Söldner im Dreißigjährigen Krieg Handwerker des Todes

Zwei Männer kämpfen im Herbst 1638 um die Rheinfestung Breisach. Der eine, Peter Hagendorf, schreibt ein Tagebuch. Der andere, Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen, verfasst einen Roman. Beide sind Söldner, die im großen Krieg mordend und raubend durchs Land zogen - aus der Not heraus.
Von Johannes Strempel

Seit Monaten schon liegt der Feind vor Breisach. Alle Versorgungswege dieser wichtigen Festung der Habsburger am Oberrhein sind versperrt, kein Sack Getreide, kein Schaf gelangt mehr auf den 246 Meter hohen Basaltfelsen, der hier den mächtigen Strom beherrscht. Längst schlachten die Eingeschlossenen Hunde und Katzen, jagen Ratten nach, zerlegen verendete Pferde, kauen Gras, Wurzeln, Schafshäute.

Wie ermattete Gespenster schleppen sich die Menschen durch die Gassen der Stadt. Im Stockhaus kratzen die Gefangenen mit den Fingern den Verputz von den Wänden und würgen den bloßen Kalk hinunter, auf dem Markt tauschen reiche Bürgersfrauen ihre Juwelen gegen den letzten Vorrat Mehl.

Gerüchte gehen um. Vor Tagen Gestorbene seien wieder aus der Friedhofserde gescharrt, ihre Leiber aufgebrochen und die Innereien verschlungen worden. Und den Sohn eines Pastetenbäckers, so erzählt man sich, habe ein Trupp Soldaten weggelockt, mit dem Versprechen auf einen Bissen Brot. Dann hätten die Männer den Knaben getötet und verspeist.Breisach, das hat der deutsche Kaiser aus Wien befohlen, muss unbedingt gehalten werden. Denn über Breisach laufen die Nachschubwege der vereinigten habsburgischen Truppen im Kampf gegen ihre Feinde, die aufständischen Niederlande im Norden, die Franzosen im Westen, die Schweden und die Protestanten im Reich.

Zweimal schon sind kaiserliche Heere an dem Versuch gescheitert, den Ring um die Festung am Oberrhein zu durchbrechen. Im Auftrag des französischen Königs hat der Heerführer der Belagerer, Bernhard von Sachsen-Weimar, die Stadt mit gewaltigen Schanzwerken und Gräben umzogen.

Am 25. Oktober 1638 rennen 14.000 kaiserliche Soldaten erneut gegen die Stellungen der Belagerer an. Unter gewaltigen Verlusten erobern die Kaiserlichen schließlich im fünften Versuch eine Schanze, dann eine Brücke über den Rhein. Jetzt wäre der Weg frei, die Hungernden hoch oben in der Stadt über dem Fluss mit Proviant zu versorgen.

Irgendwo in diesem Inferno aus Feuer und Pulverdampf, unter dem Geschützdonner der Feldschlangen, Mörser und Kartaunen kämpft auf Seiten der Kaiserlichen ein Mann, der bereits seit über einem Jahrzehnt als Söldner dient. Er war in den Schlachten von Breitenfeld und Nördlingen dabei, ist bei Straubing für kurze Zeit zu den Schweden gewechselt und in Magdeburg verwundet worden - ein Veteran des nicht endenden Krieges, der sich hochgearbeitet hat vom Gefreiten zum Hauptmann einer Kompanie. Sein Name: Peter Hagendorf.

Auch ein junger Mann aus Hessen schlägt sich an diesem Oktobertag auf Seiten der Habsburger: vielleicht 16 Jahre alt, der rothaarige Sohn eines Bäckers, bereits als Kind hineingerissen in den Krieg. Er ist mit einem kaiserlichen Leibdragonerregiment hierher an den Oberrhein gezogen. Sein Name: Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen.

Beide Männer sind, ungewöhnlich genug für Söldner, des Schreibens mächtig, und beide werden Jahre später, in einem Frieden, mit dem niemand mehr gerechnet hat, ihre Erlebnisse aufzeichnen. Der eine, Peter Hagendorf, ersteht unmittelbar nach Kriegsende zwölf Bogen feinen Papiers, das er zu Lagen faltet und mit starken Fäden zusammenbindet. In dieses Tagebuch überträgt er seine Notizen und Erinnerungen aus den Feldlagern. Es sind nüchterne Protokolle der Schlachten, Märsche und Plünderungen, abgefasst in schnörkellosen, einfachen Worten. Erst dreieinhalb Jahrhunderte später, Mitte der 1980er Jahre, wird ein Historiker das Schreibheft in der Preußischen Staatsbibliothek Berlin entdecken - als einzigartiges Zeugnis eines Mannes, der davon lebte, andere zu töten.

