Evolutionsforschung Der erste aufrecht gehende Menschenaffe kam aus dem Allgäu

Forscher entdeckten in einer Tongrube in Bayern eine bisher unbekannte Primatenart. Der Fund stellt bisherige Annahmen zur Evolution auf den Kopf.
Die 21 Knochen des Teilskeletts eines männlichen Danuvius guggenmosi

Die 21 Knochen des Teilskeletts eines männlichen Danuvius guggenmosi

Foto: Christoph Jäckle/ Nature/ DPA

Vor elf Millionen Jahren herrschte im Allgäu angenehme Wärme. Urzeitliche Tiere durchstreiften dichte Wälder und Flusslandschaften, unter ihnen Schildkröten und Pferde. Auch Überreste von Hyänen fanden Forscher in der Region schon.

Ein Fund aber ragt besonders heraus: 2015 stießen Wissenschaftler in einem Bachlauf der Tongrube "Hammerschmiede" im Ostallgäu auf die versteinerten Fossilien einer bislang unbekannten Primatenart.

Die Danuvius guggenmosi genannte Spezies hat vor 11,6 Millionen Jahren gelebt. Und wie eine Analyse der Überreste seines Skeletts zeigt, könnte sich der neu entdeckte mögliche Vorfahr von Mensch und Menschenaffe bereits vor fast zwölf Millionen Jahren auf zwei Beinen fortbewegt haben. Das vermutet ein Forscherteam um Madelaine Böhme von der Universität Tübingen und des dortigen Senckenberg Center for Human Evolution and Palaeoenvironment.

"Bislang war der aufrechte Gang ein ausschließliches Merkmal von Menschen. Aber Danuvius war ein Menschenaffe", sagte Böhme. Die bislang ältesten Belege für den aufrechten Gang sind rund sechs Millionen Jahre alt und stammen von der Insel Kreta und aus Kenia. Der Fund aus dem Allgäu ist aber mehrere Millionen Jahre älter.

Der Gang des heutigen Menschen auf zwei Beinen hat sich demnach nicht - wie bislang angenommen - in Afrika entwickelt, er könnte aus Europa stammen, schreiben die Forscher in einer Studie im Fachmagazin "Nature". Sie halten es für "nahezu ausgeschlossen", dass in Afrika noch ältere aufrecht gehende Menschenaffenformen existierten.

"Das ist eine Sternstunde der Paläoanthropologie und ein Paradigmenwechsel", sagte Böhme. Die Funde stellten die bisherige Sichtweise auf die Evolution der großen Menschenaffen und des Menschen grundlegend in Frage. "Dass sich der Prozess des aufrechten Gangs in Europa vollzog, erschüttert die Grundfeste der Paläoanthropologie."

Aus der Tongrube bargen die Paläontologen vollständig erhaltene Arm- und Beinknochen, Wirbel, Finger- und Zehenknochen - insgesamt 15 Prozent eines Skeletts. "Damit ließ sich rekonstruieren, wie sich Danuvius fortbewegte", sagte Böhme. "Zum ersten Mal konnten wir mehrere funktionell wichtige Gelenke darunter Ellbogen, Hüfte, Knie und Sprunggelenk in einem einzigen fossilen Skelett dieses Alters untersuchen", erklärte die Professorin. "Zu unserem Erstaunen ähnelten einige Knochen mehr dem Menschen als dem Menschenaffen."

Homininen und Hominiden

So habe Danuvius seinen Rumpf durch eine S-förmige Wirbelsäule aufrecht halten können, während Menschenaffen lediglich eine einfach gebogene Wirbelsäule besitzen. "Danuvius kombinierte die von den hinteren Gliedmaßen dominierte Zweibeinigkeit mit dem von den vorderen Gliedmaßen dominierten Klettern", sagte Mitautor David Begun von der University of Toronto. Nach Einschätzung der Forscher war der neue Vorfahr des Menschen etwa einen Meter groß. Die Weibchen, von denen ebenfalls Teile eines Exemplars in der Tongrube gefunden wurden, dürften etwa 18 Kilogramm gewogen haben, das gefundene Männchen 31 Kilogramm.

Knochen der Hand eines männlichen Danuvius guggenmosi werden untersucht

Knochen der Hand eines männlichen Danuvius guggenmosi werden untersucht

Foto: Christoph Jäckle/ Nature/ DPA

Für Tracy Kivell, Professorin an der University of Kent, beantwortet die Studie nun einige bisher offene Fragen: Durch die Funde könne man sich nun zum ersten Mal vorstellen, wie die Vorfahren der Menschenaffen ausgesehen haben könnten, erklärte Kivell, die selbst nicht an der Analyse beteiligt war, in einer in "Nature" veröffentlichten Einschätzung  zur Studie.

Madelaine Böhme geht davon aus, dass weitere Funde die Erkenntnisse aus dem Danuvius-Fund stützen werden. Von einem Weibchen wurden bereits Zähne, ein Finger und ein kompletter Oberschenkel ausgegraben. Auch von einem jungen Exemplar liegen gut erhaltene Reste vor. Außerdem erwartet die Tübinger Paläontologin weitere erfolgreiche Ausgrabungen in dem Bachbett der Tongrube. "Das muss man sich vorstellen wie ein Puzzle, in das immer mehr Teile eingefügt werden", sagt sie.

Mit dem Namen für den Fund erinnern die Forscher übrigens an den Hobbyarchäologen Sigulf Guggenmos. Er hatte 1972 in der ehemaligen Ziegelei "Hammerschmiede" in Pforzen erstmals Fossilien an dem Fundplatz entdeckt. Der Ruhm kommt für Guggenmos aber zu spät. Er ist im vergangenen Jahr im Alter von 76 gestorben.

Anmerkung der Redaktion: Die Tongrube, in der der Fund gemacht wurde, liegt im Ostallgäu und nicht im Unterallgäu. Wir haben den Fehler korrigiert.

joe/dpa