Sprache und Wahrheit Wenn Wissenschaftler lügen

Wissenschaft will genau sein - doch die Sprache ist oft unscharf. Wann werden Aussagen unexakt? Wo beginnt die Unwahrheit? Chemie-Nobelpreisträger Roald Hoffmann diskutiert mit Geisteswissenschaftlern, ob das Einfache oder das Komplexe lügt.

Sprache als Kommunikationsmedium bietet viele Funktionen und Möglichkeiten der Nutzung, die Sprache der Wissenschaft bildet dabei keine Ausnahme. Die ethische Fragestellung geht hier über konkrete Probleme wie Genmanipulation oder Stammzellenforschung hinaus und betrachtet stattdessen, wie Wissenschaftler Wissenschaft praktizieren und welches Verhältnis sie dabei zur Sprache und zur Wahrheit haben.

Wissenschaftler sind bis heute davon überzeugt, dass ihre wissenschaftliche Sprache wortgetreu und transparent ist. Den Gebrauch von Metaphern betrachten sie als Notlösung, die nur da statthaft ist, wo exakte wissenschaftliche Sprache nicht möglich ist - beispielsweise wenn eine wissenschaftliche Arbeit für das breitere Publikum übersetzt werden muss. Für die meisten Naturwissenschaftler verhalten sich Wissenschaft und Metapher zueinander wie Wahrheit und Dichtung, und Rhetorik ist für sie gleichbedeutend mit Lüge. Aber Wissenschaftler kommen ohne die Unschärfe, die eine solche Sprache erlaubt, gar nicht aus. Wer Sinn ins Unbekannte tragen will, tappt unvermeidlich im Dunkeln, und die Ungenauigkeit der bildhaften Sprache leistet dabei unentbehrliche Dienste. Sie motiviert, verleiht Macht und führt manchmal natürlich auch in die Irre.

Es stellt sich die Frage, wie man in der Wissenschaft produktive von unproduktiven Metaphern unterscheiden kann. Zunächst sind jene Wahrheiten zu nennen, die Wissenschaftler außerhalb ihres engsten Kreises verschweigen, so dass diese Wahrheiten die Funktion eigennütziger Lügen bekommen. Warum insistieren Wissenschaftler so offensichtlich auf dem Mythos, Wissenschaft sei das Gegenteil von Rhetorik? In der gängigen Vorstellung - von Wissenschaftlern und Laienpublikum gleichermaßen - strebt die Wissenschaft nach Wahrheit; ihr Ethos ist die Redlichkeit, und folglich ist auch ihre Sprache wahrhaftig. Rhetorik dagegen ist laut Oxford English Dictionary "die Kunst, die Sprache zu verwenden, um andere zu überzeugen oder zu beeinflussen". Welchen Stellenwert nimmt die Rhetorik in der Wissenschaft ein? Im idealtypischen Fall sprechen wissenschaftliche Daten für sich, und es gibt keinen Bedarf an der Kunst des eloquenten Überzeugens.

Selbstverständlich glaubt niemand ernsthaft an ein derart idealisiertes Bild der Wissenschaft, am wenigsten die Wissenschaftler selbst. Die Objekte, die wir z.B. in der Biologie dingfest zu machen versuchen, benötigen immer eine narrative Gestaltung.

Eine besonders interessante Metapher ist diejenige des Gens. Bis zum Jahr 1953 war der Terminus "Gen" ein Neologismus und bezog seine Kraft aus zwei selbständigen Metaphern, die in einem Spannungsverhältnis zueinander standen: Atom und Organismus. Der Begriff funktionierte gut und produktiv, bis im Jahr 1953 die DNA als das genetische Material und das Gen als eine spezifische Sequenz dieses Moleküls identifiziert wurde. Das Gen konnte nun nicht mehr länger Atom und Organismus zugleich sein. Es war etwas Definites geworden, und als solches verlor seine bisherige Erklärungskraft an Reichweite. Sobald das Gen konkret fassbar war, konnte man spezifische Fragen formulieren. Nach 1953 kam auch die stillschweigende Zuschreibung der Eigenschaften eines Organismus an das Gen einer nachweisbaren Unwahrheit gefährlich nahe.

Wissenschaftler halten mit vielen Wahrheiten ihres Standes, mit vielen Betriebsgeheimnissen gern hinterm Berg oder beschränken ihre Mitteilungen auf einen kleinen Kreis von Eingeweihten, weil das populäre Bild der Wissenschaft für sie von Nutzen ist. Schließlich müssen Wissenschaftler überzeugen, sie müssen ihre Arbeit verkaufen, und es gibt Wahrheiten, die teuer zu stehen kommen.