Grimmelshausen hinterlässt keinen Lebensbericht, die Nachwelt kennt nur Bruchstücke seiner Biografie. Aber er verwandelt das Erlebte in Literatur: In seinen Romanen, Erzählungen und Kalendergeschichten beschreibt der Dichter als einer, "der auch dabey gewesen", das Grauen des Krieges eindringlicher als irgendjemand zuvor. Die Geschichte des "Abenteuerlichen Simplicissimus Teutsch" macht ihn unsterblich.

Grimmelshausen und Hagendorf: zwei Namen von Hunderttausenden in dem Heer der namenlosen Kriegshandwerker, die in jenen Jahren schießend und stechend, raubend und mordend durch die deutschen Lande ziehen. Oft ist es bloßer Zufall, wer auf der Seite des Kaisers, wer auf der seiner Gegner ins Gefecht zieht. Die Männer treibt nicht die Liebe zum Vaterland oder Frömmigkeit auf das Schlachtfeld von Breisach, auf die vielen anderen Schlachtfelder im Reich, sondern Not und Hunger.Sie sind Söldner. Ihr tödliches Handwerk üben sie gegen Bezahlung aus, in der Hoffnung auf Lohn, Brot und Beute.

Diejenigen, die nicht im Kampf sterben, verbringen doch fast ihr ganzes Leben im Krieg. Das Volk hasst und fürchtet sie als Plünderer und Brandschatzer, dabei geht es den Soldaten kaum besser als ihren Opfern. Begleitet von einem Tross aus Ehefrauen und Kindern, Huren und Händlern, ziehen die riesigen Heere mit ihren oft in Lumpen gehüllten Söldnern durch das ausgemergelte Land, immer häufiger auf der verzweifelten Suche nach Nahrung als nach dem Gegner.

Auch vor Breisach leiden nicht nur die Eingeschlossenen in der Festung Not, sondern auch die Belagerer unter Bernhard von Sachsen-Weimar. Trotzdem finden sie am 25. Oktober noch einmal die Kraft, die kaiserliche Armee zurückzudrängen. Sie machen die Soldaten auf der eroberten Rheinbrücke und der Schanze nieder, schlagen den Rest in die Flucht. Die Festung bleibt eingeschlossen.

In seinem Tagebuch notiert Peter Hagendorf: "Wir haben wieder davon gemusst, mit Schand und Spott." Mitte Dezember 1638, nach fünf Monaten Belagerung, geben die Hungernden in der Festung von Breisach auf. Der Stützpunkt der Habsburger am Oberrhein ist nun in der Hand Bernhards von Sachsen-Weimar.

Die Werber können sich über mangelnden Zulauf nicht beschweren

Elf Jahre zuvor hat sich Peter Hagendorf bei den kaiserlichen Truppen als Söldner anwerben lassen. Der Grund: Er war pleite. Die letzten Münzen, von denen er sich neues Schuhwerk kaufen wollte, hatte er wenige Tage zuvor in einem Wirtshaus verzecht. "Da ist der Wein so gut gewesen, dass ich die Schuhe vergessen habe." Also bindet er sich an einem Apriltag des Jahres 1627 Weidenzweige um die morschen Sohlen und macht sich zu Fuß auf den Weg nach Ulm, wo Truppen für den Kampf gegen die Feinde der Habsburger ausgehoben werden.

Das Tagebuch verrät nichts über Hagendorfs Geburtsjahr und Jugend. Wahrscheinlich, die Sprache lässt darauf schließen, stammt er aus dem Rheinland, womöglich ist er der Sohn eines Müllers - Mühlen kommen in seinen Aufzeichnungen häufig vor. Er hat bereits zuvor als Söldner gedient, unter den Fahnen Venedigs und Parmas in Norditalien. Seine Aussichten, unter Vertrag genommen zu werden, sind gut.

Die Werber im Reich können sich anfangs über mangelnden Zulauf nicht beschweren. So groß ist der Andrang, dass es häufig zu Tumulten kommt, wenn sie, begleitet von Trommlern und Pfeifern, auf einem Marktplatz Einzug halten. Zu Beginn des Krieges verpflichteten sich vor allem Glücksritter und Abenteurer. Nun aber kommen immer mehr Verzweifelte, die keinen anderen Ausweg aus ihrem Elend sehen: Tagelöhner, Schneidergesellen und Schuhflicker, Knechte, Wollkratzer, Bäckerlehrlinge. Auch Bauern, die es leid sind, von den Truppen ausgeplündert zu werden, und von der Rolle des Gejagten in die des Jägers wechseln wollen. Obwohl in den Schlachten beständig der Tod droht und sich unter den Söldnern manch ein Betrüger, Straßenräuber und Mörder findet, bietet ihnen die Armee immer noch mehr Sicherheit als das Leben in Zivil.

