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Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL

Kurt Stukenberg

SPIEGEL-Klimabericht Zeugniszeit für die Bundesregierung

Kurt Stukenberg
Von Kurt Stukenberg, Ressortleiter Wissenschaft
Bei der Vorstellung ihres Koalitionsvertrags vermittelte die Ampelregierung große Lust auf Aufbruch beim Klimaschutz. Doch wie sieht die Realität nach den ersten Regierungsmonaten aus? Das SPIEGEL-Klimazeugnis gibt Antworten.

Liebe Leserin, lieber Leser,

als die Ampelregierung Ende November ihren frisch verhandelten Koalitionsvertrag vorstellte, konnte man wirklich den Eindruck gewinnen: Die wollen es packen mit dem Klimaschutz. 224 Tage sind seitdem vergangen, Zeit für uns, einmal genauer hinzuschauen, wo sich die Hoffnung erfüllt hat und wo nicht.

Geht man nur die Nachrichten der vergangenen Wochen durch, fällt die Bilanz erschreckend nüchtern aus:

  • Der Windkraftausbau an Land ist im ersten Halbjahr nicht beschleunigt worden, die Genehmigungen sind sogar rückläufig .

  • Mit dem Tankrabatt auf Diesel und Benzin subventioniert die Koalition die Verbrennung fossiler Energieträger mit drei Milliarden Euro.

  • Das vollständige Aus für den Verbrennungsmotor bis 2035, der europaweit hätte kommen sollen, wurde auf deutsche Initiative hin verwässert.

  • Bundeskanzler Olaf Scholz hat sich beim G7-Treffen in Elmau erfolgreich dafür eingesetzt, eine internationale Verabredung vorübergehend aufzukündigen, die öffentliche Investitionen in fossile Energien stoppen sollte.

  • Und ein Tempolimit? Das hatte die Koalitionsverhandlungen nicht überlebt. Es ist nach den Worten des Kanzlers auch weiterhin kein Thema.

SPIEGEL-Redakteure und -Redakteurinnen der jeweiligen Fachgebiete sind tiefer eingestiegen, und haben die Vorhaben, Fortschritte und Rückschläge von Scholz, Habeck, Wissing & Co. analysiert. Entstanden ist daraus ein Klimazeugnis, das in sechs Kerndisziplinen Noten vergibt.

Die Bilanz lässt sich bestenfalls durchwachsen nennen – in der Schule würde es heißen: Versetzung gefährdet. Nur dass es beim Kampf gegen die Klimakrise um mehr geht als die Erreichung des Klassenziels. Es geht um die Rettung des Planeten.

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Frisch ernannte Ministerinnen und Minister im Dezember im Schloss Belevue: Durchwachsene Bilanz

Frisch ernannte Ministerinnen und Minister im Dezember im Schloss Belevue: Durchwachsene Bilanz

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MARTIN DIVISEK / EPA-EFE

Das SPIEGEL-Klimazeugnis

Versetzung gefährdet 
Es ist Zeugniszeit: Wo steht die Ampel im Kampf gegen die Klimakatastrophe? Wo kommt sie gut voran, wo sind ihre Leistungen mangelhaft? Scholz, Habeck, Wissing – wer ist Klassenprimus, wer muss nachsitzen? Experten und Expertinnen aus der Redaktion vergeben Noten.

Windkraft – »gut«: Wehe, wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe 
Noch dümpelt der Windkraftausbau in Deutschland vor sich hin. Nun will die Ampelkoalition Tempo machen. Wie das gelingen kann – und warum es Streit gibt.

Landwirtschaft – fast »mangelhaft«: So viele Rinder, das ist Wahnsinn 
Weniger Kühe, weniger Schweine: Damit die deutsche Landwirtschaft ihre Klimaziele erreicht, müsste sie ihre Fleischproduktion dramatisch drosseln. Die Regierung versucht, das auf einem Umweg durchzusetzen.

Kohleausstieg – »mangelhaft«: Der schmerzhafte Abschied vom dreckigsten Energieträger 
Ausgerechnet Braun- und Steinkohle wird Deutschland wohl länger verbrennen als geplant. Dabei lässt sich Energie kaum klimaschädlicher gewinnen. Warum sich der Kohleausstieg zu verzögern droht und was das bedeutet.

Mobilitätswende – fast »mangelhaft«: Zwei drängeln sich am Steuer, aber keiner fährt 
Bei kaum einem Thema werden die Deutschen so emotional wie beim Auto – und die Bundesregierung erleidet Lade-Hemmungen bei der E-Mobilität. Kriegt die Ampel rechtzeitig die Kurve?

Moorschutz – noch »befriedigend«: Wie sich Deutschland das Wasser abgräbt 
Deutschlands Moore gehören zu den größten Klimakillern: Sie stoßen jährlich Millionen Tonnen Treibhausgase aus, mancherorts mehr als die Industrie. Wie lässt sich das ändern und wie geht es voran?

Wende zum Wasserstoff – »gut«: Wild entschlossen, das Wundermittel einzusetzen 
Er trägt viel Energie in sich und lässt sich klimaneutral erzeugen: Wasserstoff könnte eine Wunderwaffe im Kampf gegen die Krise sein. Woran es noch hapert.

Die Themen der Woche

Reaktionen auf Taxonomie: »Die EU-Klimapolitik ist nun nachhaltig geschwächt«
Atomkraft und Gas gelten in der EU künftig als nachhaltig – die Industrie begrüßt das. Umweltschützer dagegen sind enttäuscht: Der Entschluss würde alle »ins Nirwana greenwashen«, schreibt Luisa Neubauer. Die Übersicht.

Interview mit Finanzprofessor zu Taxonomie: »Nur weil Kohle noch schmutziger ist, ist Erdgas nicht nachhaltig« 
Investitionen in Erdgas und Atomkraft sind nachhaltig, hat das EU-Parlament entschieden. Finanzprofessor Volker Brühl sagt: Das ist ein Fehler mit Folgen für die Anleger – und überflüssiger Kotau vor der Nuklearindustrie.

»Ökosiegel« für grüne Investitionen: Greenwashing ist jetzt erlaubt
Das EU-Parlament hat die Taxonomie durchgewinkt – auch für Gas und Kernkraft. Diese Entscheidung ist nicht nur ein Geschenk an Wladimir Putin, sie verkennt die Realität.

Infrastruktur der Energieversorgung: Wie lässt sich das Erdgasnetz auf Wasserstoff umrüsten? 
Die EU kennzeichnet einige Gasprojekte nun als nachhaltig, wenn sie bis 2035 vollständig auf erneuerbare Energien umgestellt werden – vor allem auf Wasserstoff. Welche Hürden dabei überwunden werden müssen.

Glaziologe zu Gletscherabbruch: »Wir haben das noch nie so gesehen« 
Auch Wissenschaftler wurden von der Gewalt des Marmolata-Gletscherabbruchs in den Dolomiten überrascht. Was hat der mit der Klimakrise zu tun – und haben die größeren Alpengletscher noch eine Überlebenschance?

Deutsche Klimaziele: Ebbe auf dem CO₂-Konto
Über die entscheidende Kennzahl für Klimaschutz wird noch immer kaum gesprochen. Kein Wunder: Das Konzept des CO₂-Budgets erlaubt es Forschern eine Messlatte an Klimaschutzpläne anzulegen. Nun gibt es neue Zahlen.

Bleiben Sie zuversichtlich,

Ihr Kurt Stukenberg

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.