Christian Stöcker

Nörgelei über Silvesterfeuerwerk Lassen Sie's krachen!

Silvesterfeuerwerk hat in Deutschland keinen guten Ruf. Böllern ist irgendwie verwerflich, dekadent. Hinausgeworfenes Geld, das man lieber für einen guten Zweck ausgeben sollte. Warum eigentlich?
Feuerwerkskörper (Archivbild)

Feuerwerkskörper (Archivbild)

Foto: Maja Hitij/ picture alliance / dpa

"An Weihnachten liegen alle rum und sagen puh-hu-huu-huuu / der Abfalleimer geht schon nicht mehr zu-hu-hu-hu-hu-huuu / Die Gabentische werden immer bunter, und am Mittwoch kommt die Müllabfuhr und holten den ganzen Plunder."

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Die Knallerei an Silvester sollte man abschaffen. Seltsamerweise sind sich in diesem einen Punkt viele einig, die sich sonst auf fast gar nichts einigen können. Linke wie ganz weit Rechte zum Beispiel. Im Kommentarbereich eines mittelbekannten deutschen Rechtsaußenbloggers habe ich die kuriose, sarkastisch gemeinte Bemerkung gefunden, es sei ein "Sieg für unsere 'sozialträchtige' Kanzlerin", dass jedes Jahr so viel Geld in Silvesterfeuerwerk investiert wird. Irgendwie scheint das mit "multi-kulti" zusammenzuhängen, stand da jedenfalls.

Und im rechter Gesinnung unverdächtigen "Freitag" konnte man vor einigen Jahren lesen , dass "Widerständige" sich den "obligatorischen Raketenkauf" sparen und lieber "aufs Land" fahren sollten.

Warum ist Geld für Raketen eigentlich "verballert"?

Auch die Tierschutzpartei kennt gleich mehrere Gründe, "warum man auf die Böllerei verzichten sollte". Die bekannte Widerständigenorganisation "Brot statt Böller"  - die übrigens auch einen gleichnamigen Sekt feilbietet - setzt sich aus der evangelischen Jugend und der Deutschen Katholischen Jugend Münchens zusammen. Feuerwerksfeindlichkeit ist in Deutschland also unabhängig von politischen Lagern und sogar überkonfessionell. Aber warum eigentlich?

Die zentralen Argumente der Feuerwerksfeinde sind: Verschwendung, Krach, Feinstaub, Unfallgefahr und Müll. Über die letzten vier kann man sicher streiten, der erste Punkt aber erscheint mir absonderlich. Warum sollte etwas sinnlos sein, das Millionen Kindern und Erwachsenen augenscheinlich viel Spaß macht? Und vor allem: Warum ist Geld, das in diese Art Spaß investiert wird, immer "verballert", solches aber, das in andere eher nicht allzu nützliche Dinge gesteckt wird, nicht?

Ein prominentes Beispiel: Raten Sie mal, wie viel Geld die Deutschen im Jahr für Weihnachtsbäume ausgeben, eine merkwürdige aber liebenswerte Tradition, der es irgendwie gelungen ist, an das mächtige Mem des Christentums anzudocken. Na? Es sind, über die letzten Jahre konstant, etwa 700 Millionen Euro .

Und all die Millionen Christbäume müssen natürlich nicht nur herangezogen, gefällt, durch die Gegend gefahren, mit umweltverschmutzendem Lametta geschmückt werden, sondern anschließend auch abtransportiert und entsorgt. Wie viel Geld wird für Feuerwerkskörper ausgegeben? Pro Silvester derzeit etwa 130 bis 140 Millionen Euro . Die Deutschen investieren also fünfmal so viel Geld in Christbäume wie in Kracher und Raketen.

"Brot statt Weihnachtsbaum"?

Haben Sie schon mal irgendwo einen erbosten Kommentar über den ganzen Nadelbaummüll gelesen, der deutsche Gehwege jeden Januar verstopft? Oder die Forderung "Brot statt Weihnachtsbaum"? Nein? Ich auch nicht.

Wenn man letztere Wortfolge googelt, bekommt man exakt drei Treffer, von denen nur zwei einschlägig sind: Es handelt sich um Foren, in denen jemand fragt, ob andere es für eine gute Idee halten würden, auf den Baum zugunsten eines guten Zwecks zu verzichten. Die meisten antworten mit "eher nicht". "Brot statt Böller" liefert über 35.000 Treffer.

Woran liegt das? Ich habe einen Verdacht: Silvester ist säkular, Weihnachten nicht. Es gibt da ein Muster: Konsumkapitalistische Exzesse sind immer dann irgendwie okay, wenn sie christlich begründet werden können - Ostern, Weihnachten - aber zu verdammen, wenn sie eher heidnischen Ursprungs sind - Halloween, Silvester.

Ein kirchlicher Feiertag als Ausrede - hurra, Umsatz!

Wenn irgendein kirchlicher Feiertag als Ausrede herangezogen werden kann, werden die grandiosen Umsätze, die der Einzelhandel erzielt hat, gefeiert. Wenn nicht, werden der Konsumwahn und die Sinnlosigkeit all der Geldausgeberei angeekelt angeprangert.

Zwar kommen nur noch 25 Prozent der hier gezündeten Feuerwerkskörper aus deutschen Fabriken, aber interessanterweise profitiert gerade der doch von all den Versandhändlern so gebeutelte deutsche Einzelhandel vom Raketen-Shopping: Dem Verband der pyrotechnischen Industrie zufolge werden in Deutschland 95 Prozent aller Feuerwerke in Großmärkten und Einzelhandelsgeschäften gekauft.

Wer das Böllern also verdammt, der sollte konsequenterweise auch auf Weihnachtsbaum, Geschenkpapier und vielleicht das eine oder andere erkennbar überflüssige Geschenk verzichten und all das gesparte Geld für gute Zwecke spenden.

Oder man macht es anders: Brot und Böller statt Brot statt Böller. Für jeden Christbaumkauf und jede Feuerwerksbatterie wird eine äquivalente Summe für einen guten Zweck gespendet. Hund, Katze oder Wellensittich sollte man gegen Mitternacht am besten an einen möglichst schallgeschützten Ort bringen. Die leergeballerte Batterie - solche Kartons mit Raketen machen mittlerweile 50 Prozent des Marktes aus - am besten gleich und selbst in der Mülltonne entsorgen.

Tatsächlich verursacht, wie das Umweltbundesamt eben noch einmal betont hat , Feuerwerk eine gewaltige Menge Feinstaub. Aber eben nur an einem einzigen Tag im Jahr, oft, je nach Wetterlage, nur in den ersten Neujahrsstunden. Das bedeutet vor allem, dass Ballungsräume schneller an die Obergrenze von 35 Tagen pro Jahr mit Belastungen jenseits des Grenzwerts stoßen. Das Feinstaubproblem löst eine Abschaffung des Feuerwerks keineswegs.

Wer also ein schlechtes Gewissen hat wegen der einmaligen Feinstaubbelastung, der möge doch bitte zum Ausgleich ein paar Monate mit dem Rad statt dem Auto zur Arbeit fahren. Das ist gesund, gut für die Umwelt und verhindert ebenfalls Lärm, und zwar viel nachhaltiger.

Dann können Sie ohne Reue und schlechtes Gewissen sich und ihre Kinder glücklich machen, indem Sie bunte Bilder an den Nachthimmel malen. Aber seien Sie dabei, auch wenn sich das eigentlich von selbst verstehen sollte, bitte vorsichtig.

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