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Saatguttresor auf Spitzbergen: Die Arktis kommt ins Schwitzen

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Tauender Permafrost Sorge um den Saatguttresor

Eine einzigartige Anlage auf der Arktisinsel Spitzbergen soll die genetischen Ressourcen wichtiger Pflanzen für die Ewigkeit bewahren. Doch schon zum wiederholten Mal gibt es Probleme. Säuft die Arche Noah für Saatgut ab?

Das Ding sieht aus, so hat es die "Washington Post" gerade beschrieben, als habe ein Stararchitekt für einen James-Bond-Film ein arktisches Versteck gebaut. Und tatsächlich: Wenn man vor dem Svalbard Global Seed Vault steht, ist das ein ziemlich spektakulärer Anblick. Ein Zahn aus Beton, oben verziert mit funkelnden Glasfragmenten, bohrt sich in die Flanke eines weitläufigen Berges. Weit unterhalb schwappt das Wasser des arktischen Ozeans. Selbst wenn die Meeresspiegel um Dutzende Meter stiegen, wäre man hier oben sicher.

Die Anlage auf der zu Norwegen gehörenden Arktisinsel Spitzbergen ist eine Art biologisches Bankschließfach der Menschheit. Kaum mehr als 1000 Kilometer vom Nordpol entfernt, sind hier um die 900.000 Saatgutproben im ewigen Eis gelagert. Auf 78 Grad nördlicher Breite sollen sie, verpackt in mehrlagige Plastikbeutel und diese wiederum in Kisten, alle Kriege und Krisen der Welt überstehen.

Weil das Saatgutlager im Permafrost gebaut ist, könnte es - so jedenfalls die Theorie - notfalls auch ganz ohne Kühlung auskommen. Und warten auf einen Tag, der hoffentlich nie eintritt. Rund 1700 Genbanken gibt es auf der Welt, aber keine ist wie diese. Bei einer globalen Katastrophe ausgestorbene Pflanzenspezies könnten notfalls mit Genmaterial aus dem arktischen Saatguttresor nachgezogen werden.

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Vor allem für Nutzpflanzen wie Getreide, Reis oder Mais, aber auch Tomaten oder Bohnen ist das interessant - und womöglich eines Tages sogar überlebenswichtig für die Menschheit. Auch wenn sich das niemand im Detail vorstellen will, klingt das Konzept doch erst einmal überzeugend - gäbe es da nicht ein entscheidendes Problem: Zum wiederholten Mal macht nun tauender Permafrost den Betreibern der Anlage zu schaffen.

Das Rettungsboot für die Welternährung, diese Arche Noah für Pflanzen, säuft ab. So scheint es jedenfalls.

Der britische "Guardian" berichtete am Freitagabend, der Saatguttresor sei "geflutet" worden. Schuld daran seien unerwartet hohe Temperaturen im Herbst und Winter auf Spitzbergen. Sie hätten Permafrost geschmolzen und dafür gesorgt, dass große Mengen Wasser in den 100 Meter langen Zugangstunnel des Tresors gelangt seien . Andere Medien griffen die Geschichte auf. Der Klimawandel, so der Tenor, sei schuld daran, dass die Anlage schon wenige Jahre nach ihrer Einweihung quasi den Geist aufgibt.

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Saatguttresor auf Spitzbergen: Die Arktis kommt ins Schwitzen

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Am Samstag meldete sich dann Cary Fowler zu Wort. Der amerikanische Agrarwissenschaftler gilt als Vater des Projekts und stand lange Jahre dem Crop Trust vor, unter dessen Ägide die Genbank betrieben wird. Und was Fowler dem US-Magazin "Popular Science" zu sagen hatte, klang deutlich weniger dramatisch als die ersten Schlagzeilen . Eigentlich habe man jedes Jahr Probleme mit Wasser am Tunneleingang gehabt, erklärte er. Der Tunnel sei auch gar nicht so angelegt gewesen, dass kein Wasser eindringen könne. (Hier  können Sie die Anlage in 360-Grad-Panoramen erkunden.)

Was also spielt sich ab im hohen Norden? Das große Saatgutdrama? Oder können wir uns alle wieder hinlegen, weil's doch alles nicht so schlimm ist? Ein Anruf bei Hege Njaa Aschim soll die Dinge klären. Sie ist Kommunikationschefin beim norwegischen Staatskonzern Statsbygg in Oslo. Der ist verantwortlich für alle praktischen Fragen rund um den Saatguttresor. "Das ist keine Krisensituation, aber eine, in der wir achtgeben sollten", fasst Aschim ihre Sicht der Dinge zusammen.