Nationalität und Konfession spielen kaum eine Rolle. Im bayerischen Fußregiment des Wallonen Gil de Haes etwa dienen neben Deutschen auch Italiener, Polen, Slowenen, Burgunder, Griechen, Franzosen, Türken, Ungarn, Spanier. Als besonders diszipliniert und tapfer gelten die Söldner aus den armen Alpentälern der Schweiz und dem kargen Schottland.

Sobald sich der Schreiber am Werbetisch den Namen eines Rekruten notiert hat, händigt der Zahlmeister dem Neuen das Laufgeld aus - einen Vorschuss, der die Verpflegung auf dem Weg zum Sammelplatz finanzieren soll. Dann wandern die Männer, allein oder in Gruppen, zum Musterplatz, der oft mehrere Tagesreisen entfernt liegt. Dort, bei der eigentlichen Musterung, bilden sie im Lager eine Gasse und stellen sich der Reihe nach unter das Joch - einen Langspieß, der auf den Klingen zweier in den Boden gerammter Hellebarden ruht. Das Durchschreiten des Jochs symbolisiert den Eintritt in die Armee, in eine Gemeinschaft mit eigenen Gesetzen und Gebräuchen.

Zudem soll mit der Zählung Betrug verhindert werden: Denn gern tragen die Offiziere, die für jeden Geworbenen Sold einstreichen, mehr Männer in die Listen ein, als sie tatsächlich ausgehoben haben. Auch die Gemeinen suchen ihren Schnitt zu machen. Ein Kriegslehrbuch berichtet von einem Soldaten, der während eines einzigen Feldzugs von gleich 13 Kompanien Lohn empfangen hat.

Peter Hagendorfs neues Regiment, die "Pappenheimer", benannt nach ihrem Heerführer Gottfried Heinrich Graf zu Pappenheim, sammelt sich in der Markgrafschaft Baden. Fast drei Monate liegt Hagendorf dort im Quartier. "Gefressen und gesoffen, dass es gut heißt", notiert er.

Dass ein Söldnerleben vor allem aus Marschieren besteht, macht die Route des Regiments nach dem Aufbruch klar. Allein 1627 legt Hagendorf 800 Kilometer zurück, 25.000 werden es im Verlauf des Krieges sein. Zuerst geht es von Baden hinauf nach Norden ins Herzogtum Braunschweig zur Belagerung Wolfenbüttels, dann an die Elbe - wo die Pappenheimer an der Seite des Heerführers Johann Tserclaes Graf von Tilly die Dänen aus Stade vertreiben - und weiter nach Stralsund. Über Spandau zieht die Armee in Richtung Wiesbaden und schließlich nach Lippstadt in Westfalen. Dort gebe "es gutes altes Bier und auch böse Leute", schreibt Hagendorf. Er wird Zeuge von Hexenverbrennungen, sieben Menschen sterben auf dem Scheiterhaufen. "Darunter ist sogar ein schönes Mädelein gewesen von 18 Jahren, aber sie ist doch verbrannt worden."

Hagendorf hat sich für die richtige Seite entschieden, die Kaiserlichen sind ihren Gegnern stets überlegen. Und das Söldnerdasein lässt sich gut an: wenig Kämpfe, viele Ruhepausen, ausreichend Verpflegung. Im Quartier in Pommern haben es die Truppen sogar so glänzend getroffen, dass sie kein Rindfleisch mehr essen wollen, "sondern es haben müssen Gänse, Enten oder Hühner sein".

1631 belagert Peter Hagendorf mit den kaiserlich-katholischen Truppen das lutherische Magdeburg. Im Frühling bauen sie "mit Schanzen und Laufgräben alles zu". Am 20. Mai gibt General Tilly die Stadt zur Plünderung frei, die Katholiken greifen die Festung der protestantischen Jungfrau an. Frühmorgens um neun rennt Hagendorf inmitten von 22.000 Soldaten "mit stürmender Hand" gegen Magdeburg. Unversehrt gelangt er hinter die Mauern. Dann aber, am Tor zur Neustadt, ein Hinterhalt: Heckenschützen feuern aus zwei Häusern in der Nähe des Tores auf die Eindringlinge. Hagendorf wird getroffen, "bin zweimal durch den Leib geschossen worden, das ist meine Beute gewesen".

