Foto: [M] Jonas Ekstromer / AFP

Klimapioniere Huang Ming treibt die Solarenergie in China voran

Er begann seine Karriere als Ingenieur in Chinas Erdölindustrie, heute ist Huang Ming Träger des alternativen Nobelpreises und einer der weltgrößten Solarunternehmer. Seine Ziele sind mehr als ehrgeizig.

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Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Huang Ming ausgerechnet an einem Forschungszentrum ausgebildet wurde, das China University of Petroleum heißt. Das Ziel der Institution in Mings Heimatort Dezhou, die dem chinesischen Bildungsministerium untersteht, wird schon im Namen deutlich: Es geht darum, Chinas Erdölindustrie zu Glanz zu verhelfen. Und – so viel darf man verraten – bei Huang Ming, der dort eine Zeit als Ingenieur arbeitete, ist diese Mission nicht nur fehlgeschlagen, sie hat sich gewissermaßen ins Gegenteil verkehrt.

Dieser Prozess begann, so erzählte er einmal, nach der Geburt seiner Tochter, als er begann, sich Sorgen um die Zukunft zu machen und befürchtete, dass die nächste Generation in China aufgrund der verschmutzten Luft den blauen Himmel immer seltener zu sehen bekommen würde. Ming suchte deshalb nach Auswegen, nach umweltfreundlichen Energien. Weil er aber seinen sicheren Job nicht aufgeben wollte, arbeitete er zunächst heimlich an der Solarforschung. Und das gründertypisch in seiner Garage. Erst 1995 kehrte er der Erdölindustrie den Rücken und eröffnete das Unternehmen Himin.

Ming zählt heute zu den weltweit bedeutenden Unternehmern in der Solarenergiebranche und beschäftigt Tausende Mitarbeiter. Himin Solar, das auf einen Wert von 700 Millionen US-Dollar taxiert wird, war federführend beim Aufbau des Solar Valley, einer drei Quadratkilometer großen Hightech-Kleinstadt, die dem kalifornischen Silicon Valley in Sachen Zukunft Konkurrenz machen soll. Angelegt in Dezhou, rund 250 Kilometer südlich von Peking, hat Ming hier seine Vision von Nachhaltigkeit gebaut – eine Kleinstadt, die von der Energie der Sonne angetrieben wird.

Elektroautos fahren an solarbetriebenen Straßenlaternen und ultramodernen Gebäuden vorbei, die von Fotovoltaikpanels gesäumt werden – insgesamt wurden 60.000 Quadratmeter Solarfläche geschaffen. Es gibt eine Solar-Uni und ein Solarhotel. Das Herzstück ist ein gigantisches Bürogebäude, die Sun-Moon Mansion, ein beeindruckender Bau, der wie ein aufgeklappter Fächer aussieht. Hier ist das Hauptquartier von Mings Solarimperium. Und selbstverständlich wird es von Panels auf dem Dach gespeist. Manche Häuser sind sogar drehbar und können dem Lauf der Sonne folgen.

Das Ziel des Projekts ist äußerst ehrgeizig: Die Sonnenenergie, die hier produziert wird, soll ausreichen, um eine gesamte, mittelgroße Stadt wie Dezhou zu versorgen. Und man kann sich vorstellen, was das in China heißt: Der Ort beherbergt fast 5,8 Millionen Einwohner und damit mehr als jede deutsche Großstadt.

Solar Valley in Dezhou: Fächerförmiges Gebäude mit Büro von Himin Solar

Solar Valley in Dezhou: Fächerförmiges Gebäude mit Büro von Himin Solar

Foto: Liang Baohai / ChinaFotoPress / picture-alliance/ dpa

Ming, der laut der »China Rich List« 2013 mit einem geschätzten Vermögen von 330 Millionen US-Dollar zu den wohlhabendsten Menschen des Landes gehörte, kommentiert seine Pläne mit asiatischer Zurückhaltung. »Reich zu sein, ist kein Grund, sich zu schämen«, sagt er. »Wenn du reich bist, zählt nur eine Frage: Wofür gibst du dein Geld aus?«

Die Kunden des 63-Jährigen kauften bei Ming zumeist das Aushängeschild des Unternehmens: eine Konstruktion aus Glasröhren, die mit der Kraft der Sonne Wasser erwärmt und die auf Gebäuden installiert werden kann. Pro Jahr produziert Himin Solar laut eigenen Angaben etwa drei Millionen dieser Anlagen und hat sich zum Weltmarktführer im Bereich der Warmwasseraufbereitung gemausert. Daneben werden jährlich rund 300 Millionen Quadratmeter Sonnenkollektoren hergestellt, dazu Solarzellen oder mit Solarenergie betriebene Klimaanlagen.

Oft trifft man den Entrepreneur, der als gefragter Redner schon vor der Uno sprach, im lässigen T-Shirt, manchmal mit der Aufschrift »My Climate, my change«. Ihm geht es bei Projekten wie dem Solar Valley auch darum, den Menschen zu zeigen, was Solarenergie leisten kann. Und weil in China viel übers Essen läuft, engagiert Ming auch schon mal einen Koch, der Gemüse direkt mit Sonnenkraft gart und die Speisen dann an Passanten verteilt.

Chinas Siegeszug bei der Solarenergie hat manches Unternehmen in Europa und Deutschland die Existenz gekostet. Aber bei den Billigpreisen gerieten auch einige Unternehmen dort in Schieflage und machten Verluste. Dazu erschütterte ein Korruptionsskandal Mings Unternehmen. Doch bis heute hält der Unternehmer an seinen Visionen fest. Bis 2060 will er in China eine Energieversorgung, die vollständig auf fossile Brennstoffe verzichtet, etablieren. Als Abgeordneter des Nationalen Volkskongresses war er maßgeblich an der Verabschiedung eines Gesetzes für erneuerbare Energien beteiligt.

Vor rund zehn Jahren erhielt der Sonnenkönig von China für seine Pionierarbeit den alternativen Nobelpreis, ein Ehrenpreis der Right Livelihood Award Foundation. Zur Begründung hieß es, er habe zur Massenverbreitung von Spitzentechnologien beigetragen und die Solarenergie nutzbar gemacht. Außerdem zeige sein Beispiel, wie dynamische Schwellenländer dazu beitragen könnten, die globale Krise des anthropogenen Klimawandels zu überwinden. Gut möglich, dass Huang Ming über den Begriff Schwellenland lächeln musste. Er sei einfach nur ein verrückter Solartyp, sagt er über sich selbst.

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