Spionage in guter Mission Wie Handydaten-Schnüffelei uns helfen kann

Mobilfunkdaten sind ein wahrer Schatz: Sie enthüllen unsere Gewohnheiten, unsere Freunde und sie verraten, wie und wo wir uns bewegen. Forscher wollen das Telefonverhalten jetzt sogar nutzen, um Katastrophen zu erkennen - und zwar noch bevor die ersten Notrufe eingehen.
Handy-Nutzer: Muster in Bewegungsdaten und den Anrufen

Handy-Nutzer: Muster in Bewegungsdaten und den Anrufen

Foto: Corbis

Als sich in den neunziger Jahren immer mehr Menschen ein Mobiltelefon anschafften, schüttelte mancher Datenschützer den Kopf. Die eigenen Adressdaten wollte damals kaum jemand freiwillig rausrücken, aber mit einem jederzeit ortbaren Sender in der Hosentasche herumzulaufen - das störte die Betroffenen kaum. Die einzige Alternative kam für die meisten Menschen nicht in Frage: ganz auf ein Handy zu verzichten, um nicht überwachbar zu sein.

Heute, fast 20 Jahre später, ist was Datenschützern damals schwante Realität: Am 19. Februar spähten Polizeibehörden bei Anti-Neonazi-Protesten in Dresden wahllos die Daten Tausender Handybesitzer aus, die sich zufällig in der Nähe der Demonstration aufhielten - zu Ermittlungszwecken. Apples Smartphone iPhone speichert Trackingdaten ihrer Besitzer - beim Synchronisieren gelangen diese durchaus sensiblen Informationen auch auf den Computer.

Wie viel mehr man aus Handydaten noch herausholen kann, wenn man Zugriff darauf hat, haben Wissenschaftler in den vergangenen Jahren wiederholt gezeigt. Teils nutzen sie selbst generierte Datensätze, aufgezeichnet von Telefonen mit Zusatzsoftware. Oder aber sie bekommen von einem Mobilfunkanbieter die Rechnungs- und Ortungsinformationen von Millionen Nutzern in anonymisierter Form zur Verfügung gestellt.

Freier Wille nur am Wochenende

Reality Mining nennen die Forscher das Stöbern in den riesigen Datenbergen. Wie viel Handydaten über eine Person und seine Vorlieben preisgeben, hat unter anderem László Barabási von der Northeastern University in Boston untersucht. Das Team des ungarischen Physikers hat Rechnungsdaten von 50.000 Personen ausgewertet. Weil bei jedem Gespräch auch automatisch die Funkzelle mit erfasst wird, in der sich der Betroffene befindet, standen den Forschern umfangreiche Bewegungsdaten zur Verfügung.

Was die Forscher aus diesen Daten ableiten, ist verblüffend: Ein Zeitraum von drei Monaten genügt, um den Aufenthaltsort eines Handynutzers zu einem beliebigen Zeitpunkt vorherzusagen - und zwar mit einer Wahrscheinlichkeit von 93 Prozent .

Die meisten Menschen, so Forscher, Barabási würden sich im Laufe eines Tages nur wenige Kilometer bewegen und mehr oder weniger am gleichen Ort bleiben. Einzelne Personen seien aber deutlich mehr unterwegs und legten viel längere Distanzen zurück. Eine Prognose des Aufenthaltsorts sei gleichwohl in beiden Fällen möglich. "Wohin wir im Laufe eines Tages und der Woche fahren, ist gut vorhersagbar", sagt der Forscher im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE und erklärt dies in erster Linie mit dem typischen Alltagstrott. "Acht Stunden im Büro, Einkaufen, zehn zu Hause, da bleibt nicht mehr viel Spielraum." Am freien Willen des Menschen zweifelt Barabási trotzdem nicht: "Wir benutzen ihn nur nicht, wenn wir uns bewegen. Es gibt viele Zwänge, und wir machen immer das Gleiche."

