SPIEGEL-ONLINE-Essay Wenn Menschen sich selbst ausschlachten

Immer weniger Menschen sind zu Organspenden bereit, während Krankenhäuser immer größeren Bedarf melden. Muss der Organhandel freigegeben werden? In SPIEGEL ONLINE plädieren der Bio-Ethiker Christian Illies und der Medizinprofessor Franz Weber für einen anderen Weg.


Lebertransplantation: Der Ruf nach Freigabe des Organhandels wird lauter
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Lebertransplantation: Der Ruf nach Freigabe des Organhandels wird lauter

An Doppelmoral leiden in Deutschland immer noch mehr Menschen als an Niereninsuffizienz: Von denjenigen, die keinesfalls bereit sind, im Falle ihres Todes ihre Organe zu spenden, so zeigen aktuelle Studien, würde rund die Hälfte liebend gerne das Organ eines gutwilligeren Spenders annehmen.

Kein Wunder also, dass 2002 in Deutschland zum Beispiel nur etwa 2300 Nieren transplantiert werden konnten, während rund 10.000 Schwerkranke auf der Warteliste für eine solche Operation standen. Zudem stagniert die Spendenbereitschaft oder ist sogar rückläufig, während die Zahl der Wartenden stetig anschwillt - die Schere von Angebot und Nachfrage klafft so immer weiter auseinander, während die Operationsscheren der Chirurgen immer häufiger geschlossen bleiben müssen.

Folglich wird der Ruf nach einem freien Handel von Organen lauter. Und es sind nicht mehr nur Sozialökonomen, die ohnehin gerne an die regulierende Macht des Marktes glauben - auch die Deutsche Akademie für Transplantationsmedizin tritt neuerdings dafür ein.

Warum sollte für Organe kein Geld fließen?

Die Befürworter denken dabei vor allem an die so genannte Lebendspende von doppelt vorhandenen Organen wie den Nieren - die auch bei einigen Einzelorganen, etwa Teilen der Leber, möglich ist - und die bei vielen Ärzten als medizinisch viel versprechender gilt als die Transplantation der Organe Verstorbener. Warum also soll kein Geld fließen dürfen, wenn jemand einem anderen ein dringend benötigtes Körperteil überlässt - und sei es nur in Form eines Steuerfreibetrags für den Spender?

Einerseits würde das zu mehr Organen aus Lebendspenden führen, andererseits könnte man so die problematische Einschränkung des Selbstbestimmungsrechts beseitigen, die dem einzelnen verbietet, nach Belieben über seine Organe zu verfügen. Freier Handel für freie Bürger!

Das gegenwärtige Transplantationsgesetz beschränkt die Lebendorganspende allerdings bewusst auf Verwandte und besonders nahe stehende Personen, um einen Handel gerade zu verhindern. Das gelingt nicht immer, wie die ärmlich gekleideten jungen Männer aus Moldawien belegen, die gelegentlich mit Kranken ins Arztzimmer treten, um zu beteuern, wie gern sie ihrem Vetter eine Niere spenden wollen.

Leicht verderbliche Ware

Längst gibt es einen weltweit florierenden Handel mit der leicht verderblichen Ware. Ein Pauschalurlaub in Indien, Flug, Hotel und Niere inbegriffen ist für 15.000 Dollar zu haben; dasselbe Angebot für die USA kostet zehnmal so viel. Auch in den europäischen Staaten nimmt der Organschwarzhandel weiter zu, wie im vergangenen Juli vom Europarat festgestellt wurde. Bei einer - allerdings nicht repräsentativen - Umfrage der Uni Köln unter mehreren Hundert Teilnehmern eines Ärztekongresses antworteten 38 Prozent der befragten Transplantationsmediziner, dass es illegalen Organhandel auch in Deutschland gebe.

Daraus, dass ein Gesetz oft übertreten wird, folgt zwar nicht schon, dass es falsch ist - freilich auch nicht seine Richtigkeit. Der Maßstab muss die Not der Kranken und oft Todgeweihten sein, deren einzige Hoffnung an einer Organspende hängt - und damit bleibt die Frage berechtigt, wie die Spendenbereitschaft erhöht werden kann. Sind finanzielle Anreize für Spender da nicht ein gangbarer, ja angemesser Weg?

Eine Niere aus dem Internet

Nein, denn Spenderorgane zur Ware zu machen ist weder Erfolg versprechend, noch ethisch akzeptabel. Die Zahl der selbstlosen Spender dürfte stark abnehmen, wenn sich andere ihre Innereien teuer bezahlen ließen. Dies jedenfalls geschah in Iran nach der Freigabe des Organhandels in den achtziger Jahren; dort stehen heute nicht mehr Organe zur Verfügung als zuvor.

Welche Kosten mit einer Liberalisierung auf das deutsche Gesundheitssystem zukämen, lässt sich kaum abschätzen. Natürlich ließen sich die Organe preiswert aus armen Ländern beziehen, wie es der Schwarzhandel täglich vorführt: Während ein Mann in Deutschland jüngst seine Niere für 60.000 Euro über das Internet anbot (und verurteilt wurde), muss sich ein Inder mit 500 Dollar zufrieden geben.

Slum (in Brasilien): Spender in Abhängigkeitsverhältnissen
AP

Slum (in Brasilien): Spender in Abhängigkeitsverhältnissen

Aber eine solche weltweite Legalisierung des Handels wäre ethisch verheerend: Die medizinethische Grundforderung nach einer freien, aufgeklärten Zustimmung der Betroffenen würde so restlos unterlaufen. Nur die nackte Not treibt Menschen zum Verkauf ihrer Organe, über etwaige Folgen können sie nicht lange nachdenken - dabei bleiben besonders Spender in der Dritten Welt solchen Spätfolgen schutzlos ausgeliefert: Die arme Inderin in ihrem abgelegenen Dorf kann nicht auf adäquate medizinische Hilfe hoffen, wenn die eine ihr verbliebene Niere versagt.

Wer den Armen helfen will, soll es auf andere Weise tun

Es ist bekannt, dass viele Spender sich in Abhängigkeitsverhältnissen befinden und zur "Spende" genötigt werden; bezeichnenderweise stammen viele Organe von Frauen. Zu behaupten, dass man Armen durch den Organhandel finanziell helfe und so letztlich beide, Spender und Empfänger, von dem Geschäft profitierten (ganz zu schweigen von den Vermittlern und den transplantierenden Chirurgen), ist entweder naiv oder zynisch.

Die Spender stehen in der Regel nach Kurzem schlechter da als vorher. Das Geld ist schnell verbraucht; zurück bleibt eine verminderte Leistungsfähigkeit, ein gestiegenes Krankheitsrisiko, zudem oft psychische Probleme und soziale Ächtung, wie die Organisation "OrgansWatch" dokumentiert hat. Wer den Armen helfen will, der soll es auf andere Weise tun.



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