Spektakel in London Busfahrt mit gottloser Botschaft

"Es gibt wahrscheinlich keinen Gott" - 200 Busse fahren mit einer atheistischen Botschaft durch London und sorgen für Schlagzeilen. PR-Profis sind baff über die Durchschlagskraft der Low-Cost-Kampagne. Kann die Aktion eine breite Debatte auslösen?

London - Es ist eine dieser Geschichten, die ohne Internet undenkbar wären. Sie beginnt im Juni vergangenen Jahres auf einer Straße in London, als gleich zwei rote Busse mit einem Bibelzitat an Ariane Sherine vorbeifahren: "Wenn der Menschensohn kommt, wird er auch Glauben finden auf Erden?"

Die harmlose Frage aus dem Lukas-Evangelium weckt Sherines Neugier. Die freie Journalistin schaut sich die Web-Seite an, die mit dem Zitat beworben wird - und findet christliche Intoleranz: Wer nicht an Jesus glaube, möge zur Hölle fahren, steht da. Die Nichtgläubige Sherine ist empört, schreibt eine Kritik auf der "Guardian"-Web-Seite und schließt mit dem Satz: "Wenn 4680 Atheisten dies lesen und jeder fünf Pfund spendet, dann können wir eine dringend notwendige atheistische Buswerbung finanzieren."

Als Slogan für den Bus schlägt sie vor: "Es gibt wahrscheinlich keinen Gott. Hört auf, euch Sorgen zu machen und freut euch des Lebens."

"Ich hatte keine Ahnung, dass es so einschlagen würde"

Es ist nur so eine Idee. Doch in Brüssel liest zufällig Jon Worth die Kolumne. Der Web-Designer und Politikberater ist einer, dessen Gehirn nie zu ruhen scheint. Er engagiert sich für alle möglichen Anliegen. Weil er gegen eine weitere Amtszeit von EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso ist, startete er die Seite www.anyonebutbarroso.eu ("Jeder, nur nicht Barroso"). Ebenso leidenschaftlich wirbt der Cricket-Fan mit einer eigenen Website für die Zulassung des britischen Nationalsports bei den Olympischen Spielen. Und Atheist ist er auch, also schreibt er an jenem Sommertag eine Mail an Ariane und bietet seine Dienste als Kampagnenmanager an.

Atheismus und Religion

"Ich hatte keine Ahnung, dass es so einschlagen würde", sagt der 28-Jährige gut sechs Monate später. Worth sitzt in einem Café in Westminster und trinkt Cappuccino. Es war ein typisches Internet-Phänomen: Monatelang tat sich wenig auf der Spenden-Website, dann war irgendwann der kritische Punkt erreicht, und das Geld begann zu fließen - ironischerweise, nachdem der konservative "Daily Telegraph" sich über die vermeintliche Schnapsidee lustig gemacht hatte. 140.000 Euro hatten Sherine und Worth schließlich zusammen - das reicht für Werbeplakate auf 800 Bussen, einen ganzen Monat lang. Allein 200 Busse fahren durch London.

"Es gibt wahrscheinlich keinen Gott" - der erste rote Bus mit Arianes atheistischer Botschaft startete am Dienstag in der britischen Hauptstadt. In Barcelona, Madrid und Valencia sind ähnliche Aktionen geplant. In Washington sind Nachahmer dem britischen Original bereits zuvorgekommen, in Australien wurde der Slogan "Atheismus - schlafen Sie sonntags aus" verboten. Die rasante Verbreitung der Idee überrascht selbst die Erfinder. Die Kampagne soll ein Gegengewicht zu religiösen Botschaften in der Öffentlichkeit schaffen. "Wir wollen keine Christen zum Atheismus bekehren", sagt Worth. "Es geht darum, eine Debatte zu führen."

Das entscheidende "wahrscheinlich"

Zudem steht auf den Plakaten, dass es "wahrscheinlich" keinen Gott gebe. Die meisten Betrachter dürften das als Vorsichtsmaßnahme interpretieren, als eine Verneigung vor den religiösen Gefühlen der Menschen. Laut Worth soll das "wahrscheinlich" sicherstellen, dass es nicht zu teuren juristischen Auseinandersetzungen kommt.

Und es kann durchaus auch als Verweis auf die seit Jahren tobende Debatte um Atheismus, Kreationismus und "Intelligent Design" verstanden werden - und als eine Verneigung vor der Wissenschaft. Denn im Unterschied zur Religion ist ihr die Verkündung letztgültiger Wahrheiten fremd. Alles ist offen für den Diskurs, alles eine Theorie, die jederzeit durch neue Erkenntnisse umgeworfen werden kann - auch wenn sie noch so gut abgesichert erscheint.