Pappenheim lässt die beiden Häuser anzünden. Möglicherweise ist es dieser Brand, der sich schon kurz darauf als Feuersbrunst über die gesamte Stadt ausbreitet. Tausende Magdeburger kommen in den Flammen um.

Kameraden tragen den in Bauch und Achseln getroffenen Hagendorf zurück ins Lager. Der Feldarzt bindet ihm die Hände auf den Rücken, "damit er hat können den Meißel einbringen", um die Geschosse aus dem Körper des Söldners zu entfernen. "So bin ich in meine Hütte gebracht worden, halbtot."

Die Plünderung der brennenden Stadt muss Hagendorf vom Krankenlager aus verfolgen. Da er nicht selbst losziehen kann, um Beute zu machen, schickt er seine Frau. Nach anderthalb Stunden kehrt sie zurück, beladen mit einem Bettgewand, zwei silbernen Gürteln, Kleidern und einer großen Kanne von vier Maß Wein.

Verheiratet hat sich Hagendorf schon damals am Musterplatz im Badischen, mit der "ehrentugendsamen Anna Stadlerin". Seither folgt sie seinem Regiment im Tross aus Wagen, Vieh und Volk, der jede Armee auf ihrem Marsch begleitet.

Den Feldherren sind die Zivilisten verhasst: "Wenn man heutigen Tages ein Regiment deutsches Kriegsvolk wirbt, hast du 3000 Mann, so wirst du gewiss 4000 Huren und Jungen finden und das abgefeimte, leichtloseste Gesindelein", schreibt ein Söldnerführer in einem Kriegshandbuch.

Dicht an dicht und in großer Unordnung versucht der Tross mit der Nachhut Schritt zu halten. Pferdegespanne ziehen Planwagen, die den Proviant transportieren, außerdem Munition, Schanzkörbe, Sturmbrücken, tragbare Backöfen, Laternen, Fackeln, Zelte und Spaten. Dazwischen läuft das Gesinde: Schmiede, Zimmerleute, Wagenmacher und die von allen verachteten Schanzgräber - Knechte, die bei Belagerungen Wälle aufschütten und Gräben anlegen. Viehtreiber halten die Herden zusammen.

Schwer bepackt trotten die Soldatenfrauen hintendrein. Unentbehrlich sind sie ihren Männern: tragen deren Hab und Gut, pflegen Wunden, kochen, waschen, helfen beim Beutemachen und reinigen im Lager die "Scheißplätze". Die Kinder unterstützen ihre Mütter oder dienen den Offizieren als Trossbuben.

Mitziehende Marketender verkaufen Lebensmittel, Kleidung, Harnische und Waffen. Eine Muskete etwa kostet vier Reichstaler - der Monatslohn eines gemeinen Soldaten. Doch ist auf die Händler kein Verlass. Häufen sich Niederlagen oder bleiben die Soldzahlungen für die Truppen aus, machen sie sich früher oder später aus dem Staub.

Deshalb sind die Soldaten nicht gut auf die Marketender zu sprechen, auch weil sie oft Wucherpreise verlangen. Und da weibliche Händler in Zeiten des Krieges besonderen Schutz benötigen, dienen sich etliche den Offizieren als Geliebte an. Der Dichter Grimmelshausen wird der trickreichen Marketenderin in seinem Roman später ein Denkmal setzen.

Der Krieg ernährt den Krieg

Herr über den Tross ist der Profos, der Polizeioberste im Lager. Ihm müssen die Marketender Gebühren zahlen, er weist ihnen ihren Platz auf dem Markt zu, überprüft die Qualität der Waren, legt Preise fest, eicht Maße und Gewichte. Der Profos beaufsichtigt die Metzger und Sudler, die ihre Garküchen und Schankwirtschaften aufbauen, sobald das Heer den Lagerplatz erreicht hat. Und von jedem geschlachteten Stück Vieh gebührt ihm die Zunge.

Jeden Abend gibt der Profos in der Zeltstadt der Söldner das Signal zur Nachtruhe, den "Zapfenstreich", indem er mit seinem Amtsstab auf einen Fasszapfen schlägt. Bis es soweit ist, streifen die Soldaten herum, verkaufen ihre Beutestücke an den Ständen der Marketender, zechen und singen in den Buden der Sudler oder vergnügen sich bei Gauklern, Bärenführern, Spielleuten - und bei Waffenbeschwörern, deren Zauber Klingen und Kugeln segnen kann. Geduldete "Hübscherinnen" machen mit Trommeln und Pfeifen Werbung für ihre Dienste.

