Krisenstaat Mali Wie der Klimawandel Terror und Gewalt fördert

Seit Jahren herrscht in Mali Krieg. Ein Bericht des Forschungsinstituts Sipri hat nun untersucht, welche Rolle der Klimawandel dabei spielt.
Region in Mali: Dürren auf dem Vormarsch

Region in Mali: Dürren auf dem Vormarsch

Foto: Poncho / Getty Images

Mali ist ein zerrissenes Land. Seit 2012 wütet im Norden der westafrikanischen Nation ein Konflikt, der sich über das ganze Land ausgebreitet hat. Damals verbündeten sich Islamisten aus Nordafrika mit Tuareg, die in der Region lebten oder eingewandert waren. Es kam zu einem Aufstand, rasch brachten die Milizen die nördlichen Regionen des Landes unter ihre Kontrolle. Später sprang der Konflikt auf Zentralmali und die Nachbarländer Burkina Faso und Niger über.

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Der Krieg hat bis heute Tausende Menschenleben gekostet. Uno-Blauhelmtruppen sollten das Töten stoppen. Doch noch immer kommt es zu Anschlägen und Überfällen. Die Stabilisierungsmission Minusma der Uno, an der sich auch deutsche Soldaten beteiligen, soll dem Krisenstaat endlich Ruhe bringen – doch trotz der 13.000 Blauhelmsoldaten und 1700 Polizisten war der Erfolg bisher überschaubar.

Liegt das auch an externen Faktoren? Ein Bericht des Stockholm International Peace Research Institute  (Sipri) hat nun untersucht, welche Rolle der Klimawandel bei diesem Konflikt spielt und welche Auswirkungen er auf die Friedensbemühungen der Uno in Mali hat. Dafür haben die Autoren um Farah Hegazi Literatur ausgewertet und mehr als 50 Interviews mit Experten geführt.

Die zentralen Erkenntnisse: Sowohl Extremismus als auch Konflikte und Gewalt im Norden von Mali sind eine Folge des Klimawandels oder werden durch ihn verschärft. »Ohne die Integration des Klimawandels sind die Friedenskonsolidierungen kaum möglich«, folgert Florian Krampe, Co-Autor des Berichts, dem SPIEGEL.

Mali und insbesondere der Norden des Landes ist, wie auch andere Länder in der Sahelzone, stark von klimatischen Veränderungen betroffen. Das Land erlebt seit den Sechzigerjahren einen konstanten Anstieg der Temperaturen, heißt es in dem Bericht. Dürreperioden werden immer häufiger. Bis Ende der 2050er-Jahre werden die Werte laut globalen Klimamodellen zwischen 1,2 und 3,6 Grad steigen. Auf der anderen Seite verursachen Extremwetterereignisse wie starke Regenfälle in Zukunft womöglich häufiger heftige Überschwemmungen.

Die Folgen dieser klimatischen Veränderungen betreffen vor allem die ärmeren Bevölkerungsgruppen, deren Lebensgrundlage Landwirtschaft und Viehzucht ist. Aber wo die nutzbaren Flächen abnehmen und Wasserquellen versiegen, sind Konflikte in einer schnell wachsenden Bevölkerung vorprogrammiert. Im Kampf um Ressourcen haben es Extremismus und Gewalt leichter. »Hirten und Bauern sind dann schneller anfällig für solche extremistischen Strömungen«, so Krampe. Die Terrororganisation al-Qaida rekrutiere in der Sahelzone beispielsweise gezielt junge Menschen, die in eine finanzielle Schieflage geraten sind, sagt der Sicherheitsexperte.

Einer der Offiziere, der für den Bericht befragt wurde, sprach in einem Interview von einer schwierigen Lage, in der die jungen Leute steckten. »Keine Arbeit, keine Schulen, kein Wasser«, sagt er. »Die einzige Möglichkeit ist, zu den Waffen zu greifen und sich zu holen, was sie kriegen können.«

Wetterprognosen durch Klimaforscher

Um das Bewusstsein für die Folgen des Klimawandels und die gesellschaftlichen und politischen Folgen besser einschätzen zu können, bedarf es laut Bericht besserer Bildung in dem Bereich. Zwar ist der lokalen Bevölkerung der Mechanismus des Klimawandels durchaus bewusst, aber die Menschen verfügten nicht über die Möglichkeiten, sich über Maßnahmen zum Gegensteuern zu informieren.

Auch innerhalb der Minusma-Mission müssten Schulungen zu Klimasicherheitsanalysen durchgeführt werden und zudem ein Berater für Umweltsicherheit eingesetzt werden. Das würde auf allen Ebenen das Bewusstsein für die Mechanismen schaffen, die bei der Klimasicherheit eine Rolle spielen, so Sipri. Einen solchen Berater für Klimafragen gibt es laut Krampe bereits in Somalia, der Posten wird mit deutschen Geldern finanziert.

Und hier kämen auch Klimaforscher und Meteorologen ins Spiel: Sie könnten beispielsweise Wetterprognosen für Krisenregionen erstellen. Wenn sich Dürren oder Missernten andeuten, kann man gezielt regieren und schon präventiv tätig werden. »Ausbrüche von Gewalt haben in diesen Regionen direkt mit dem Agrarsektor zu tun«, sagt Krampe.

Das alles ist keine Garantie, dass die Region künftig dauerhaft befriedet werden kann, betont Krampe. Dass der Klimawandel Uno-Missionen weltweit aber weiterhin beschäftigen wird, darauf deutet eine andere Sipri-Untersuchung  hin: Mit Stand Dezember 2020 waren 10 von 21 aktiven Uno-Friedensmissionen in Staaten im Einsatz, die als von der Klimakrise besonders betroffen gelten. Sechs der zehn personell größten Uno-Operationen liegen ebenfalls in solchen Ländern. Jüngste Untersuchungen zeigten, dass die Folgen der Erderwärmung in diesen Ländern erhebliche Auswirkungen auf Uno-Friedensmissionen haben könnten, so Sipri.