Die Anhänger der christlichen Schöpfungslehre, die insbesondere in den USA unter dem Etikett "Intelligent Design" für eine Art Kreationismus light werben, nutzen diesen Umstand freilich für ihre Zwecke: Umgangssprachlich ist eine Theorie eine unsichere Annahme, in der Wissenschaft aber weit mehr. So gilt auch die von Kreationisten angegriffene Evolutionslehre Darwins als Theorie, auch wenn sie dank vieler tausend Beobachtungen als das am besten abgesicherte Modell zur Erklärung der Natur gilt, das jemals ersonnen wurde.

Und ohne das entscheidende "wahrscheinlich" hätten Worth und Sherine wohl auch kaum die tatkräftige Unterstützung von Richard Dawkins, dem wortgewaltige Meinungsführer der "Neuen Atheisten", erhalten. Er hat der Kampagne ein Gesicht gegeben und war beim Kampagnenstart persönlich dabei. In seinen Bestsellern achtet auch der Biologe peinlich darauf, keine absoluten Aussagen über die Existenz Gottes zu treffen. "Why there is almost certainly no God" ("Warum es mit ziemlicher Sicherheit keinen Gott gibt"), lautet etwa der Titel eines Kapitels in Dawkins' Buch "The God Delusion" ("Der Gotteswahn"). Diesen Satz, sagt Worth, hätte Dawkins auch am liebsten auf den Bussen gesehen. Nur sei das an der banalen Tatsache gescheitert, dass der Satz dann zu lang geworden wäre.

Was eine Teekanne mit Gott zu tun hat

Denn die Frage nach der Existenz Gottes, das meint nicht nur Dawkins, sollte die Wissenschaft erst gar nicht zu beantworten versuchen. Auch Kampagnenorganisator Worth betont: "Wir wollen nicht den Beweis antreten müssen, dass Gott nicht existiert." Außerdem könne ja sonst jeder kommen, wie schon der Philosoph Bertrand Russell in seinem berühmten Teekannengleichnis  provokant illustriert hat. Würde er etwa behaupten, zwischen Erde und Mars schwebe eine Teekanne, so klein, dass selbst die besten Teleskope sie nicht entdecken können, wäre er nicht zu widerlegen - egal, wie unwahrscheinlich die Existenz der Kanne sei. Nur stehe die himmlische Teekanne eben nicht im Rang einer Religion, schrieb Russell Anfang der fünfziger Jahre, und Zweifel an ihrer Existenz seien nicht geächtet.

Die Frage ist, wie vielen Passanten auf Londons Straßen all dies bewusst ist. Das ehrliche "wahrscheinlich" im Slogan der Atheisten könnte so dazu beitragen, dass kaum jemand etwas gegen ihn einzuwenden hat. Auf der Victoria Street etwa werden die Busse der Linien 38 und 73 von den meisten Passanten mit einem Achselzucken quittiert - wenn sie überhaupt wahrgenommen werden. "Welche Botschaft?", fragt Nobby Clarke und schaut auf die zahlreichen roten Busse, die sich auf der Straße drängeln. Zuerst fällt ihm die Werbung für den neuen Kinofilm "Sex Drive" auf einem Doppeldecker auf, dann erst sieht er den dezenten Atheisten-Slogan: "Ach, die. Habe ich kein Problem damit."

Nicht einmal die Kirche regt sich auf

Nicht einmal die Kirche möchte sich aufregen, die Methodisten haben die Busse gar als sinnvollen Debattenbeitrag begrüßt. Anders in Barcelona und Washington, wo sich kirchliche Gruppen zum Widerstand formiert haben. Auch Worth hat einige Hass-E-Mails bekommen. Eine radikale christliche Gruppe habe darüber spekuliert, wann wohl der erste Atheistenbus in die Luft fliegen würde, sagt er. Aber die große Mehrheit der Reaktionen sei positiv.

Auch die Medien reagieren wohlwollend. Das Interesse ist enorm, in Großbritannien wie im Ausland. Von der BBC über die "New York Times" bis hin zu ARD und ZDF wurde breit über die "atheistischen Busse" berichtet. Die Durchschlagskraft erstaunt selbst Marketing-Profis. Grinsend erzählt Worth, dass das Branchenblatt "PR Week" ihn gefragt habe, welche Agentur diese Kampagne zu verantworten habe. "Äh, keine", lautete die Antwort.

Den Erfolg erklärt Worth sich mit dem Neuigkeitswert der Botschaft: Atheismus werde in der Öffentlichkeit bisher nur als etwas Negatives wahrgenommen, sagt er. Offensiv vertreten wie ein religiöser Glaube werde er in der Regel nicht. Der umtriebige Kampagnero hat auch schon die nächste Idee. Es gebe Parallelen in der gesellschaftlichen Wahrnehmung von Atheismus und Kritik an der Königsfamilie, sagt Worth. Mehr Briten seien antimonarchistisch eingestellt als angenommen. Die Queen ist wahrscheinlich not amused.

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