Sportmedizin Armstrongs Erfolgsgeheimnis

Ein US-Sportarzt macht die besonders starken Muskeln von Lance Armstrong für dessen Tour-Siege mit verantwortlich. Dopingvorwürfe hat der Radprofi stets vehement zurückgewiesen. Trotz des Testosteron-Mangels infolge einer Krebstherapie verzichtet Armstrong nach eigener Aussage auf eine leistungssteigernde Hormonbehandlung.

Im Kampf Mann gegen Mann deklassierte Lance Armstrong bei der vorjährigen Tour alle anderen Favoriten. Mehr als eine Minute knöpfte er dem T-Mobile-Kapitän Jan Ullrich beim 15 Kilometer langen Bergzeitfahren nach L'Alpe d'Huez ab. Wie eine Nähmaschine surrte Armstrongs Rad den steilen Anstieg hinauf.

Die Leichtigkeit, mit der der Texaner seit Jahren der Konkurrenz davon fährt, verblüfft immer wieder aufs Neue. Auf Dopingvorwürfe reagiert Armstrong äußerst aggressiv, regelmäßig schaltet er seinen Rechtsanwalt ein. Unter Verdacht geriet der Amerikaner, als im Jahr 2002 dem italienischen Sportarzt Michele Ferrari der Prozess wegen der Weitergabe und des Handels mit Dopingsubstanzen gemacht wurde. Ferrari hatte in den Jahren zuvor unter anderem auch Armstrong betreut.

Fündig wurden die Dopingfahnder bei Armstrong jedoch nie. Er erklärte immer wieder, dass er quasi rund um die Uhr mit Kontrollen rechnen müsse - und diese auch regelmäßig stattfänden. "Meine Verteidigung sind Hunderte von Dopingproben, während der Rennen und anderswo", sagte Armstrong erst kürzlich in einem Interview mit der amerikanischen Ausgabe des "Playboy".

18 Prozent mehr Power

Wenn er nicht zu verbotenen Substanzen greift, wie schafft er es dann, immer wieder auf den Punkt genau in Top-Form zu sein? Schließlich hatte er das Kunststück fertiggebracht, die Tour seit 1999 sechs mal in Folge zu gewinnen - als Kapitän des US-Postal-Teams.

Der Sportarzt Edward Coyle von der University of Texas untersuchte den Ausnahmeathleten zwischen 1992 und 1999 regelmäßig im Labor. In diesem Zeitraum habe sich Armstrongs Muskeleffizienz um acht Prozent erhöht, berichtete Coyle in der Juni-Ausgabe des "Journal of Applied Physiology".

Als der Arzt den Radfahrer im Alter von 20 erstmals durchcheckte, habe dieser ein außergewöhnlich großes Herz und niedrige Laktatwerte gehabt - ideale Voraussetzungen für den Radsport. "Aber seine Muskeleffizienz war nicht sehr gut", sagte Coyle. Andere Athleten hätten bessere Werte gehabt. In den Folgejahren habe Armstrong seine Muskelkraft erheblich erhöht. Und das, obwohl in diese Zeit auch die schwere Krebserkrankung mit anschließender Chemotherapie fiel.

Weil Armstrong gleichzeitig sein Gewicht reduzierte und die Muskeleffizienz steigerte, standen dem Fahrer letztlich 18 Prozent mehr Kraft pro Kilogramm Körpergewicht zu Verfügung - ein gewaltiger Sprung, der auch die Tour-Siege mit erklären könnte.

Coyle vermutet, dass sich Armstrongs Muskeln im Laufe der Jahre verändert haben. Der Anteil der für Ausdauersportler wichtigen roten Muskelfasern, die langsamer ermüden als weiße, könnte von 60 auf 80 Prozent gestiegen sein. Das Wunder Armstrong wäre somit erklärt - sportlich sauber mit hartem Training.

Doch es gibt noch eine andere These dafür, warum der Amerikaner in den letzten Jahren so stetig siegte: sein erfolgreich behandelter Hodenkrebs. Armstrong bestätigte immer wieder in Interviews, dass er ohne die schwere Erkrankung wohl nicht jenen unbeugsamen Willen entwickelt hätte, auf dem Rad alles zu geben. Angesichts des nahen Todes - selbst in seinem Kopf fanden sich Metastasen, die wegoperiert werden mussten - kämpfte der Texaner mit aller Energie gegen den Krebs und gewann. Mit demselben Engagement fuhr er in den Folgejahren Radrennen und holte sich sechs Mal den Toursieg. Die Krebserfahrung sei "das beste, was mir jemals wiederfahren ist", erklärte Armstrong.

