Datierung durch Sonnensturm Wikinger waren vor exakt 1000 Jahren in Amerika

Die Wikinger waren lange vor Kolumbus in Amerika. Nun haben Forscher das Alter einer Siedlung in Neufundland sehr genau datiert. Dabei half ihnen ein astronomischer Sonnensturm.
Rekonstruiertes Gebäude aus der Wikingerzeit neben der Stätte von L'Anse aux Meadows.

Rekonstruiertes Gebäude aus der Wikingerzeit neben der Stätte von L'Anse aux Meadows.

Foto: Glenn Nagel Photography / dpa

Kolumbus war nicht der erste Europäer, der den amerikanischen Kontinent erreichte – so viel ist seit geraumer Zeit bekannt. Nicht zuletzt die Sagas, altnordische Erzählungen aus dem Mittelalter, beschreiben ausführlich, wie die Wikinger mit ihren Langschiffen schon Hunderte Jahre zuvor über den Atlantik segelten. Doch diese zunächst mündlich überlieferten Erzählungen wurden lange Zeit als Mythen und Märchen abgetan – auch, weil sie viele widersprüchliche und fantastische Elemente enthalten.

Doch dann entdeckte ein norwegisches Archäologenpaar in den Sechzigerjahren die Fundstätte L'Anse aux Meadows. Der Ort an der Nordspitze der kanadischen Insel Neufundland machte die Sagas zu historischen Quellen. Das exakte Alter der Siedlung konnte bislang allerdings noch nicht gut bestimmt werden, ebenso wenig wie der genaue Zeitpunkt der Ankunft der Wikinger auf dem Kontinent.

Doch nun liefert eine Studie im Fachblatt »Nature«  bessere Daten – auch dank eines astronomischen Ereignisses. Demnach könnten die Wikinger vor genau tausend Jahren, im Jahr 1021, bereits in Nordamerika gelebt haben. Das geht aus der Analyse von drei unscheinbaren Holzstücken aus L'Anse aux Meadows hervor. Die Funde sind die ältesten exakt datierten Belege dafür, dass Menschen aus Europa nach Amerika gekommen sind.

Die von unterschiedlichen Bäumen stammenden Hölzer wurden von einem Team um die Geochronologen Michael Dee und Margot Kuitems von der Universität Groningen genauer unter die Lupe genommen. Die Wissenschaftler sind sich sicher, dass die Artefakte den nordeuropäischen Seefahrern zuzuordnen sind – nicht nur wegen ihres Fundortes, sondern auch, weil sie eindeutige Bearbeitungsspuren von Klingen aus Metall aufwiesen, eines Materials, das von der einheimischen Bevölkerung jener Zeit nicht hergestellt wurde.

Bei der Klärung der Frage, wann das Holz der Artefakte gewonnen wurde, halfen den Wissenschaftlern nun Radiokarbondatierungen, die sowohl an der Universität Groningen als auch am Mannheimer Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie durchgeführt wurden, sowie ein kosmisches Ereignis: Im Jahr 992 n. Christus ereignete sich ein massiver Sonnensturm, der ein deutliches Radiokarbonsignal in den Baumringen der folgenden Jahre erzeugte. Sonnenstürme sind ungewöhnlich heftige Eruptionen von Strahlung und geladenen Teilchen unseres Heimatsterns, die auch die Erde erreichen und dort molekulare Spuren hinterlassen können.

Neuer Marker für die Ankunft der Europäer

»Der klare Anstieg der Radiokohlenstoffproduktion zwischen 992 und 993 n. Christus wurde in Baumringarchiven auf der ganzen Welt festgestellt«, erklärt Forschungsleiter Dee in einer Mitteilung. Jenes Signal habe sich bei jedem der drei untersuchten Holzobjekte 29 Wachstumsringe vor der Rindenkante gezeigt. »Die Tatsache, dass wir das Signal des Sonnensturms 29 Wachstumsringe vor der Rinde gefunden haben, erlaubt uns die Schlussfolgerung, dass die Schneideaktivität im Jahr 1021 n. Christus stattfand«, fasst Hauptautorin Kuitems zusammen.

Damit setze ihre Analyse einen neuen Marker für die Ankunft der Europäer auf dem amerikanischen Kontinent, so die Autoren. Darüber hinaus betone sie den potenziellen Wert kosmischer Strahlungsereignisse – wie hier des starken Sonnensturms – als Referenzpunkte für die zukünftige Datierung von Artefakten und Umweltereignissen.

Unklar bleibt indes, wie viele Expeditionen die Wikinger nach Amerika unternahmen und wie lange sie dort blieben. Ebenso wenig ist bislang darüber bekannt, wie sich ihre Aufenthalte auswirkten. Die isländischen Vinland-Sagas um Leif Eriksson ließen vermuten, dass die Wikinger mit den indigenen Völkern Nordamerikas in einen kulturellen Austausch getreten seien. Dazu schreiben die Wissenschaftler: »Wenn diese Begegnungen tatsächlich stattgefunden haben, könnten sie unbeabsichtigte Folgen gehabt haben, wie die Übertragung von Krankheitserregern, die Einführung fremder Tier- und Pflanzenarten oder sogar den Austausch menschlicher genetischer Informationen.«

Jüngste Daten aus der nordgrönländischen Bevölkerung zeigten jedoch keine Hinweise auf Letzteres. Die Autoren schließen: »Wie sich das Jahr 1021 n. Christus zu den transatlantischen Aktivitäten der Wikinger insgesamt verhält, ist Gegenstand künftiger Forschung. Nichtsdestotrotz bieten unsere Ergebnisse einen chronologischen Anker für weitere Untersuchungen über die Folgen ihrer westlichsten Expansion.«

joe/dpa

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