Allerdings ist es den Soldaten verboten, sich "zuzutrinken" (wobei der andere sich mit der doppelten Menge revanchieren muss), zu fluchen, sich zu prügeln oder im Streit "die Nation anzurufen" - eine Provokation in einem Heer, dem Krieger aus ganz Europa angehören.

Dem Glücksspiel dürfen die Söldner nur auf eigens eingerichteten "Spielplätzen" nachgehen, großen Arealen meist am Rande des Lagers mit Tischen und auf dem Boden ausgebreiteten Mänteln. Nirgendwo kocht die Stimmung schneller hoch, ist der Feldarzt häufiger im Einsatz als hier, wenn die Schelmenbeiner, knöcherne Würfel, rollen und die Landsknechte Karten spielen oder Scholder, eine Art Roulette.

"Etliche trafen, etliche fehlten; etliche gewannen, etliche verspielten: Derowegen auch etliche fluchten, etliche donnerten; etliche betrogen, und andere wurden besäbelt; dahero lachten die Gewinner, und die Verspieler bissen die Zähn aufeinander; teils verkauften Kleider, und was sie sonst liebhatten, andere aber gewinneten ihnen das Geld wieder ab; etliche begehrten redliche Würfel, andere hingegen wünschten falsche auf den Platz und führten solche unvermerkt ein, die aber andere wieder hinwegwurfen, zerschlugen, mit Zähnen zerbissen, und den Scholderern die Mäntel zerrissen."

So steht es im "Simplicissimus" - und so hat es sein Verfasser Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen sicher selbst beobachtet. Im Gegensatz zu den anderen Schriftstellern seiner Zeit durchlebt Grimmelshausen den Krieg nicht als Zivilist, sondern als aktiver Soldat im Heer. Andreas Gryphius etwa, der große Dichter des Barock, besucht ein akademisches Gymnasium, bekommt eine Stelle als Hauslehrer, kann sich so vom Kriegstreiben fernhalten und seine Studien in der Republik der Vereinigten Niederlande fortsetzen. Johann Michael Moscherosch, eines der Vorbilder Grimmelshausens, schließt sein Universitätsstudium in Straßburg ab und findet Anstellung als Amtmann in den abseits der Schlachtfelder liegenden Gebieten von Lothringen und dem Elsass.

Grimmelshausen aber muss für 15 Jahre in den Krieg. Geboren wird er 1621 oder 1622 in Gelnhausen nahe Frankfurt. Als sein Vater stirbt, nimmt ihn der Großvater zu sich und schickt ihn für ein paar Jahre auf die Lateinschule im Ort. Nach der Schlacht von Nördlingen - in der auch Peter Hagendorf kämpft - verlieren die Schweden ihren Einfluss in Süddeutschland. 1634 wird das lutherische Gelnhausen von den Kaiserlichen geplündert und in Brand gesteckt. So schwer sind die Zerstörungen, dass die einst blühende Stadt auf Jahre unbewohnt bleibt. Die Überlebenden, darunter Grimmelshausen, flüchten in die nahen Wälder und weiter nach Hanau.

Wenige Monate darauf spielt der Zwölfjährige an einem Wintermorgen mit anderen Knaben auf den zugefrorenen Festungsgräben von Hanau, als plötzlich Reiter auftauchen, "die uns miteinander anpackten, auf etliche leere Bauernpferd setzten, die sie erst gestohlen hatten, und miteinander darvonführten". Die Soldaten - Kroaten in kaiserlichen Diensten - wollen für die entführten Buben Lösegeld erpressen. Den verwaisten Flüchtling aus Gelnhausen behalten sie als Trossjungen bei sich.

Grimmelshausen muss die Ställe ausmisten, die Pferde striegeln und sich am "Futterholen" beteiligen: "Das ist nichts anderes, als dass man auf die Dörfer schweifet, drischt, mahlt, backt, stiehlt und nimmt, was man findt, plagt und schikaniert die Bauern, ja schändet wohl gar ihre Mägd, Weiber und Töchter! Man haut sie nieder, wenn man sie hat oder schicket aufs wenigste ihre Häuser im Rauch gen Himmel."

Der Krieg ernährt den Krieg. Das hat wohl am besten der kaiserliche Feldherr Albrecht von Wallenstein begriffen, der die Bevölkerung zahlen lässt für den Hunger der Soldaten: zum einen in Form von Kontributionen - hohen Kriegssteuern, die Städte und Fürstentümer den durchziehenden Heerführern unter anderem für den Sold der Truppen bezahlen müssen. Zum anderen nehmen die Truppen in Privathäusern Quartier: die Infanterie in den Städten, die Reiterei auf den Dörfern. Die Bürger und Bauern dort haben die Soldaten auf eigene Kosten zu versorgen - eine kaum zu bewältigende Last für das hungernde Volk.

