Pädagogik Liebe Leserin, lieber Leser,


ich habe einen Plan, und der ist verwegen. Irgendwann in den kommenden Tagen, wenn meine beiden kleinen Töchter einmal nicht zu Hause sind, könnte ich in ihre Zimmer eindringen und mindestens die Hälfte des Spielzeugs entfernen: Kuscheltiere und Plastikautos, Puzzles und Playmobilfiguren, diesen blinkend-piepsenden Plastikkram und auch die komischen Plastikperlen zur Kettenherstellung, auf die ich ständig drauftrete. Verurteilen Sie mich nicht, denn meine Aktion würde den Mädels guttun. Das behaupten zumindest Forscher und Praktiker, in deren Arbeiten ich mich in den vergangenen Tagen vertieft habe.

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Heft 8/2019
Arabische Familienbanden haben den Staat lange verhöhnt - jetzt schlägt er zurück

Mein Interesse am Thema "Spielzeugentzug" erwachte, als ich kürzlich beim Frühstück über eine Maßnahme der Evangelischen Kita St. Georg in Hamburg las. Ähnlich wie in anderen deutschen Tagesstätten wurde dort während der Fastenzeit 2018 ein großer Teil des Spielzeugs aus den Gruppenräumen geräumt; übrig blieben Papier, Malstifte und Tücher, die sich bestens zum Budenbau eignen. Schnell stellte sich heraus, dass die Kinder den alten Spielkram nicht vermissten und sich ihre Stimmung sogar eher verbesserte als verschlechterte. Mir persönlich erschließt sich das sofort, denn um Legosteine, die vorübergehend im Keller sind, kann man sich nicht kloppen.

Kind im Kinderzimmer (Symbolbild)
DDP

Kind im Kinderzimmer (Symbolbild)

Nun stellt sich heraus: Die Fastenaktion der Hamburger Kita, die dieses Jahr wegen des großen Erfolges wiederholt werden soll, steht auf soliden wissenschaftlichen Füßen. So kamen Forscher der Universität von Toledo in Ohio kürzlich zum gleichen Schluss wie zuvor andere amerikanische Kollegen: Weniger ist mehr. Angebotsverknappung rege nicht nur die Fantasie an, sondern führe auch zu mehr "Spieltiefe", bilanzierten sie. Ein Überangebot an Spielzeug verwirre und überfordere die Kinder, es schade ihnen, meinen einige Wissenschaftler herausgefunden zu haben.

Bei einem besonders radikalen Feldversuch in Bayern nahm man den Kindern nicht nur einen Teil des Spielzeugs, sondern gleich alles weg. Übrig blieben nur die Möbel. Mädchen und Jungen, denen das nicht genügte, konnten in einen benachbarten Wald gehen und zum Beispiel Zweige, Eicheln und anderes Biozeug sammeln. Die Kinder in der Steinzeit mussten sich schließlich auch mit dem begnügen, was Mutter Natur hergab. Man könnte annehmen, dass der Totalentzug furchtbar schiefging - aber das Gegenteil war der Fall.

Es passt, dass das waghalsige Experiment in Bayern durchgeführt wurde, denn in der Spielzeugforschung ist der Freistaat deutschlandweit führend. Das liegt unter anderem am Augsburger Forscher Volker Mehringer und dem Projekt SAKEF, was für "Spielzeugbewertung und -auswahl durch Kinder, Eltern und Fachkräfte" steht. Mehringer und seine Kollegen beschäftigen sich unter anderem mit der Frage, wie sinnvoll geschlechtsspezifisches Spielzeug ist. Auf die Forschungsergebnisse bin ich gespannt, zumal sich im Zimmer meiner älteren Tochter immer mehr Einhörner und Feen tummeln. Sollte ich meinen Plan umsetzen, werde ich diese komischen Glitzergestalten allerdings im Zimmer belassen. Ausgerechnet deren Verlust würde nämlich ganz bestimmt auffallen.

Herzlich

Ihr Guido Kleinhubbert

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Abstract

Meine Leseempfehlungen dieser Woche

  • Zu den eindrucksvollsten Schauspielen der Natur, die man hierzulande beobachten kann, gehört die Rückkehr der Kraniche aus den Winterquartieren. Wer das Glück hat, die majestätischen Vögel in der typischen V-Form am Himmel zu sehen, sollte das unbedingt dem Nabu melden.
  • Ich finde Tattoos wegen ihrer Omnipräsenz zwar fast schon spießig, möchte allen Betroffenen aber zwei gute Nachrichten überbringen. Erstens sind Tätowierungen im Kernspintomografen doch nicht gefährlich, zweitens kann man sich nun über mögliche Urheberrechtsprobleme informieren. Die könnten zum Beispiel entstehen, wenn man das Konterfei seines Partners auf der Haut trägt und sich dann später von ihm trennt.
  • Sie sind nicht nur für Zehntausende Tote verantwortlich, sondern behindern auch die Arbeit von namhaften Forschern: mexikanische Drogenkartelle.
  • Als studierter Statistiker und passionierter Skeptiker liebe ich die Unstatistik des Monats. Die neueste kreist um die Frage, ob Schweinefürze tatsächlich gefährlicher sind als Dieselfahrzeuge.
  • Wie kommen Affenzähne, die vermutlich älter als 120.000 Jahre sind, auf den Grund der Nordsee? Und warum liegen da auch noch etwa 50.000 Mammut-Backenzähne herum?
  • Mönche und Nonnen waren über Jahrhunderte die treibenden Kräfte bei der Ausbildung der Kinder, im Buchdruck und beim Bierbrauen. Weil ich das alles sehr wichtig finde, freue ich mich sehr über den kostenlosen und zum Teil hochspannenden Tagungsband zum Tübinger Workshop "Kloster und ihre Resourcen".
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Bild der Woche