Unbeugsamer Wille durch Todesnähe

Als Ärzte bei ihm 1996 Hodenkrebs im fortgeschrittenen Stadium diagnostizierten, schien seine Profi-Laufbahn zu Ende. Armstrong musste der rechte Hoden komplett entfernt werden, ihm verblieb nur noch der linke. Die anschließende Chemotherapie schädigte den linken Hoden so sehr, dass bis heute nicht feststeht, ob Armstrong je wieder ein Kind zeugen kann.

Weil die Hoden nicht nur Samen, sondern auch Testosteron produzieren, leidet Armstrong seit der Krebstherapie unter einem Mangel des Hormons. "Seit 1996 habe ich chronisch zu wenig Testosteron und kann nichts dagegen machen", sagte er in dem "Playboy"-Interview.

Testosteron fördert unter anderem den Muskelaufbau, regt die Blutbildung an und stärkt das Gefühl von Power und Aggressivität. Wegen dieser leistungssteigernden Effekte ist das Hormon als Anabolikum eingestuft, die Verabreichung gilt als Doping.

Armstrong bestreitet, die fehlende Hormonmenge durch eine Testosteronzufuhr auszugleichen. Er könne erst nach Ende seiner Profikarriere mit dem Spritzen von Testosteron beginnen, beteuerte er. Das wäre nach der diesjährigen Tour, die seine letzte sein soll.

Unter den Patienten von Friedrich Jockenhövel, Mediziner am Evangelischen Krankenhaus Herne, befinden sich mehrere Leistungssportler, die nach einer Chemotherapie regelmäßig Testosteron bekommen. "In 80 Prozent der mit Chemotherapie Behandelten sind die Hoden danach so geschädigt, dass dauerhaft Hormone gegeben werden müssen", sagte der Spezialist im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Ein Sportler, der infolge einer Chemotherapie Testosteron bekommt, müsse dies vor jedem Wettkampf dem Veranstalter melden, sagte Jockenhövel, um bei Dopingkontrollen nicht unter Verdacht zu geraten. Die von ihm betreuten Sportler würden das genauso handhaben.

Publik machen dürften die Organisatoren die Testosterongabe jedoch nicht. "Das fällt unter die ärztliche Schweigepflicht", so Jockenhövel. "Als Betroffener wäre ich sehr ungehalten, wenn ich in der Zeitung lesen müsste, dass ich Testosteron bekomme."

Ein Teilnehmer der Tour de France würde nach Meinung des Arztes von einer Hormonzufuhr profitieren. "Es ist bekannt, dass die Testosteronproduktion der Hoden bei andauernder Belastung sinkt." Bei Fahrern ohne Hormongabe sinke der Spiegel während einer Etappe sowie insgesamt im Laufe der Tour. "Wenn ein Sportler behandelt wird, dann ist sein Testosteron-Spiegel ausgeglichener und sicher auch höher als bei anderen Fahrern", glaubt Jockenhövel.

Das Hormon könnte am besten als intramuskuläre Spritze in den Po gegeben werden. "Eine Spritze reicht für drei Wochen, neuerdings sogar für bis zu drei Monate", erklärt Jockenhövel. Das Hormon werde in den Muskeln gelagert und kontinuierlich abgegeben. "Der Sportler hätte quasi einen Testosteron-Tank im Po." Man könne die Dosis so einstellen, erklärt der Mediziner, dass der Spiegel konstant im oberen Drittel des Normbereichs liege. Andere Fahrer hätten so hohe Werte nur sporadisch.

Wenn Armstrong nach der Tour wie angekündigt mit der Hormonbehandlung beginnt, dürfte er also einen kleinen Leistungsschub verspüren. Darum geht es ihm dann freilich nicht mehr. Er sorgt sich vielmehr über eine mögliche Osteoporose, denn chronischer Testosteron-Mangel macht die Knochen brüchig.

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