Prognosen zu Abstandsregeln Noch zwei Jahre ohne Händeschütteln

Forscher der Universität Harvard haben errechnet, wie sich das Coronavirus in den nächsten Jahren verbreiten könnte. Das Ergebnis macht wenig Mut.
Begrüßung per Ellenbogen: Immer wieder könnten Phasen von sozialer Distanz notwendig sein

Begrüßung per Ellenbogen: Immer wieder könnten Phasen von sozialer Distanz notwendig sein

Foto: Hugo Goudswaard/ Getty Images

Erst seit einem Monat gelten die strengen Abstandsregeln in den meisten Ländern - vielen Menschen kommt es schon wie eine Ewigkeit vor. Auch wenn die Politik nun mit einem stufenweisen Ausstieg aus dem Ausnahmezustand liebäugelt, könnte die Rückkehr zur Normalität noch sehr lange dauern.

Bis ins Jahr 2022 hinein könnten immer wieder Phasen von sozialer Distanz notwendig sein, glauben Wissenschaftler von der US-Universität Harvard, die dazu eine Studie im Fachmagazin "Science"  veröffentlicht haben. Eine einzige solche Periode, wie sie jetzt gerade stattfindet, dürfte nicht ausreichen. Spätestens nächsten Winter - sprich ab Oktober - könnte in Europa die nächste Covid-Welle drohen, weil das Virus sich sehr wahrscheinlich eher bei kaltem Wetter ausbreitet.

Dass das Virus nach einer ersten intensiven Lockdown-Welle ausgerottet ist, halten die Forscher nicht für wahrscheinlich. Solange kein Impfstoff gefunden ist oder wirksame Behandlungsmethoden erforscht sind, helfe nur "Social Distancing". Sonst könne die Verbreitung des Virus mittelfristig nicht auf einem für die Krankenhäuser zu schulternden Niveau gehalten werden, sagte Studienautor Stephen Kissler.

In den USA wird derzeit, wie in vielen anderen Ländern auch, über eine mögliche Lockerung der Anti-Corona-Maßnahmen und eine langsame Rückkehr zur Normalität nachgedacht.

Die Studie basiert auf Computermodellen zur Verbreitung des Coronavirus - eine Art Simulation für die nächsten Jahre. Die Untersuchung basiert auf der Annahme, dass Covid-19 wie die gewöhnliche Grippe künftig saisonal auftreten könnte, mit höheren Ansteckungsraten in den kälteren Monaten.

Dabei kommt es laut den Forschern darauf an, wie gut die Krankenhäuser ausgestattet sind und wie streng die erste Phase eines Lockdowns ist. Dementsprechend schwanken die Wahrscheinlichkeiten einer saisonalen Wiederaufnahme der Maßnahmen zwischen 25 und 75 Prozent.

Eine massive Häufung von Erkrankungen würde Kliniken auch künftig an ihre Belastungsgrenzen bringen oder überfordern, wie es derzeit der Fall ist, schreiben die Forscher. Maßnahmen wie Vorschriften zum Abstandhalten oder Ausgangsbeschränkungen sollen die Infektionskurve abflachen. Sie sind bisher das einzige Mittel, um eine massenhafte Infektion zu verhindern.

Die Simulation hat jedoch die Erforschung von neuen Medikamenten oder einen Impfstoff nicht berücksichtigt. Unklar ist auch, ob eine Infektion mit dem Virus bei genesenen Patienten zu Immunität führt - und wie lange diese anhalten würde, so die Forscher. Anhand der Erfahrungen mit ähnlichen Coronaviren schätzen Experten derzeit, dass Infizierte nach ihrer Genesung noch rund ein Jahr lang immun sein werden.

Der Epidemiologe Mark Woolhouse von der Universität Edinburgh lobte die Arbeit seiner US-Kollegen. Im Gegensatz zu anderen bisherigen Studien hätten sie sich in ihrer Studie mit den Auswirkungen von Covid-19 über einen Zeitraum von mehreren Jahren befasst, sagte er. Allerdings basiere sie auf Computermodellen, in die auch bisher unbestätigte Annahmen eingeflossen seien, schränkte Woolhouse ein.

sug/afp
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