Konferenz-Verhalten Männer stellen die meisten Fragen, auch wenn sie in der Minderheit sind

Ein Raum voller Frauen und trotzdem spricht ein Mann: In Diskussionsrunden ist das häufig der Fall. Forscher haben untersucht, was Frauen zum Mitreden animiert. Eine Quote für Podien braucht es nicht.
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Die Naturwissenschaften gelten als Männerdomäne. Noch immer machen mehr Wissenschaftler als Wissenschaftlerinnen Karriere. Frauen werden seltener Professoren, treten seltener als Experten in der Öffentlichkeit auf und sitzen seltener auf Podien von Wissenschaftskonferenzen.

Zahlreiche Fachgesellschaften versuchen, das zu ändern und zumindest die Podien auf Konferenzen gleichermaßen mit Frauen und Männern zu besetzen. Doch das allein reicht nicht, zeigt eine aktuelle Studie. Selbst wenn viele Frauen vertreten sind, bestimmen Männer die Diskussionen, Frauen melden sich dagegen kaum zu Wort.

"In einem Fall waren 70 Prozent der Leute in einem Raum Frauen und trotzdem stellten sie nur 45 Prozent aller Fragen", sagt Natalie Telis, die an der Stanford University über das Phänomen geforscht hat. Rechne man das hoch, müsse ein Publikum zu 80 oder 90 Prozent aus Frauen bestehen, damit sie ähnlich viele Fragen stellen wie Männer.

Die Idee zu der Studie hatte Telis, als sie auf einer Wissenschaftskonferenz die einzige Frau war, die eine Frage stellte, während alle anderen Wortmeldungen von Männern kamen. Also beschloss sie, zu untersuchen, ob das Erlebnis repräsentativ war.

Männer fragen eher Männer, Frauen eher Frauen

Gemeinsam mit ihrer Kollegin Emily Glassberg und zwei weiteren Forschern wertete sie Hunderte Stunden Videomaterial von Vorträgen auf den Jahrestreffen der American Society of Human Genetics (ASHG) aus, die zwischen 2014 und 2017 stattgefunden hatten. 2017 schickten die Forscher zudem 81 Freiwillige auf die Veranstaltung, um vor Ort Daten zu sammeln. Zusätzlich begutachteten sie Vortrage des "Biology of Genomes Annual Meeting" aus den Jahren 2015 bis 2018.

Die Daten glichen sie mit der Zahl der männlichen und weiblichen Besucher in verschiedenen Veranstaltungen ab.

Das Ergebnis: Von insgesamt 463 untersuchten Fragen stellten Frauen nur 35 Prozent, dabei waren sie mit einem Anteil von durchschnittlich 53 Prozent die Mehrheit im Publikum, berichten die Forscher im Fachmagazin "The American Journal of Human Genetics" .

Selbst in Diskussionen über klassisch weiblich besetzte Themen waren Frauen demnach unterrepräsentiert - etwa, wenn es um ethische, rechtliche oder soziale Aspekte der Genforschung ging. Auffällig war auch, dass Frauen eher Forscherinnen etwas fragten und Männer eher Forscher.

Laut den Forschern widerspricht die Studie der These, dass Frauen sich auf Konferenzen allein deshalb häufig zurückhalten, weil sie in der Minderheit sind. "Es gibt diese Vorstellung, dass sich alle Geschlechterungerechtigkeit auflöst, wenn es gleich viele Männer wie Frauen auf solchen Tagungen gibt", so die Forscherin. "Aber so ist es nicht."

Die erste Frage stellt ein Student

Auf dem "Biology of Genomes Annual Meeting" 2017 führte ein Post von Telis beim Nachrichtendienst Twitter ungeplant zu einem Experiment, das Hinweise darauf liefert, was es braucht, damit sich Frauen stärker beteiligen. Die Forscherin twitterte aus einer Session, dass dort zwar 35 Prozent Frauen anwesend seien, aber nur elf Prozent der Fragen stellten.

Das führte zu zahlreichen Diskussionen unter den Teilnehmern und veränderte den Verlauf der Konferenz. Die Organisatoren führten die Regel ein, dass die erste Frage in jeder Session von einem Studenten oder einer Studentin stammen musste - also aus einer eher heterogenen Gruppe. "Es gab sofort eine Veränderung", berichtet Telis. Frauen hätten begonnen, sich häufiger zu Wort zu melden. Auch auf der folgenden Konferenz 2018 sei das noch so gewesen.

Ob das an der neuen Regel lag, oder allein an der Tatsache, dass Frauen darauf aufmerksam gemacht wurden, dass sie zu wenig mitdiskutieren, müsse aber noch untersucht werden. Über die Gründe für die Zurückhaltung der Frauen können die Forscher nur spekulieren. Sie glauben, dass Kommunikationstrainings ein Mittel sein könnten, Frauen zum Mitdiskutieren zu ermutigen. Das müsse aber noch genauer erforscht werden.

Telis hofft, dass sich auch durch ihre Forschung und die Aufmerksamkeit, die dadurch auf das Thema gelenkt wird, bald mehr Frauen an wissenschaftlichen Diskussionen beteiligen. Es sei wichtig, dass sich weitere Forscher mit dem Thema auseinandersetzen. "Wenn wir die Meinungen von Frauen hören wollen, müssen wir diese Dinge untersuchen", so Telis.

Glassberg und Telis haben sich inzwischen selbst gegen eine Forscherkarriere entschieden und arbeiten in der Industrie.