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SPIEGEL

Philip Bethge

Feuerwerk an Silvester Böllern bis der Arzt kommt

Liebe Leserin, lieber Leser,

die Deutschen haben ein ähnlich verqueres Verhältnis zu Feuerwerkskörpern wie die Amerikaner zu ihren Schusswaffen. Soll der Gebrauch eingeschränkt werden, geht es immer gleich ums große Ganze: um Freiheit, Selbstbestimmung, Demokratie.

Als etwa das Land Niedersachsen im Rahmen des aktuellen Corona-Shutdowns für den diesjährigen Jahreswechsel auch das Böllern verbot, reichte ein Knaller-und-Raketen-Fan beim Oberver­waltungsgericht in Lüneburg einen »Normenkontrolleilantrag« dage­gen ein – und bekam auch noch recht: Die Landesregierung habe nicht hinreichend dargelegt, dass ein umfassendes Feuerwerksverbot dem Infektionsschutz diene. Der Böller-Bann wurde vorläufig aufgehoben.

Dabei spricht nicht nur die erhöhte Infektionsgefahr dagegen, mit Freunden die Kracher krachen zu lassen: Haustiere rasten aus, Feinstaub  verpestet die Luft. Und an keinem anderen Tag des Jahres verletzen sich so viele Menschen: Finger werden abgetrennt, Augen nehmen Schaden – böllern, bis der Arzt kommt.

Silvesterböller kurz vor der Explosion

Silvesterböller kurz vor der Explosion

Foto: Marius Schwarz / imago images

Wer einmal im Ausland gelebt hat, etwa in Kalifornien oder in Australien, weiß, dass es vollkommen irre ist, was hierzulande in den ersten Stunden eines jeden neuen Jahres abgeht – anderswo ist eine solche millionenfache Sprengstofforgie so undenkbar, wie mit Tempo 200 über die Autobahn zu rasen.

Ob sich die Deutschen wenigstens in diesem Jahr zügeln können, ist ungewiss. Fans von Feuerwerkskörpern stehen in ihrer Renitenz Tempolimitgegnern und Gesichtsmaskenverweigerern in nichts nach. Jetzt erst recht, könnte die Devise lauten. Querdenken heißt in diesem Jahr vermutlich auch, kräftig zu böllern – einfach aus Trotz und weil angeblich die Freiheit in Gefahr ist.

Dabei wäre Corona eine Chance, endlich einmal auch hierzulande den Jahreswechsel friedlich genießen zu können.

Herzlich

Ihr Philip Bethge

(Feedback & Anregungen? ) 

Abstract

Meine Leseempfehlungen dieser Woche:

  • Nie waren Wissenschaftler so präsent in der öffentlichen Debatte wie in diesem Jahr. Meine Kollegin Rafaela von Bredow über die Corona-Experten Anthony Fauci, Anders Tegnell und Christian Drosten.

  • Frühe Menschenarten haben vielleicht Winterschlaf gehalten . Lässt sich das nicht wieder einrichten, um die Corona-Pandemie einfach zu verschlafen?

  • Mit der Kraft der Mathematik: So  bleiben Sie über Weihnachten bei Gesellschaftsspielen auf der Gewinnerstraße.

  • SPIEGEL-Kolumnist Christian Stöcker über die desaströse Klimapolitik der Bundesregierung.

  • Wie Wissenschaftler militärische Geheimdienstfotos aus dem kalten Krieg nutzen , um historische ökologische Veränderungen zu analysieren.

  • Dauerwirkung : Feldfrüchte aus der Nähe von Tschernobyl sind 34 Jahre nach dem Nuklearunfall immer noch gefährlich kontaminiert.

  • Sie haben die Große Konjunktion von Jupiter und Saturn verpasst? Hier  ist eine Sammlung faszinierender Amateurfotos, manche sind sogar mit dem Handy gemacht.

  • Was ist ein gutes Geschenk? Der Wissenschaftler Friedrich Rost erklärt , worauf es beim Schenken ankommt – und warum gerade Paare, die schon länger zusammen sind, oft danebengreifen.

Quiz*

Wie viele Augenverletzungen durch Feuerwerk gab es zum Jahreswechsel 2019/2020 in Deutschland?
a. rund 500
b. rund 5000
c. rund 50.000

Welchen Anteil der jährlichen Emissionen gesundheitsschädlicher Rußpartikel blasen Raketen und Böller an Silvester in die Luft?
a. 1 Prozent
b. 10 Prozent
c. 30 Prozent

Wie viel geben die Deutschen alljährlich für Feuerwerk aus?
a. 70 Millionen Euro
b. 140 Millionen Euro
c. 320 Millionen Euro

*Die Antworten finden Sie ganz unten im Newsletter.

Bild der Woche 

Foto: JPL-Caltech / SwRI / MSSS / NASA

Wie eine Weihnachtskugel aus buntem Glas wirkt diese Fehlfarbendarstellung des Planeten Jupiter. Das von der ­­Nasa-Sonde »Juno« aufgenommene  Bild zeigt gewaltige Wirbelstürme mit Durchmessern von bis zu 4600 Kilo­metern, die kreisförmig um den Nordpol des Gasplaneten ziehen. Die Wolken von Jupiter-Stürmen werden mehr als 50 Kilometer hoch.  

Fußnote

11.088 Quadratkilometer Regenwald sind innerhalb eines Jahres in Brasilien abgeholzt worden, mehr als je zuvor in dieser Dekade. Forscher  machen die Landwirtschafts- und Bergbauförderung unter der Ägide von Präsident Jair Bolsonaro verantwortlich. Auch die zunehmenden Brände sind Ursache, aber auch Folge des Raubbaus. Der Kahlschlag fragmentiert den Wald. Er trocknet deshalb stärker aus.

Empfehlungen aus der Wissenschaft 

*Quizantworten
1) Bundesweit 59 Augenkliniken meldeten  insgesamt 523 Verletzte. Zu den schweren Verletzungen zählen Prellungen oder Risse im Augapfel, oft in Verbindung mit Verletzungen am Lid und der Augenoberfläche. Das typische Opfer ist männlich und minderjährig.
2) Ein Prozent der jährlichen Gesamtemissionen oder rund 2000 Tonnen, schätzt das Umweltbundesamt , in der Nacht zu Neujahr messen zahlreiche Messstationen ihre Jahreshöchstwerte. 
3) Die Deutschen haben in den vergangenen Jahren für Raketen, Knaller und Batteriefeuerwerke jährlich rund 140 Millionen Euro ausgegeben.

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