In einer ähnlichen Studie, allerdings mit deutlich weniger Teilnehmern, hatte der MIT-Forscher Alex Pentland bereits 2006 nachgewiesen, dass der Mensch ein Gewohnheitstier ist. Pentland hatte hundert MIT-Studenten mehrere Monate lang mit Smartphones ausgestattet, die permanent ihre Position aufzeichneten. Genutzt wurden dabei nicht nur die Funkzellen, sondern auch andere, in der Nähe befindliche Bluetooth-Geräte. Der Funkstandard Bluetooth hat nur eine Reichweite von wenigen Metern und erlaubt somit eine deutlich präzisere Ortung als Funkzellen. Der MIT-Forscher konnte den Aufenthaltsort jedes Studenten auf Basis dieser Daten dann mit einer Genauigkeit von 79 Prozent vorhersagen .

"Die einzigen Ausnahmen sind der Freitagabend und der Samstagabend", kommentiert Barabási die Studie seines Kollegen Pentland. Dann sei eine verlässliche Prognose kaum noch möglich. Offenbar wechseln die Studentenparties zu häufig den Ort. Freitagabend und Samstagabend seien daher "die letzten Inseln des freien Willens", sagt Barabási augenzwinkernd.

Katastrophen automatisch erkennen

Inzwischen haben Pentland und seine MIT-Kollegen die Mobilfunkdatenanalyse noch weiter verfeinert. Mittlerweile kann sein Team aus den Kommunikations- und Aufenthaltsmustern sogar 95 Prozent aller tatsächlich bestehenden Freundschaften ableiten . Die Testteilnehmer wurden in dieser Studie nicht nur via Handy überwacht, sondern auch befragt, mit wem sie befreundet sind. Beim Erfassen der Nähe von Personen nutzten die Forscher die Bluetooth-Funktion der Telefone. So konnten sie ermitteln, in der Nähe welcher Personen sich ein Testteilnehmer wie lange aufgehalten hat.

Dass Mobilfunkdaten nicht nur Rückschlüsse auf einzelne Personen, sondern sogar auf Ereignisse ermöglichen, konnte Barabási jüngst in einer Studie zeigen, in der Daten von zehn Millionen Mobilfunknutzern aus dem Zeitraum Januar 2007 bis Januar 2009 ausgewertet wurden. Dabei nutzten der Forscher und seine Kollegen die Anrufmuster als eine Art sozialen Seismographen - in ihrer im Fachmagazin "PLoS one" erschienen Veröffentlichung  sprechen sie von einem "Soziometer".

Barabásis Team wollte wissen, ob Unglücke und andere dramatische Ereignisse typische Spuren in den Telefondaten hinterlassen. Sie fahndeten in den Nachrichten des Untersuchungszeitraums unter anderem nach Berichten über Flugzeugabstürze, Erdbeben, Blackouts und Bombenexplosionen in dem betroffenen, nicht namentlich genannten Land und untersuchten dann das Telefonverhalten zu diesen Zeitpunkten.

In der Tat schnellte die Zahl der Anrufe rund um den Unglücksort in den ersten Minuten nach dem Ereignis steil nach oben. Außerdem registrierten die Forscher regelrechte Anrufkaskaden. Die von den Zeugen des Unglücks Angerufenen riefen sofort weitere Freunde, Bekannte oder Angehörige an - und diese taten es ihnen gleich. Ein ähnlicher Effekt, der auch bei Twitter auftritt, wenn beispielsweise ein Flugzeuginsasse einen Tweet über die Notlandung im Hudson-River verfasst. Auch hier breitet sich die Nachricht kaskadenförmig binnen kürzester Zeit im Netz aus - ihr Inhalt steht anders als bei Handyanrufen sogar jedermann offen.

Dirk Helbing zufolge, der an der ETH Zürich soziale Netzwerke erforscht, steckt in Barabásis Arbeit großes Potential. "Man könnte die Muster in Telefonanrufen nutzen, um Katastrophen zu erkennen, bevor man auf anderen Wegen von ihnen erfährt", sagt er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Bei Katastrophen komme es auf jede Minute an. Wenn Anrufe in Echtzeit auf solche Kaskaden analysiert würden, könnten Rettungsteams womöglich früher ihren Einsatz vorbereiten.

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