Digitale Zeitenwende Liebe Leserin, lieber Leser,


die digitale Erlebniswelt ist mir nicht vollkommen fremd. Ich nutze die Klaviatur des Internets nach Kräften. Ebenso verstehe ich, welchen Gesetzen eine Motorelektronik gehorcht (und welche sie bricht). Als Hilfsmittel zur besseren Abwicklung von Korrespondenzen oder Handelsgeschäften sind Algorithmen so hilfreich wie ein Drehmomentschlüssel im Werkzeugschrank des Maschinenschlossers.

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Heft 24/2019
Sprengkommando Kühnert - warum SPD und GroKo den Juso-Chef fürchten müssen

Und eben als Werkzeuge sollten sie begriffen werden, nicht als Selbstzweck. Es freut mich aufrichtig, dass junge YouTuber ihre Kommunikationskanäle nutzen, um sich zum politischen Geschehen zu äußern. Über den Tiefgang der Ausführungen mag an anderer Stelle diskutiert werden. Grundsätzlich ist das alles in Ordnung.

Missverständnisse und Schäden entstehen, wenn die digitale Welt zu einer Art Gottheit erklärt und damit die Illusion genährt wird, sie könne alle Probleme lösen. Die Tech-Industrie Kaliforniens gefällt sich gerade in diesem Götzenstatus und ist munter dabei, sich gründlich zu entzaubern.

Die Segnungen von Google und Co. beschränken sich im Wesentlichen aufs Beseitigen läppischer Lästigkeiten des Alltags und richten dabei nicht selten gewaltige Kollateralschäden an.

Dass der Fachhandel untergeht und Massen von Lieferwagen die Straßen verstopfen, weil der von Apps und Amazon gefangene Konsument fast alles im Internet bestellt, dass seriöse Medien sterben, während auf der globalen Gratisplattform der sozialen Schwätzwerke bald jeder sein eigener Journalist ist, sind oft beklagte Befunde der digitalen Zeitenwende.

Meg Roussos/Bloomberg via Getty Images

Besonders ernüchternd wird es, wenn die Herren der Algorithmen sich anschicken, echte, handfeste Missstände anzugehen. Die Vision vom vernetzten Robotaxi, mit dem das tägliche Verkehrschaos der Metropolen unfallfrei entknotet werden soll, ist ausgemachter Blödsinn und verstellt den Blick auf den dringend nötigen Ausbau öffentlicher Verkehrsmittel. Von einem fahrerlosen Auto, das wirklich sicher fährt, sind Google und Uber ebenso weit entfernt wie Facebook von einem missbrauchssicheren Kommunikationssystem.

Es geht nicht darum, alles Neue abzulehnen. Ich empfehle Ihnen, die Urteilskraft zu bewahren und nicht bei jedem Geschwätz mitzumachen.

Herzlich

Christian Wüst
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Abstract

Meine Leseempfehlungen dieser Woche

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"42: Answer to the Ultimate Question of Life, the Universe, and Everything" (Douglas Adams)
  • Wie tief kam ein menschlicher Taucher ohne Atemgerät?
  • Wie viele Muskeln hat der Rüssel eines Elefanten?
  • Wie schnell fuhr das schnellste Auto?

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Bild der Woche

THOMAS COEX/ AFP

Die größte Energiequelle, die auf Erden nutzbar ist, lässt den Aschalim Solar Power Tower wie einen Leuchtturm erscheinen: Auf 300 Hektar Fläche fängt die in der israelischen Negev-Wüste gelegene Anlage Sonnenstrahlen mit Spiegeln ein, bündelt sie an der Turmspitze und produziert aus der Hitze Strom. Mit einer Leistung von rund 120 Megawatt ist der Aschalim-Turm eines der größten solarthermischen Kraftwerke der Welt.

Fußnote

74.000 Partikel Mikroplastik gelangen mindestens pro Jahr in den Körper jedes Amerikaners durch die Aufnahme von Nahrung und Getränken sowie die Atemluft. Zu diesem Ergebnis kommt eine Veröffentlichung kanadischer Wissenschaftler. Grundlage ist eine Auswertung von 26 Einzelstudien, für die Speisefische, Zucker, Salz, Luft sowie Wasser aus Flaschen und Leitungen untersucht wurden. Die Verunreinigung der Umwelt durch Kunststoffteilchen ist der massenhaften Produktion und Verschwendung von Plastik für Verpackungen und andere Zwecke geschuldet. Ob die Partikel der Gesundheit schaden, ist noch unbekannt.

