Sportpsychologie Rot macht aus Athleten Sieger

Der Erfolg hat eine Farbe: Sportler in roter Kleidung siegen bei Wettkämpfen öfter als ihre Konkurrenten in Blau oder anderen Tönen - gleich mehrere Studien haben das belegt. Forscher rätseln nun über die Ursachen des erstaunlichen Kleidungsphänomens.

Welches Team dominiert die Bundesliga? Bayern München. Wer hat die Champions League im Jahr 2008 gewonnen? Manchester United. Was haben beide Mannschaften gemeinsam? Die roten Dresse, in denen sie bei Heimspielen auflaufen. Hat der Erfolg beider Teams also mit der markanten Farbe ihrer T-Shirts zu tun?

Mehrfach haben sich Forscher in den vergangenen Jahren mit dieser Frage beschäftigt - mit verblüffenden Ergebnissen. Bei Olympia 2004 in Athen machte die Farbe Rot beispielsweise den kleinen Unterschied - zumindest in den Sportarten Boxen, Taekwondo und Ringen. Russel Hill und Robert Barton von der University of Durham hatten die Duelle der Sommerspiele systematisch ausgewertet.

Für eine belastbare Statistik eignen sich diese Kampfsportarten hervorragend. Denn die Farbe der Kleidung oder Protektoren - entweder blau oder rot - wird in allen drei Fällen den Kontrahenten zugelost, es entscheidet allein der Zufall. Die Auswertung aus dem Jahr 2005 ergab, dass die in Rot Gewandeten einen messbaren Vorteil hatten. Am größten war dieser bei Taekwondo (Rot gewinnt 57 Prozent aller Kämpfe), gefolgt von Boxen (55 Prozent Siegquote) und Ringen (Griechisch-Römisch 52 Prozent, Freistil 53 Prozent), schreiben Hill und Barton im Fachblatt "Nature" .

Rot kickt gut

Im Frühjahr 2008 legten die Durham-Forscher mit einer umfangreichen Analyse der englischen Premiere League von 1947 bis 2003 nach - erschienen im "Journal of Sports Sciences" . In Rot spielende Fußballteams holten demnach überproportional oft den Titel und siegten auch häufiger bei Heimspielen als etwa gelb oder orange gekleidete Mannschaften. Die Fakten sind eindeutig: Drei der vier erfolgreichste englischen Clubs laufen bei Heimspielen in Rot auf: Manchester United ("The Red Devils"), FC Liverpool ("The Reds") und der FC Arsenal.

Matthias Sutter und Martin Kocher von der Universität Innsbruck bezweifeln jedoch, ob die Rot-These tatsächlich auch beim Fußball gilt. Die beiden Wirtschaftsforscher haben 306 Spiele der Deutschen Bundesliga der Saison 2000/01 unter die Lupe genommen. Rot macht nicht erfolgreicher, lautet ihr Fazit, und auch keine andere Farbe. "Womöglich haben wir hier ein Henne-Ei-Problem", meint Sutter in Bezug auf die Ergebnisse der Premiere League. Die erfolgreichsten Teams würden seit Jahren in Rot spielen. Was aber sei zuerst dagewesen, fragt er. Der Erfolg oder der rote Dress? Oder beides zugleich?

Dominanz signalisieren

Die Frage illustriert eines der grundlegenden Probleme bei der Interpretration von Statistiken: Die Aussage, dass Rot die Siegchancen erhöht, ist durch die umfangreichen Auswertungen nämlich keinesfalls bewiesen. Vielmehr zeigen die Daten - abgesehen von der Bundesliga - eine Korrelation von Farbe und Erfolg, ein kausaler Zusammenhang ist das aber noch lange nicht. Es wäre im Falle der Premiere League beispielsweise auch denkbar, dass Rot die Lieblingsfarbe besonders ehrgeiziger Menschen ist. Wenn diese in einem Fußballclub das Sagen haben, dann wirkt sich das nicht nur auf den Erfolg der Mannschaft aus, sondern eben auch auf die bevorzugte T-Shirt-Farbe.

