Soziale und emotionale Intelligenz Unsere Kinder - Opfer des Fortschritts

Länger arbeiten, immer flexibel bleiben, einsam mit Computern kommunizieren - unsere Kinder werden den Preis für wirtschaftlichen und technischen Fortschritt zahlen, glaubt Psychologe Daniel Goleman. Denn ihre soziale und emotionale Kompetenz droht auf drastische Weise zu verkümmern.

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Ich glaube, kann jedoch nicht beweisen, dass die heutigen Kinder unfreiwillig zu Opfern des wirtschaftlichen und technischen Fortschritts werden.

Zwar bieten mehr Wohlstand und moderne Techniken uns allen einen höheren Lebensstandard, aber diese unaufhaltsamen Kräfte scheinen die Kindheit auf verheerende Weise transformiert zu haben. Während der durchschnittliche Intelligenzquotient amerikanischer Kinder im Lauf des vergangenen Jahrhunderts stetig gestiegen ist, bezeugten die letzten drei Jahrzehnte einen drastischen Rückgang der grundlegenden sozialen und emotionalen Fähigkeiten – derjenigen nämlich, die sie im Beruf und in Führungspositionen, als Eltern und als Ehepartner, kurzum als Mitglieder des Gemeinwesens brauchen würden.

Zwar gibt es immer individuelle Ausnahmen, insgesamt jedoch scheint sich die Glockenkurve der sozialen und emotionalen Fähigkeiten ungünstig zu entwickeln. Die zwingendsten Daten bietet eine nationale Erhebung, die Thomas Achenbach von der Universität Vermont bei mehr als dreitausend repräsentativ ausgewählten amerikanischen Schülern im Alter zwischen sieben und sechzehn Jahren durchgeführt hat, deren Verhalten er von Eltern und Lehrern (ihnen nahestehenden Erwachsenen) beurteilen ließ. Die erste Befragung fand Anfang der Siebziger Jahre statt, eine zweite fast fünfzehn Jahre später und eine dritte in den späten Neunziger Jahren. Die Ergebnisse offenbaren einen bestürzenden Verfall der sozialen und emotionalen Kompetenz.

Mehr Arbeit, größere Mobilität, einsamere Kinder

Besonders steil ging es zwischen der ersten und der zweiten Umfrage bergab. Gegenüber den frühen Siebziger Jahren waren amerikanische Kinder Mitte der Achtziger stärker verschlossen, mürrisch, unglücklich, ängstlich, depressiv, aufbrausend, unkonzentriert, fahrig, aggressiv und straffällig. Sie schnitten bei 42 Indikatoren schlechter, aber bei keinem besser ab. Ende der 1990er Jahre stiegen die Werte wieder an, blieben jedoch hinter dem alten Stand zurück.

So weit die Daten. Ich glaube nun, ohne dies freilich beweisen zu können, dass dieser Rückgang in hohem Maße auf wirtschaftliche und technische Faktoren zurückzuführen ist. Der rasante Anstieg des globalen Wettbewerbs hatte zur Folge, dass Eltern etwa seit zwei Jahrzehnten länger arbeiten müssen, um den gewohnten Lebensstandard zu halten. In den USA gibt es heute praktisch nur noch Doppelverdiener, wohingegen es vor 50 Jahren die Regel war, dass ein Elternteil zu Hause blieb. Nicht, dass heutige Eltern ihre Kinder weniger lieben würden – sie haben einfach nicht mehr genügend Zeit für ihre Betreuung.

Zunehmende Mobilität bewirkt, dass Kinder seltener in der Nähe ihrer Verwandtschaft leben, wodurch Angehörige als Elternersatz ausfallen.

Tagesstätten können ganz ausgezeichnet sein, besonders für Kinder privilegierter Eltern, die ärmeren jedoch bleiben oft vernachlässigt. Was die Mittelschichten angeht, so ist die Kindheit heute übermäßig organisiert, ein vollgepackter Terminkalender mit Tanz- und Klavierstunden oder Sport, wobei Erwachsene ihre Kinder von Ort zu Ort fahren zu vorgegebenen Veranstaltungen und diesen immer weniger Zeit bleibt für eigenständige, selbstgewählte Spiele. Wenn es nun um das Erlernen sozialer und emotionaler Fähigkeiten geht, so bedeutet die Einbuße an Freizeit im Kreis von Familie, Verwandten und anderen Kindern ein Fehlen gerade der Tätigkeiten, die traditionell zur Stärkung eben solcher Kompetenzen beigetragen hatten.

Hinzu kommt der Faktor Technik. Heutige Kinder – der Industrie-, zunehmend aber auch der Entwicklungsländer – verbringen mehr Zeit denn je allein, auf Monitore starrend. Das Ganze läuft auf ein beispielloses Realexperiment im Bereich der Kinderaufzucht hinaus. Wenn sich solche Kinder am Ende auch gut mit Computern auskennen mögen, werden ihnen zweifellos die Fähigkeiten fehlen, die man im Umgang mit anderen Menschen benötigt.

Das für den Erwerb sozialer und emotionaler Kompetenzen entscheidende limbische System ist diejenige Hirnregion, die anatomisch am spätesten reift, so dass ihre Entwicklung erst mit Mitte zwanzig abgeschlossen ist. In diesem Zeitraum bilden sich die Lebensfähigkeiten eines Kindes heraus, wenn neuronale Netzwerke, mit allen Vor- und Nachteilen, Gestalt annehmen. Es sind Kindheitserlebnisse, die über diese Verknüpfungen entscheiden. Um unseren heutigen Kindern zu helfen, die richtigen sozialen und emotionalen Fähigkeiten zu erlernen, sollten wir derlei Einsichten in die Klassenzimmer tragen, anstatt die Jugend auf Gedeih und Verderb der knallharten, technikbesessenen Wunderwelt von heute auszusetzen.

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