Die SPIEGEL+-Empfehlungen aus der Wissenschaft

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* Quiz-Antworten: Herbert Nitsch tauchte am 14. Juli 2007 in Spetses (Griechenland) 214 Meter tief / Der Rüssel eines Elefanten hat 16 Muskeln, bestehend aus rund 150.000 Muskelfaserbündeln / Am 15. Oktober 1997 erreichte Andy Green mit dem Thrust SSC in Nevada (USA) 1227,985 Kilometer pro Stunde

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insgesamt 6 Beiträge
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zeichenkette 08.06.2019
1. Der Vorwurf der Banalität
ist sicher nicht unberechtigt, aber es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, wenn das allwissende professionelle Medium dann solche Artikel mit Convenience-Fotos aus der Wühlkiste illustriert. Warum soll ich also auf diese Meinung mehr geben als auf die Millionen anderer Meinungen? Mir einfach was denken und es schnell irgendwo hinrotzen kann ich schließlich auch. Google & Co machen es sich zu einfach? Mag sein, aber die professionellen Journalisten und Medien machen es sich noch viel einfacher.
o.schork 08.06.2019
2. Zustimmung
In weiten Teilen kann ich diesem Artikel nur zustimmen. Was das autonome Fahren betrifft wäre uns und der Umwelt schon mal geholfen, wenn wir intelligente Anfahrsysteme hätten, welche den Ziehharmonikaeffekt an Ampeln und bei Staus eliminieren, wenn es funktionierende Abstandssysteme gäbe, die auch das Rechtsfahrgebot und den rückwärtigen Verkehr berücksichtigen und somit aktive Stauvermeidung betreiben würden. Ich schätze das Einsparpotenzial an Zeit und Ressourcen auf mindestens 25% ein.
dummzeuch 08.06.2019
3. Lieferfahrzeuge verstopfen die Straßen?
Netto betrachtet ist es deutlich sinnvoller, wenn alle online bestellen und diese Waren per Lieferwagen für alle zusammen zugestellt werden, statt dass jeder mit den Auto auf die grüne Wiese zum Einzelhandel fährt, dort stundenlang sucht und hinterher mit Glück tatsächlich etwas findet und mit nach Hause nimmt (oder halt auch nichts findet und trotzdem zurück fährt). Ein Lieferwagen ersetzt dann locker 50 PKW. Das spart viel Sprit, erzeugt deshalb weniger CO2 und die Straßen sind auch leerer. Und Zeit spart es auch noch. Aber natürlich darf man das so nicht sagen, weil ... ARBEITSPLÄTZE!
der_rookie 08.06.2019
4. Hm
ÖPNV ausbauen (ja, in Großstädten wichtig) und autonomes fahren (ob PKW oder Bus) schließen sich nicht gegenseitig aus. Man muss aber mit ein paar Dingen aufräumen: (1) es ist Quatsch überall wo Menschen leben können/wollen Bus und Bahn auszubauen - bitte erst ab einer gewissen Bevölkerungsdichte. Taxis sind da billiger und autonome Taxen Ständen auch rund um die Uhr zur Verfügung. (2) Autonome Fahrzeuge erzeugen mehr Verkehr! Es sinkt nämlich die Aufwandsschwelle für eine Fahrt. So kann man die Kinder von der Schule abholen lassen ohne selber fahren zu müssen. (3) Ja, autonome Autos machen Fehler und verursachen Unfälle. Menschliche Fahrer aber auch. Und dem Unfallopfer ist es letztlich egal ob ein Mensch oder eine Maschine den Fehler gemacht hat. Aus Opfersicht sind also autonome Autos bereits dann zu bevorzugen, wenn sie weniger Unfälle als ein durchschnittlicher Autofahrer verursachen - sie müssen nicht quasi Fehlerfrei werden 4) Autonome Fahrzeuge verbessern sich schneller als menschliche Fahrer: Softwareupdates führen dazu, dass nach einem Fehler eines autonome Fahrzeugs, unzählige andere autonome Fahrzeuge lernen. Menschliche Autofahrer lernen dagegen meist nur aus eigenen Fehlern, nicht aber aus Fehlern Fremder.
bernhard.geisser 08.06.2019
5.
Grundsätzlich ist es so, dass Google ein Informations-Bedürfnis bedient, bei (relativ) geringem Ressourcenverbrauch. Treten die Konsumenten in der Folge eine Konsumwelle los, so bin ich einverstanden, dass dies häufig Ressourcenverschleuderung ist. Eingreifen müsste hier die Politik mit Steuerungsmechanismen - müsste, wird aber nicht: In der Demokratie bringt das Volk diejenigen Politiker an die Macht, welche das Volk mit bequemen Lösungen versorgen.
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