Spionagetechnik USA wollen mit künstlichen Fliegenohren Feinde belauschen

Das US-Militär will sich den phänomenalen Hörsinn einer Fliege zu Nutze machen. Über Feindesland abgeworfen, sollen nachgebaute Insektenohren gegnerische Truppen aushorchen.


Vorbild für akustische Sensoren: Die Fliege Ormia ochracea
R. Hoy / G. Haldeman / Cornell University

Vorbild für akustische Sensoren: Die Fliege Ormia ochracea

Der Lauschangriff beginnt in der Luft: Ein Schwarm akustischer Sensoren regnet, von einem Flugzeug abgeworfen, auf das gegnerische Gebiet nieder. Einige der weiträumig über den Boden verteilten Mini-Mikrofone zeichnen unterdrückte Stimmen und leise Schritte auf. Sie funken die Daten zu einem Empfänger an Bord des Flugzeugs, wo aus den Einzelinformationen die genaue Position der Geräusche errechnet wird - die feindlichen Truppen sind geortet.

Über eine derart raffinierte Spionagetechnik könnte das US-Militär bereits in wenigen Jahren verfügen - dank einer Fliege mit außergewöhnlichem Hörsinn. Nach dem Vorbild des Insekts entwickeln Wissenschaftler um Ronald Miles von der Binghampton University im US-Bundesstaat New York winzige Mikrofone, mit denen sich die Richtung eines Geräusches präzise bestimmen lässt. Ein erster Prototyp soll, wie die "New York Times" berichtet, in diesem Sommer fertig sein. Finanziert wird das Projekt von der Darpa, der Forschungsagentur des Pentagon.

Die Inspirationsquelle, ein Parasit mit dem Namen Ormia ochracea, fasziniert Biologen wie Ingenieure: Er verfügt über ein verblüffendes räumliches Hörvermögen. Das Insekt kann, wie Forscher um Ronald Hoy von der Cornell University im vergangenen Jahr demonstrierten, die Richtung von Geräuschen bis auf zwei Grad bestimmen. Das genaue Gehör dient der Lokalisierung von Grillen, auf denen das Fliegenweibchen seine Larven ablegt.

Eine ähnliche Präzision im Richtungshören erreicht allenfalls der Mensch, dem dies nur auf Grund der großen Distanz zwischen seinen Ohren gelingt. Ormia ochracea, bei der die Trommelfelle kaum einen halben Millimeter voneinander entfernt sind, behilft sich dagegen mit einer anderen Technik: Das der Geräuschquelle näher gelegene Organ vibriert stärker als das andere, aus dem Unterschied kann das Insekt die Richtung der Schallwellen bestimmen.

Diesen Trick haben Miles und seine Kollegen kopiert: Nach der biologischen Vorlage fertigten sie hauchdünne Membranen aus Polysilizium. Die fertigen "Ormiaphones", wie sie die Wissenschaftler nach dem Insekt genannt haben, sollen mit einer Größe von etwa zwei Millimetern die kleinsten Richtmikrofone der Welt sein. Neben ihrem militärischen Einsatz könnten sie unter anderem zum Bau neuartiger Hörgeräte führen, die eine deutlich bessere Gesprächswahrnehmung ermöglichen.

Die Spionage-Sensoren wollen die Forscher aus mehreren im Kreis angeordneten Einzelmikrofonen konstruieren. Aus den verschieden starken Signalen kann ein integrierter Prozessor dann die genaue Richtung eines Geräusches errechnen. Mit einsatzfähigen Freiluft-Wanzen ist allerdings erst in frühestens zwei Jahren zu rechnen - zu spät für aktuelle Anwendungen etwa in Afghanistan, wie Miles bedauernd einräumt: "Es wäre praktisch gewesen, schon jetzt so etwas zu haben."



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