Manche Feldherren zahlen ihren Männern wochenlang keinen Sold. So bleibt den Truppen oft nur das "Futterholen", um sich und ihre mitreisenden Familien durchzubringen. Ein westfälischer Heeresführer etwa räumt ein, er könnte wohl ein Drittel seiner Soldaten hängen lassen und würde das Plündern damit doch nicht beenden. Und Feldmarschall Jobst Maximilian Graf von Gronsfeld berichtet dem bayerischen Kurfürsten, er würde zwar an 40.000 Mann regelmäßig Proviant ausgeben, tatsächlich aber sei die Zahl der Seelen in der kaiserlich-bayerischen Armee einschließlich Tross inzwischen auf mehr als 180.000 angeschwollen. Wie die Übrigen überleben könnten, gehe über seinen Verstand. Die vielen Raubzüge geschähen nicht aus Mutwillen, sondern schlicht des Hungers wegen.

Das Volk unterscheidet nicht mehr zwischen Feind und Freund, jedes durchziehende Heer bedeutet das gleiche Unglück. In Bayern wünscht man sich gar die Schweden zurück, als in den letzten Kriegsjahren noch einmal kaiserliche Truppen einrücken. Die Armeen sind jetzt immer in Bewegung, ziehen durch die verheerten Landstriche, um Nahrung zu finden oder den Gegner davon abzuschneiden. Dazu gehört auch das Niederbrennen der Ernte. "Das kölnische Land haben wir alles verdorben, wir sowohl als der Feind", schreibt Peter Hagendorf.

Schrecklich ist es, wenn die plündernde Soldateska über ein Dorf herfällt. "Landsknechte lassen nichts liegen als Mühlsteine und glühende Eisen", so ein zeitgenössisches Sprichwort. In den Dörfern rauben die Söldner Bettzeug und Geschirr, Vieh und Vorräte. Selbst Türen, Fensterrahmen und Dachsparren brechen sie aus den Katen und Hütten, als Brennholz. Was sie nicht mitnehmen können, zertrümmern sie, auch die Öfen. Frauen werden vergewaltigt, die Männer gefoltert.

Grimmelshausens Romanfigur Simplicissimus erlebt als kleiner Junge mit, wie Truppen den Bauernhof seiner Eltern plündern: "Den Knecht legten sie gebunden auf die Erd, stecketen ihm ein Sperrholz ins Maul und schütteten ihm einen Melkkübel voll garstig Mistlachenwasser in Leib: das nenneten sie ein Schwedischen Trunk." Andere Bauern werden mit Stricken so misshandelt, dass ihnen "das Blut zu Mund, Nas und Ohren heraussprang".

Der einfältige Simplicissimus flieht, wächst bei einem frommen Eremiten im Wald auf und schlägt sich später als Narr, Söldner und Quacksalber durch das Grauen des Krieges. Reist schließlich um die halbe Welt und findet seinen Frieden auf einer einsamen Insel, ein Einsiedler wie sein Erzieher.

Grimmelshausens Lebensweg und der seiner berühmten Figur überschneiden sich in manchen Punkten - auch Simplicissimus Teutsch wird als Kind von kroatischen Reitern entführt. Aber er kann ihnen entkommen und lebt danach allein in den Wäldern. Grimmelshausens Schicksal dagegen ist eine erneute Gefangennahme: Hessische Soldaten überwältigen die marodierenden Kroaten und setzen sie und ihren Pferdeknecht in Kassel fest. Irgendwie verschlägt es den Jungen in das kaiserliche Leibdragonerregiment des Grafen Johann von Götz, das in Soest stationiert ist und Ende März 1638 zur Entsetzung Breisachs an den Oberrhein aufbricht. Er wird Soldat.

Nur wenige Monate nach der verlorenen Schlacht, im Winter 1638, macht der junge Söldner Station in der Spinnstube eines württembergischen Dorfes. Eigentlich ist er auf der Suche nach weiblicher Gesellschaft, doch dann fällt sein Blick auf ein "Kupferstück auf einem Bogen Papier", einen illustrierten Einblattdruck. Darauf ist die "verkehrte Welt" seines Zeitalters dargestellt. Mit wachsender Aufregung studiert er die Zeichnungen, bis in den Schlaf verfolgen ihn deren Bildmotive in dieser Nacht: Er träumt, "wie der Ochs den Metzger metzelte; das Wild den Jäger fällete; die Fisch den Fischer fraßen; der Esel den Menschen ritte".

