Spezialisierte Hirnhälften Babys brabbeln asymmetrisch

Brabbelnde Babys zucken verdächtig mit dem rechten Mundwinkel, hat ein Forscherteam mit Videoaufnahmen festgestellt. Offenbar ist bei den ersten artikulierten Lauten bereits das Sprachzentrum aktiv.


Videobild eines brabbelnden Babys: Stärker bewegte rechte Mundhälfte
Laura-Ann Petitto

Videobild eines brabbelnden Babys: Stärker bewegte rechte Mundhälfte

Über das Baby-Gebrabbel zerbrechen sich Forscher seit langem die Köpfe: Sind weitgehend sinnfreie Laute wie "Dudu" und "Baba" nur, wie manche Experten annehmen, das Ergebnis eines rein motorischen Trainings der Mundmuskulatur? Oder meldet sich damit bereits zum ersten Mal das Sprachzentrum im Gehirn zu Wort?

Zwei Wissenschaftlerinnen wollen die Antwort jetzt gefunden haben. Auf Videos von brabbelnden Babys entdeckten Laura Ann Petitto von der Dartmouth University im US-Staat New Hampshire und Siobhan Holowka von der kanadischen McGill University verdächtige Mundverzerrungen. Die Ergebnisse, die das Duo in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins "Science" veröffentlicht, deuten darauf hin, dass tatsächlich schon die Sprachmaschinerie im menschlichen Hirn an der Lautbildung beteiligt ist.

Baby-Lächeln: Linke Mundhälfte tritt stärker in Aktion
Laura-Ann Petitto

Baby-Lächeln: Linke Mundhälfte tritt stärker in Aktion

Für ihre Studie hatten Petitto und Holowka Filme von zehn Babys im Alter von fünf bis zwölf Monaten ausgewertet. Fünf wuchsen bei Englisch sprechenden Eltern auf, die anderen stammten aus dem französischen Sprachraum. Anhand der Aufnahmen verglichen die Forscherinnen die Mundbewegungen der Kleinkinder beim Lächeln, beim Brabbeln von Lautkombinationen aus Konsonanten und Vokalen, und beim "Nichtbrabbeln", worunter das Team weniger differenzierte Geräusche wie etwa "Aaah" versteht.

Wie die Zeitlupe zeigte, öffneten alle Babys beim Brabbeln die rechte Mundseite weiter als die linke. Der Mensch nimmt dieses als "rechtseitige Mundasymmetrie" bezeichnete Phänomen normalerweise nicht wahr, da es automatisch vom Auge korrigiert wird. Die Wissenschaftlerinnen erklären die Verzerrung mit einer erhöhten Aktivität in der linken Gehirnhälfte, wo auch das Sprachzentrum angesiedelt ist. Generell zeigt sich die Tätigkeit von Hirnzentren immer auf der gegenüberliegenden Körperseite.

Beim Lächeln, so bewiesen die Aufnahmen, öffneten die Kinder dagegen ihre linke Mundhälfte stärker. Diesen umgekehrten Effekt führen Petitto und Holowka auf eine verstärkte Aktivität der rechten Hirn-Hemisphäre zurück - diese Seite ist allgemein eher für Emotionen zuständig. Keine einseitige Verzerrung zeigten die Babys beim "Nichtbrabbeln", vermutlich weil das Sprachzentrum an den eher primitiven Lauten unbeteiligt war.

"Diese Entdeckung demonstriert erstmals, dass das Gebrabbel der Babys auf eine Spezialisierung der linken Hirnhälfte zurückgeht, genau so wie die Sprache von Erwachsenen", sagt Petitto. "Das heißt, dass sich die Sprachfunktionen im Hirn schon in einem sehr frühen Alter herausbilden." Genauso deutet der Forscherin zufolge die linksseitige Verzerrung beim Lächeln darauf hin, dass schon beim Baby der Ausdruck von Gefühlen mit entsprechenden Zentren der rechten Hirnhälfte verknüpft ist.

Die Arbeit könnte, wie Petitto und Holowka hoffen, auch praktischen Nutzen haben. Denn die Methode lässt sich womöglich auch zur Diagnose von Sprachbehinderungen und anderen Entwicklungsstörungen beim Kleinkind nutzen - noch bevor dieses die ersten echten Wörter über die Lippen gebracht hat. "Je eher Eltern und Kinderärzte diese Probleme erkennen", so Petitto, "desto eher kann mit der Behandlung begonnen werden."



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.