Einen anderen Blick auf Sprache und besonders Lüge erlaubt der Bereich Film. Ein Beispiel ist der Actionfilm True Lies - Wahre Lügen von 1994, in dessen Mittelpunkt der damals noch singuläre Golfkrieg und Arnold Schwarzenegger, damals noch Schauspieler, stehen. Einige Szenen des Films entfalten im Nachhinein eine fast visionäre Kraft. Einmal kracht ein Flugzeug durch die Fensterscheiben eines Wolkenkratzers; ein andermal droht eine Terroristengruppe Amerika mit dem Dschihad, wenn es seine Truppen nicht aus dem Nahen Osten abzöge (im Film, also in der Fiktion, werden Massenvernichtungswaffen gefunden).

True Lies ist ein Remake des französischen Films La Totale (Der Joker und der Jackpot), aber er nimmt in einer Weise auf das Zeitgeschehen Bezug, wie es das Original nicht tut. Als zeitgenössische Komödie der Wiederverheiratung stellt True Lies die Frage nach dem notwendigen Zusammenhang zwischen politischer Täuschung, Überlistung der Gefühle und Unterhaltung, während gleichzeitig stets die Illusions-Maschinerie Hollywoods mitreflektiert wird. Der Film stellt auch eine ernste philosophische Frage: Ist nicht jede Lüge (wenn nicht jedes Leben) eine "wahre Lüge"? Kann Ethik definiert werden als diejenige Wissenschaft, die Abstufungen der Lüge - von der Notlüge zur echten Lüge - unterscheidet? Haben wir je erlebt, dass ein Nietzsche-Traktat als Hollywood-Unterhaltung durchgeht?

Für Nietzsche kann es nur "wahre Lügen" geben. Für ihn sind alle Lügen Notlügen, weil die Lüge das Wesen der Sprache ist. Folglich ist auch die Lust am Lügen eine künstlerische Lust, sagen wir doch die Wahrheit meist in Form der Unwahrheit. Im Kontext der Idee der Kunst als Quintessenz der Lüge schreibt Nietzsche: "Kunst behandelt also den Schein als Schein, will also gerade nicht täuschen, ist wahr", und er verweist auf den Traum als eine Variante der Fiktion. Erst sehr viel später wird Nietzsche erkennen, dass er einer neuen Form der "objektiven" Wahrheit nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt hat - der Wissenschaft nämlich, der zunächst bedingungslos vertraut wird. Es sei notwendig, schreibt Nietzsche, "die Wissenschaft unter der Optik des Künstlers zu sehen, die Kunst aber unter der des Lebens".

Kann aus Wissenschaft Ethik erwachsen?

Der Unterschied von Unwissenheit und absichtlicher Täuschung lässt sich mit Bezug auf Platons Dialoge über Homer und den Hollywood-Film Troja, besonders die Figuren Achilles und den listenreichen Odysseus verdeutlichen. Zahlreiche Theorien behandeln die Grundlagen von Kultur und Geschichte und die oft paradoxe Art und Weise unseres Bemühens, die Wahrheit zu fassen zu kriegen. Heraklit wollte "der Dunkle" sein - nicht um zu täuschen, sondern um enthüllend zu verbergen - wie die Natur, deren Wesen ihm zufolge darin besteht, zu verbergen und sich selbst zu verstecken. Muss man daraus den Schluss ziehen, dass die Dichter nicht mehr lügen, wenn sie Lügner beschreiben? Wenn dies die Wahrheit ist, so gibt es keinen Zweifel mehr: Der wahre Held Homers (falls der Dichter jemals existiert und die Ilias und Odyssee geschrieben hat) ist Odysseus, der lügenhafte Held, der kluge Stratege, der Erfindungs- und Listenreiche, der tausend Tricks kennt.

Der Lüge entgegen steht die Aufrichtigkeit, die der Wissenschaftler dem singulären Gegenstand entgegenzubringen hat. Die wissenschaftliche Praxis zwingt den Wissenschaftler, sich ein Grundgerüst universeller Werte aufzubauen. Kann aus Wissenschaft Ethik erwachsen? Ist diese Frage lächerlich? Vertritt Wissenschaft eine ethische Neutralität? Oder ist Wissenschaft ihrem Wesen nach ethisch? Wer behauptet, Wissenschaft sei ethisch neutral, stellt Wissenschaftler kurzerhand auf eine Stufe mit den Befürwortern des freien Verkaufs von Schusswaffen. Die Sprache und insbesondere das Geschichtenerzählen haben im Rahmen wissenschaftlicher Praxis eine große Bedeutung. Die Beziehung von Wissenschaft und Geschichtenerzählen wird evident an der Art und Weise, in der wir unser wichtigstes wissenschaftliches Werkzeug, das Auge, verwenden, so zeigt John Polanyi. Das Auge sucht nach Formen, es sucht nach einem Anfang, einer Mitte und einem Ende. Die Macht von Geschichten kann größer sein als die der Fakten. Und Geschichten mit ihren notwendigen moralischen Implikationen sind Hoffmanns Brücke zur Ethik.