Die Meere der Welt halten noch immer viele Geheimnisse bereit, besonders in der Tiefsee. Das britische Forschungsinstitut Nekton hat deshalb jetzt ein Team und drei Tauchboote auf die Reise Richtung Seychellen geschickt. Wie 2016 vor der Küste Bermudas wollen die Wissenschaftler am Meeresgrund den Zustand der Ozeane erkunden und dabei möglichst sogar neue Arten entdecken. Ihre Forschungsergebnisse wollen sie auf einer Konferenz der Anrainerstaaten 2022 präsentieren.

AFP

Fußnote

688 Dollar kostete eine Suppe, die der exklusive Talon Club in Las Vegas im Februar 2018 auf die Speisekarte nahm. Grund für den hohen Preis: zu den Zutaten zählte Ophiocordyceps sinensis. Der Pilz, der im Innern einer Raupe heran- und dann aus deren Kopf herauswächst, wird in Peking für bis zu 140.000 Dollar pro Kilogramm verkauft und soll eine Wirkung wie Viagra haben. Das Interesse an dem angeblichen Aphrodisiakum ist so groß, dass der Pilz nun als bedroht gilt.


Die SPIEGEL+-Empfehlungen aus der Wissenschaft


* Quiz-Antworten: Etwa drei Billionen / Der Hallimasch, ein gigantischer Pilz, der sich in Oregon über eine Fläche von neun Quadratkilometern erstreckt - allerdings unterirdisch / Honig

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insgesamt 36 Beiträge
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fahrgast07 16.02.2019
1. Doppelmoral der Erwachsenen
Und was ist mit dem Erwachsenen-Spielzeug? Den ganzen Smartphones, Computern, Schmuck und Mode? Den SUVs, die unseren Kindern die Welt verpesten? Die Doppelmoral der Erwachsenen hat mich schon als Kind aufgeregt: Selber rauchen und saufen, aber uns die Gummibärchen verbieten. Also, Herr Kleinhubbert: Gehen Sie mit gutem Beispiel voran. Vorbild sein ist die beste Erziehung!
dodgerone 16.02.2019
2. Sorry, aber ist nicht neu
Wer sein Kind beobachtet weiss es selbst: weniger ist mehr. Das meiste Spielzeug ist eh sinnloser Schrott, der tw. nach Minuten in der Ecke liegt. Weniger Spielzeug heisst mehr Platz für Kreativität. Babyspielzeug hatten wir garnicht und auch später war das wichtigste: der Ball :)
cobaea 16.02.2019
3.
Zitat von fahrgast07Und was ist mit dem Erwachsenen-Spielzeug? Den ganzen Smartphones, Computern, Schmuck und Mode? Den SUVs, die unseren Kindern die Welt verpesten? Die Doppelmoral der Erwachsenen hat mich schon als Kind aufgeregt: Selber rauchen und saufen, aber uns die Gummibärchen verbieten. Also, Herr Kleinhubbert: Gehen Sie mit gutem Beispiel voran. Vorbild sein ist die beste Erziehung!
Vielleicht ist das ja genau der Grund für die vielen "Erwachsenenspielzeuge" - zu viele Spielzeuge im Kindesalter und deshalb nie gelernt Prioritäten zu setzen oder auch mal aus wenig Zeug viel Spiel zu machen :-), deshalb auch nie gelernt, einzelne Dinge zu schätzen (macht ja nichts, wenn was kaputt geht - ist genug anderes da). Dann müssen's halt auch im Erwachsenenalter viele "Spielzeuge" sein, mit denen man auch vor den KollegInnen angeben kann
Nordstadtbewohner 16.02.2019
4. Nichts für mich
Solche Fastenaktionen wie die Wegnahme von Kinderspielzeug halte ich für mich und meine Familie für falsch. Meine Kinder sollen selbst entscheiden, wie, wann und mit was sie spielen wollen.
zora81 16.02.2019
5. Traumatischer Verlust
Meine Oma hat immer regelmäßig das Spielzeug meines Vaters entsorgt oder verschenkt, dafür ist er heute ein "Sammler" (Messi) geworden. Da sollte man vorsichtig und behutsam vorgehen, sonst kann sowas auch ganz schön nach hinten losgehen...
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