Spaß-Nobelpreis Auch Pinguine stehen unter Druck

Künstliche Hoden für Hunde, in Schleim schwimmende Menschen, ein Wecker, der sich morgens versteckt: Die skurrilsten Forschungsprojekte des Planeten wurden wieder mit dem "Ig-Nobel-Preis" ausgezeichnet.


Pinguine: Unter Druck in der Antarktis
Jérôme Maison / Bonne Pioche / Kinowelt

Pinguine: Unter Druck in der Antarktis

Wenn Pinguine possierlich die polare Eiswelt durchwatscheln, liebevoll mit ihren Partnern schnäbeln und ihre Jungen vor dem brüllenden Sturm schützen, stellt sich beim Fernsehzuschauer stets ein Gefühl wohliger Wärme ein. Nur: Manchmal stehen auch die so gelassen wirkenden Tiere ordentlich unter Druck. Wie hoch der genau ist und, vor allem: wie er sich entlädt, hat einem deutschen Forscher und zwei seiner Kollegen jetzt eine begehrte Auszeichnung eingebracht: Den "Ig-Nobel-Preis", das jährlich verliehene Spaß-Pendant zum echten Nobelpreis.

"Pressures Produced When Penguins Pooh" - zu Deutsch etwa: "Welche Druckverhältnisse entstehen, wenn Pinguine kacken" - lautete der Titel des Artikels, den die Forscher 2003 im Fachblatt "Polar Biology" veröffentlicht haben. Die Resultate waren durchaus beeindruckend: Pinguin-Fäkalien bahnen sich demnach mit dem Druck zerplatzender Autoreifen den Weg in die Freiheit. Nicht selten fliegen sie 40 Zentimeter weit, ehe sie den Boden treffen - oder den Nachbarn, denn bei widriger Witterung stehen Pinguine gern dicht gedrängt.

Heiß begehrter Preis

Mit ihren "Berechnungen zur Darmentleerung von Vögeln" haben Victor Benno Meyer-Rochow von der International University Bremen und seine beiden Mitstreiter jetzt vor dem Komitee des "Ig-Nobel-Preises" reüssiert - in der Disziplin Flüssigkeitsdynamik.

"Clocky": Der Wecker, der sich vor Langschläfern versteckt
MIT Media Lab

"Clocky": Der Wecker, der sich vor Langschläfern versteckt

Die Auszeichnung (abgeleitet von ignoble, was so viel heißt wie schmachvoll oder unehrenhaft) ist unter Wissenschaftlern - zumindest solchen, die sich selbst nicht ganz so ernst nehmen - heiß begehrt. Allerdings sind die Arbeiten, so bizarr sie auch anmuten, meist ernst gemeint und in Fachjournalen veröffentlicht worden. Verliehen wurden die Preise bei der nunmehr 15. Verleihungszeremonie an der Harvard University denn auch von niemand Geringerem als Dudley Herschbach und William Lipscomb, den Chemie-Nobelpreisträgern von 1986 und 1976, sowie von Sheldon Glashow und Robert Wilson, den Physik-Laureaten von 1979 und 1978.

Die Geehrten waren auch diesmal ihrer Auszeichnungen würdig. Gregg A. Miller etwa erhielt den Medizinpreis für künstliche Hundehoden. Die so genannten Neuticles geben kastrierten Rüden nicht nur ein gewisses Männlichkeitsgefühl zurück, sondern sind obendrein in drei Größen und Festigkeiten zu haben. Nach Angaben des Herstellers sollen schon mehr als 100.000 Hunde mit den Ersatzhoden beglückt worden sein, die übrigens auch für Pferde und Katzen geeignet sein sollen.

Der Wecker ist weg

Preisträger Gregg Miller, der schon über eine halbe Million Dollar mit seiner Erfindung verdient hat, zeigte tiefe Genugtuung. "Wenn ich daran denke, dass meine Eltern mich als Kind immer für einen Idioten hielten, ist das eine große Ehre. Ich wünschte, sie wären noch am Leben und könnten das erleben."

Der Friedenspreis ging an britische Forscher, die elektrische Signale im Gehirn einer Heuschrecke aufgenommen haben, während das Tier Höhepunkte von "Star Wars" anschaute. Claire Rind und Peter Simmons von der University of Newcastle untersuchten die Nervenreaktionen auf heranrasende Raumschiffe. Die Arbeit berührte eine grundlegende Fähigkeit jedes Lebewesens in einem Konflikt: die Kunst des Ausweichens.

Schleim-Schwimmer: Menschen sind auch in zäher Brühe schnell
University of Minnesota

Schleim-Schwimmer: Menschen sind auch in zäher Brühe schnell

Wirklich praktischen Wert hat eine Erfindung des Media Labs am Massachusetts Institute of Technology: ein Wecker, der sich morgens versteckt. Notorische Langschläfer kennen das Problem. Egal, wie weit man den Wecker vor dem Einschlafen wegstellt, um sich selbst am nächsten Morgen zum Aufstehen zu zwingen - man findet das penetrant piepsende Ding, schaltet es aus, legt sich wieder hin. Der Rest ist bekannt: Viel später wird nach einem panischen Spurt ins Bad das Brötchen während des Dauerlaufs zur U-Bahn heruntergewürgt und zugleich der Schlips zu geknotet.

"Clocky" aber hüpft, kaum ausgeschaltet, vom Nachttisch und versteckt sich. Dann klingelt er weiter. So lange, bis sein Besitzer entnervt aufgibt und sich ins Unvermeidliche fügt. Gauri Nanda - die Chefs dieser Welt werden ihn lieben - bekam dafür zu Recht den Ig-Nobel-Preis für Wirtschaft.

Dass Flüssigkeiten sich auch viel langsamer bewegen können als unter dem Druck von Pinguindärmen, zeigt die mit dem Physikpreis prämierte Arbeit. John Mainstone von der University of Queensland führt ein Experiment fort, das seit 78 Jahren läuft: die Beobachtung von zähem Teer, der aus einem Trichter tropft. Seit 1927 ist Tropfen Nummer acht gefallen und Mainstones Kollege Thomas Parnell dahingeschieden. Der nächste Tropfen wird zwischen 2007 und 2010 erwartet.

Eine zähflüssige Materie bescherte auch Edward Cussler von der University of Minnesota einen Ig-Nobel-Preis, und zwar den in der Disziplin Chemie. Cussler ließ 300 Kilogramm Guargummi in einen 25-Meter-Swimmingpool kippen und anschließend 16 Freiwillige in der Brühe schwimmen. Das Resultat: Menschen schwimmen im Schleim (Cussler: "Es sah aus wie Rotze") ebenso schnell wie im Wasser. Damit war eine Frage gelöst, über die schon Isaac Newton gegrübelt hatte.

Markus Becker

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