Doch warum stellt die Wissenschaft die Schönheit von Ockhams Rasiermesser über den Erfindungsreichtum der Hypothese? Die Antwort lautet, dass Wissenschaftler sich vor "Just-so"-Geschichten fürchten. Mit dieser Anspielung auf Kipling sei auf eine uralte Antipathie der Wissenschaft verwiesen, auf die Abneigung gegen alles Teleologische. Gibt es unter den Wissenschaftlern, die sich ideologisch den unendlich paraphrasierbaren Universalbegriffen verpflichtet fühlen, ein Misstrauen gegenüber der Partikularität der Sprache? Anhand von Beispielen aus der Molekularbiologie (wo es um die Chemie und Funktionsweise des Ribosoms, einer "intelligenten Biomolekularfabrik", geht oder um die Paarung von Insekten und die Chemie der Pheromone) lässt sich die wissenschaftliche Bevorzugung des Einfachen gegenüber dem Komplexen hinterfragen. Immer wenn dem Menschen etwas Einfaches angeboten wird, greift er zu. Aber was, wenn die aufrichtige Erforschung der realen Welt Komplexität zutage fördert und damit das Einfache als Lüge entlarvt? Die Bedeutung des Geschichtenerzählens für die Wissenschaft ist somit eine psychologische Strategie zur Bewältigung von Komplexität.

Im Vergleich der verschiedenen literarischen Fassungen der Joseph-Legende zeigt sich die gesellschaftliche Wirkungskraft der Literatur. Die hebräische Bibel und der Koran erzählen die Geschichte von Jakobs Sohn Joseph, der nach Ägypten gebracht und an Potiphar, den Obersten der Leibwache des Pharaos, verkauft wurde. Später wurde er zum Objekt der Begierde der Frau seines Herrn und von dieser verraten. Die Geschichte handelt von der lügenhaften Sprache dieser namenlosen Frau, die behauptet, Joseph habe sie verführen wollen, nachdem dieser sich geweigert hat, ihr Begehren zu erfüllen. Die Versionen der Geschichte, wie sie die Bibel und der Koran erzählen, thematisieren den Zusammenhang von Lügen, Geschichtenerzählen und Moral, literarischer und theologischer Analyse und sind Ausweis der ethischen Dimension kulturellen Lebens. Zu den beiden religiösen Versionen der Geschichte tritt eine dritte: Thomas Manns Roman Joseph und seine Brüder.

Wodurch werden Geschichten kanonisch, und was bewirkt dieser kanonische Status? In der Version der Geschichte, wie sie die hebräische Bibel erzählt, ist Joseph nur ein Instrument, wie die anderen Bediensteten auch, und die lügenhafte Frau bedient sich der Argumente des Rassen- und Klassendenkens, um körperliche Erfüllung zu erlangen. Im Koran bedient sich die Frau gegenüber Joseph derselben Lüge und derselben List wie in der Genesis, aber die Geschichte nimmt eine andere Wendung. Außerdem tauchen in dieser Version auch noch andere Frauen als Akteurinnen auf, und als Potiphars liebeskranke Gattin handelt, tut sie es nicht, um Joseph zu diskreditieren oder ihm zu schaden oder um ihr Begehren zu leugnen, sondern um buchstäblich Sympathie zu wecken, Mitleiden am Begehren.

So wie Thomas Manns Roman in einer säkularisierten Welt Teil des literarischen Kanons ist, besitzt auch die im Koran erzählte Version der Geschichte in ihrer religiösen Funktion Kanonizität. Auf diese Geschichte greift Thomas Mann zurück, um den allzu kargen hebräischen Text ästhetisch zu bereichern. Seine Entscheidung ist ethisch motiviert. Sie ist ein Akt der moralischen Nichtindifferenz. Thomas Manns Darstellung ist ein Versuch, die der Joseph-Geschichte immanente Frauenfeindlichkeit nicht länger zu perpetuieren; Thomas Manns Ästhetik sei keineswegs indifferent gegenüber Ethik, sondern von dieser durchdrungen.

Betrachtet man die verschiedenen Versionen der Joseph-Geschichte im Kontext ihrer eigenen ästhetischen Prämissen, sind alle gleichermaßen literarisch brillant; und in allen hat die literarische Qualität immer auch eine ethische Dimension.

Diese Lesart einer kanonischen, auf einer Lüge der Sprache aufgebauten Geschichte postuliert letztlich, dass es bei der Beurteilung von literarischer Qualität, wie sie die westliche Kultur auch im Rahmen der Kanonbildung definiert, "nicht um das Gute oder Böse an sich geht, denn diese sind kulturell und historisch determiniert, sondern um moralische Nichtindifferenz" - und dieses Konzept sollten wir in der heutigen Gesellschaft, wo der Respekt vor der Differenz leicht mit Indifferenz verwechselt wird, nicht aus den Augen verlieren.

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