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Es sei in diesem Jahr jedenfalls deutlich mehr Wasser in den Tunnel eingedrungen, als man das je erlebt habe. Schuld sei das "extreme Wetter" gewesen, mit seinen hohen Temperaturen und hohen Niederschlägen. Tatsächlich war es in diesem Winter auf Spitzbergen mehrfach wärmer als zum Beispiel in Deutschland. "Wir sehen immer häufiger Wetterlagen mit Tiefdruckgebieten, die bis nach Spitzbergen ziehen", hatte Polarforscherin Marion Maturilli vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Potsdam damals erklärt.

Die Arktis erwärmt sich im Klimawandel deutlich stärker als die allermeisten anderen Teile der Erde. Gerade im Winter steigen die Durchschnittstemperaturen langfristig stark an.

Wasser dringt ein und gefriert

Und diese warme und feuchte Luft hat am Saatguttresor eben tatsächlich für handfeste Probleme gesorgt. Zunächst seien Regen- und Schmelzwasser in die Anlage gelaufen, etwa 15 Meter in den Zugangstunnel hinein, sagt Aschim. Dann sei das Wasser gefroren und habe den Weg unpassierbar gemacht. Das Eis habe man inzwischen mit Spitzhacken entfernt. Zusätzliche Wärmequellen wie einen elektrischen Transformator habe man aus dem Tunnel nach draußen verbannt. Man baue eine wasserdichte Trennwand im Tunnel und leite zukünftige Wassermassen mit neuen Gräben am Berg vom Tunnel weg.

Wird das reichen? Es ist jedenfalls nicht das erste Mal, dass die Norweger die Anlage wegen Probleme mit dem Permafrost nachbessern müssen. So waren bereits unmittelbar nach der Eröffnung vor neun Jahren Bauarbeiten am Tunnel notwendig gewesen - wegen Problemen mit dem Permafrost. Doch Hege Njaa Aschim gibt sich sicher: "Wir werden das managen."

Die Norwegerin Marie Haga ist Exekutivdirektorin im Bonner Hauptquartier des Crop Trust. Fragt man sie, ob der Spitzbergen bei allen aktuellen Problemen denn wirklich noch immer der beste Platz für das Saatgut der Erde ist, zögert sie nicht. "Ich kann mir schwer einen besseren Platz als Back-up für die Genbanken der Welt vorstellen", beteuert sie - und zählt dann all die Vorteile auf, die schon zur Einrichtung zur Einrichtung des Saatguttresors genannt wurden: politische Stabilität, gute Erreichbarkeit, wenig Georisiken und so weiter.

Beim Crop Trust legt man auf eines Wert: Keine der Saatgutproben sei durch das Wasser im Tunnel in Mitleidenschaft gezogen worden. Und bei Umsetzung der aktuellen Baumaßnahmen werde das auch so bleiben, heißt es in einer Presseerklärung . Doch ganz sorgenfrei blickt man der Zukunft offenbar auch nicht entgegen. Denn neben der Entwicklung des Permafrostes auf Spitzbergen im Allgemeinen sollen die Norweger auch konkrete Alternativen für einen ganz neuen Zugangstunnel zum Saatguttresor untersuchen.

Braucht die Anlage tatsächlich einen neuen Eingang? "Für uns ist vor allem wichtig, dass alles wasserdicht ist", sagt Haga. "Was die beste Lösung dafür ist, sollen die Ingenieure vorschlagen. Wir wollen nicht so tun, als wüssten wir das besser." Und so soll trotz der Bauarbeiten erst einmal alles fast so weitergehen wie bisher. Im Oktober erwartet man wieder eine Saatgutlieferung auf Spitzbergen.


Zusammengefasst: In den internationalen Saatguttresor auf Spitzbergen sind größere Mengen Wasser eingedrungen. Informationen, dass dadurch Saatgutproben beschädigt wurden, gibt es nicht. Unter anderem Wassergräben und eine wasserdichte Zwischentür sollen in Zukunft mehr Schutz bringen. Ob die Maßnahmen zum Schutz der Anlage auf Dauer ausreichen, muss sich zeigen. Die Arktis erwärmt sich im Klimawandel deutlich stärker als die meisten anderen Weltregionen.

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