Siegen ist in diesem Krieg ebenso kräftezehrend wie Verlieren

Es ist Grimmelshausens ästhetisches Schlüsselerlebnis. Zum ersten Mal sieht er in einer künstlerischen Darstellung seine Ahnung bestätigt, dass seine Heimat aus den Fugen geraten ist. "Zuvor hatte ich die verkehrte Art der Welt wenig beobachtet und noch weniger, dass ich selbst mit interessirt wäre." Er nimmt sich vor, dem Beispiel des Autors zu folgen und die Torheiten der menschlichen Existenz genau zu studieren, "um meinen wenigen Verstand zu schärpffen" und darüber spotten, lachen oder weinen zu können.

Mit dem ironisch gebrochenen Blick des Satirikers verarbeitet Grimmelshausen fortan als Dichter seine Kriegserlebnisse - in "lustiger Manier", wie er in einer Ankündigung des "Simplicissimus" schreibt. Dieses Buch, einer der herausragenden Romane deutscher Sprache, hat nichts von dem gekünstelten Stil der höfischen Werke seiner Zeitgenossen, Grimmelshausens Worte sind bunt und roh und wild. Zwar geht es auch dem Schriftsteller letztlich um die christliche Läuterung des Menschen, aber er hat erkannt, dass man die "heilsamen Pillulen" überzuckern muss, damit sie geschluckt werden.

Die lebendigen, kraftvollen Episoden auch jenseits der Schlachtfelder - etwa wenn Grimmelshausen seinen Helden in Paris zum Opernstar und als "Beau Alman" zum Liebling der Damenwelt reüssieren lässt - sind dabei sein bevorzugtes Mittel, um den Leser für den düsteren Stoff zu interessieren: den Krieg, dieses "erschreckliche und grausame Monstrum".

Am 8. Juli 1639 lässt sich Grimmelshausen als Musketier der kaiserlichen Garnison Offenburg anwerben und erlernt die 143 Handgriffe, die zum Laden der elf Kilogramm schweren Schusswaffe nötig sind. Ein Offizier wird auf den jungen, klugen Mann aufmerksam, verschafft ihm eine Position in der Kanzlei. Grimmelshausen steigt auf zum Schreiber, holt an Bildung nach, was er kann, vergräbt sich in der Bibliothek. "Ich hab doch sonst kein Freud in der Welt als lesen", lässt er den Simplicissimus zur Mutter sagen.

Es ist ein ungewöhnlicher Aufstieg, der den meisten gemeinen Soldaten verwehrt bleibt. Auch Peter Hagendorf setzt nach der Schlacht um Breisach sein rastloses Leben fort. Völlerei und Hunger, Sieg und Niederlage, Krankheit und Genesung, Märsche und Belagerungen folgen ohne Pause aufeinander. Und der Ton im Tagebuch wird roher: "Acht Tage mit Kanonen brav zusammen gespielt", schreibt Hagendorf über ein Gefecht. Und über die Plünderungen seines Regiments: "Da haben wir wieder Kirchweih gehabt."

Nie führt eine der Schlachten zu einer endgültigen Entscheidung, oft genug ist schwer zu sagen, welche Partei eigentlich gewonnen hat. Das Siegen ist in diesem Krieg ebenso kräftezehrend wie das Verlieren.

Viele Söldner gehen betrunken auf die Schlachtfelder. Andere wollen sich "gefroren" machen - auf magische Weise unverwundbar. Sie stecken sich Musketenkugeln mit eingeritzten Kreuzen oder abgeschnittene Henkerstricke unter den Wams. Grimmelshausen schreibt von den Maulhelden im Heer, "die Schwerter und Degen, Dolche und Rappier, Pferd und Pistolen, Feuer und Dampf im Munde haben, und ist ihnen doch im Herzen recht scheißbang".

Während der Schlacht verteidigen Pikeniere die Musketiere mit etwa fünf Meter langen Spießen vor der feindlichen Reiterei - denn solange die Schützen ihre Waffen laden, sind sie wehrlos. Über der Schulter tragen sie ihr Bandelier mit den abgepackten Pulverportionen, der Pulverflasche und den Kugeln. Auch Grimmelshausen hat gelernt, wie man aus einem Bleiklumpen Kugeln herstellt. Er weiß, dass er im Lauf der Muskete erst eine Treibladung, dann eine Kugel versenken muss, wie viel Zündpulver auf das Luntenschloss gehört und wie man die Holzgabel als Widerlager für den Lauf in den Boden rammt, damit der Schuss auch gelingt.

