pressesprecher der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) in Den Haag.

Beispiel Atombomben: Auch hier sind sich Experten einig, dass technisch hoch optimierte Kernwaffen nur von Staaten herzustellen sind. "Terroristen könnten maximal einen nuklearen Sprengkörper konstruieren“, heißt es in einer Studie der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung. Schlimm genug - denn ein solcher Sprengkörper würde eine Kernexplosion erzeugen. Er ist jedoch nicht optimiert und zur Herstellung sind große Mengen an spaltbarem Material nötig, so dass die Bombe sehr schwer und äußerst unhandlich wäre.



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