Hill und Barton sind sich aber sicher, dass Rot tatsächlich erfolgreicher macht - auch dank ihres Hintergrunds als Anthropologen. "Wir wissen aus Studien mit Tieren und Menschen, dass Rot genutzt wird, um Dominanz zu signalisieren", sagt Hill im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Wut ist bei Menschen assoziiert mit einer sich rötenden Haut, die auf erhöhte Blutzirkulation zurückgeht", schreiben die Durhamer Forscher in ihrem "Nature"-Paper. Für Angst stehe hingegen eine blasse Haut.

Rot schwächt die Leistung bei Denkaufgaben

Den Erfolg im Fußball erklärt Barton so: Die Farbe Rot wirke wahrscheinlich auf die Psyche der eigenen wie der gegnerischen Mannschaft. Womöglich habe Rot über die Jahre auch mehr Fans angezogen, was die Teams wiederum immer stärker gemacht habe. Ausdrücklich verweisen die Anthropologen auf Experimente von Psychologen, die gezeigt hatten, dass allein der Anblick der Farbe Rot das Leistungsvermögen von Menschen sinken lässt.

Beispielsweise hatten Forscher der University of Rochester (USA) und der Universität München Probanden Denkaufgaben lösen lassen. Die Nummern aller Teilnehmer waren in verschiedenen Farben auf den Testbögen notiert. Das mit Stopp assoziierte Rot verschlechterte die Performance nachweisbar, berichten Andrew Elliot und seine Kollegen im "Journal of Experimental Psychology" ).

Kampfrichter sieht rot

Der neueste Erklärungsversuch stammt von Sportpsychologen der Universität Münster. Sie führen den Erfolg von Rot im Kampfsport Taekwondo allein auf die Kampfrichter zurück. Bei identischer Leistung würden Sportler mit rotem Brustschutz nachweisbar besser bewertet als jene, die einen blauen tragen, berichten Bernd Strauß und seine Kollegen im Fachblatt "Psychological Science" .

Die Wissenschaftler hatten 42 erfahrenen Taekwondo-Kampfrichtern zwei Videos mit jeweils elf Kampfsequenzen gezeigt. Im ersten trug ein Kämpfer einen roten und der andere Kämpfer einen blauen Brustschutz. Der zweite Film bestand aus den identischen Szenen, doch die Wissenschaftler hatten zuvor per digitaler Bildbearbeitung die Farben vertauscht. Obwohl die Kampfrichter denselben Kampf sahen, bewerteten sie die Leistungen unterschiedlich: Kämpfer mit rotem Brustschutz erhielten durchschnittlich 13 Prozent mehr Punkte als solche mit blauem Schutz.

"Wir können unsere Wahrnehmung nicht überlisten"

Rot strahle Kraft, Energie und Gefahr aus, das könne Kampfrichter gerade in uneindeutigen Wettbewerbssituationen beeinflussen, vermuten die Sportpsychologen. "Es handelt sich um einen unbewussten und von den Schiedsrichtern natürlich nicht gewollten Effekt. Wir können eben unsere Wahrnehmung nicht so einfach überlisten", sagt Strauß. Der Farbeffekt war übrigens dann am stärksten, wenn beide Gegner etwa gleich stark waren. Bei Athleten mit unterschiedlichem Leistungsniveau ließen sich die Kampfrichter vom Vertauschen der Farben kaum beirren.

Wie aber ließe sich Fairness künftig sicherstellen? Eine einfache Lösung für die Kampfsportarten wäre, ein solches Farbenpaar auszuwählen, das den Ausgang des Duells nicht beeinflusst. Keine leichte Aufgabe, wie das Beispiel Judo zeigt. Auch hier werden den Kontrahenten Farben zugelost, allerdings Blau und Weiß. Forscher der University of Newcastle hatten die Judo-Wettkämpfe von Olympia 2004 ausgewertet und einen leichten Vorteil für Blau ermittelt, wie sie in "Nature" berichten .

Im Fußball ist die Umsetzung gerechter Farbkombinationen noch ungleich schwerer. Sollte eines Tages das Los oder ein Psychologenteam über die Trikotfarbe der Teams entscheiden, dürften die Fans auf die Barrikaden gehen. Zu Recht, denn im Grunde müsste dann auch gleich das Design ihrer Schals mit reglementiert werden, damit auch ja keiner benachteiligt wird. Da ist es vermutlich einfacher, wenn Bayern München immer mal wieder die Meisterschaft vergeigt, um zu unterstreichen, dass rote T-Shirts nicht automatisch zum Sieg führen.

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