Auf den Flügeln links und rechts des Fußvolks schließlich greift die Kavallerie an - schwer gepanzerte Kürassiere, Arkebusierreiter und Dragoner. Jeder Gemeine wünscht sich, in die Reiterstandarte aufzusteigen: wegen des besseren Soldes und der geringeren Verluste.

Bei Grimmelshausen ist nachzulesen, wie es auf den Schlachtfeldern zugeht: "Da lagen abgeschossene Ärm, an welchen sich die Finger noch regten, gleichsam als ob sie wieder mit in das Gedräng wollten, hingegen rissen Kerle aus, die noch keinen Tropfen Blut vergossen hatten; dort lagen abgelöste Schenkel, welche ob sie wohl der Bürde ihres Körpers entladen, dennoch viel schwerer worden waren, als sie zuvor gewesen; da sah man zerstümmelte Soldaten um Beförderung ihres Tods, hingegen andere um Quartier und Verschonung ihres Lebens bitten."

Die Verluste sind gewaltig: Etwa 20.000 Menschen kommen bei der Zerstörung Magdeburgs 1631 ums Leben, mehr als 10.000 Tote gibt es im gleichen Jahr vor Breitenfeld. Die meisten Söldner aber sterben nicht auf dem Schlachtfeld, sondern verbluten in den improvisierten Lazaretten, verhungern auf den weiten Märschen, werden von Ruhr, Pocken und Skorbut hingerafft oder von der Kälte.

Tagein, tagaus müssen im Winterlager Wundärzte die erfrorenen Gliedmaßen amputieren. Simplicissimus wird von den Blattern entstellt, Geschwüre am ganzen Leib peinigen Peter Hagendorf. Dessen erste Frau sowie acht der zehn Kinder sterben an Erschöpfung, Krankheit oder den katastrophalen Hygienebedingungen im Tross, die Schwiegermutter erliegt der Pest. Mehr als eine Million Menschen kämpfen in diesem Krieg, am Ende ein Heer von Invaliden. Als endlich Frieden geschlossen wird, ist Europa von Krüppeln, Blinden und Lahmen bevölkert, die bettelnd vor den Klosterpforten stehen und sich, in Lumpen gehüllt, über die Straßen schleppen.

Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen beginnt nach dem Friedensschluss von 1648 ein neues Leben. Er heiratet, gründet eine Familie, verdient sich seinen Unterhalt als Verwalter, Gastwirt und Bürgermeister in Renchen, 20 Kilometer östlich von Straßburg. Erst jetzt beginnt er zu schreiben. Unter einer Vielzahl von Pseudonymen verfasst er ein Werk aufs andere. "Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch", sein zweiter Roman, wird gleich nach der Veröffentlichung 1668 zu einem großen Erfolg: In den folgenden vier Jahren erscheinen sechs Auflagen, eine davon ein Raubdruck. Kirchenmänner zitieren in ihren Predigten aus dem Buch, und der Name des Helden wird zum Titel eines ganzen Genres: der Simpliziaden, in denen andere Autoren den Stil Grimmelshausens kopieren.

Zum Ende seines Lebens wird Grimmelshausen erneut Soldat: Denn als Ludwig XIV. die östliche Grenze Frankreichs bis an den Schwarzwald ausdehnen will, wird die Region um Renchen zum Schlachtfeld. Auch der Bürgermeister Grimmelshausen muss noch einmal in den Krieg ziehen. Vielleicht an den Folgen einer Verwundung, vielleicht an einer Krankheit stirbt er am 17. August 1676 mit etwa 55 Jahren im Kreis seiner Familie.

Peter Hagendorf erlebt das Ende des Krieges als Garnisonsoldat in Memmingen. Seine zweite Frau, ein Sohn und eine Tochter sind bei ihm. Die Freudenfeste der Bürger über den Frieden vermag er nicht recht ernst zu nehmen - "als wenn es Ostern oder Pfingsten gewesen wäre", notiert er.

Zum Ende des Krieges kommt es bei ihm immer wieder zu merkwürdigen Unfällen: Er fällt während einer Wache vom Tor und renkt sich das Knie aus, er stürzt durch einen Boden und verletzt sich am Kopf. Das ruhige Leben abseits der Schlachtfelder scheint dem Überlebenden des größten aller Kriege Angst zu machen; möglicherweise wird er zum Trinker.

Am 26. September 1649 zieht er mit seiner kleinen Familie durch das Tor von Memmingen hinaus, wahrscheinlich haben ihn ausländische Werber verpflichtet. Das letzte von ihm erwähnte Ziel ist Straßburg. Dann bricht sein Tagebuch ab.