Sprachforschung Fluchen tut gut

Eltern tun es, Lehrer auch und Politiker erst recht: Sie kämpfen für eine Welt ohne Kraftausdrücke und fluchen doch selbst - mal mühevoll gedämpft, mal in lautstarken Ausbrüchen. Und das ist gut so, denn Fluchen ist ein menschlicher Urtrieb - und Balsam für die Seele.
Von Sebastian Herrmann

Timothy Boomer paddelte mit seinem Kanu auf dem Rifle River in Michigan, bis ein Gesetz seinem Fortkommen ein Ende setzte. Der Rifle River ist ein eher gemächlicher Fluss, der 25-Jährige kenterte trotzdem und nahm einen ordentlichen Schluck Wasser. Triefend stand der Tropf im hüfthohen Wasser und explodierte in einer Kaskade kräftiger "Fucks". Nachvollziehbar, doch ein Fehler. In Rufweite saß ein Paar mit seinen zwei Kindern in einem Boot, am Ufer standen drei Polizisten. Die Uniformträger werteten die Tirade als jugendgefährdend und prompt musste sich der Schiffbrüchige vor Gericht verantworten. Hatte er doch ein Gesetz aus dem Jahr 1897 übertreten, gut 100 Jahre, nachdem es erlassen wurde.

Seither haben amerikanische Sprachwächter längst nachgelegt: Im Sommer 2004 hat der US-Senat mit 99 zu 1 Stimmen den "Defense of Decency Act" beschlossen, der für jeden verbalen Ausfall im Fernsehen oder Radio eine Buße bis zu 275.000 Dollar vorsieht. Und die Strafen könnten noch härter werden: Derzeit diskutieren die Abgeordneten, ob pro gesendetem "Shit" oder "Fuck" im Wiederholungsfall sogar 500.000 Dollar Bußgeld fällig werden soll. Und nicht nur in den USA rüstet die Sprachpolizei auf. In der polnischen Stadt Elblag stellte der Bürgermeister den öffentlichen Gebrauch von Kraftausdrücken unter Strafe. Das russische Parlament verbot sich 2003 selbst das Fluchen, im südrussischen Belgorod nimmt die Polizei mit Schimpfstrafzetteln jährlich tausende Euro ein. Im niederländischen Ort Helmond galt fast 20 Jahre lang ein öffentliches Fluchverbot, 2004 beriet der Rat von Gouda über eine vergleichbare Regelung.

Streiter für eine Rückbesinnung auf angeblich sittlichere Zeiten gibt es überall, doch Psychologen, Linguisten und Gehirnforscher winken ab: Es hat niemals so etwas wie ein Sprachparadies gegeben, aus dem wir Menschen nach einem verbalen Sündenfall vertrieben wurden. Sprachwächter, die das Fluchen ausrotten wollen, jagen einer Utopie nach. Fluchen ist ein menschlicher Urtrieb, der in der neuronalen Struktur des Hirns verankert ist. Menschen werden immer Brachialvokabeln verwenden, "und das ist gut so, denn Schimpfen befreit", sagt Timothy Jay, Psychologe und Fluchexperte am Massachusetts College of Liberal Arts.

Jede Sprache auf Erden, jeder Dialekt, der jemals studiert wurde, wartet mit einem prall gefüllten Arsenal an Flüchen auf. Im Deutschen greifen erzürnte Menschen vor allem auf fäkalen Sprachunrat zurück, in Holland, Amerika und Großbritannien stammen die meisten Kraftausdrücke aus dem Universum sexueller Körperfunktionen, während wütende Skandinavier den Teufel und andere religiös aufgeladene Wesen ins Spiel bringen. In Russland könnte einem ein "Geh doch zum Schwanz!" entgegenfliegen, ein aufgebrachter Perser droht einem möglicherweise, "in den Bart zu furzen" und ist ein Ire außer sich, grollt er gerne, dass einem doch "die Scheiße auf dem Kopf explodieren" möge.

Flüche waren und sind universell. So berichtet Guy Deutscher, Linguist an der Universität im niederländischen Leiden und Autor des Buchs "The Unfolding of Language: An Evolutionary Tour of Mankind's Greatest Invention" von Schmähungen, die nach Generationen mündlicher Überlieferung bereits vor über 5000 Jahren niedergeschrieben wurden. Im alten Ägypten meißelten die Menschen Verwünschungen in Hieroglyphen. Der römische Dichter Catull garnierte viele seiner Gedichte - jene, die im Lateinunterricht der elften Klasse ausgespart werden - mit sexuell und fäkal expliziten Phrasen.

William Shakespeare, Martin Luther und Mark Twain waren Freunde deftiger Sprache. "Schlag ihn tot, den Hund!", drohte Johann Wolfgang von Goethe einem Kritiker, der eines seiner Werke verrissen hatte, und Wolfgang Amadeus Mozart unterzeichnete Briefe gerne mit "Herzlichst Ihr Süssmaier Scheißdreck". Ebenfalls schon zu den Klassikern zählt die Provokation Joschka Fischers, der 1984 den Bundestags-Vizepräsidenten Richard Stücklen (CSU) anfuhr: "Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch." Es war bei weitem nicht das einzige Schimpfwort, das in den Protokollen des Bundestags vermerkt ist.

Verbale Tabus werden quer durch alle sozialen Schichten gebrochen. Der Metzger flucht nicht mehr als der Chirurg, die Verkäuferin nicht weniger als die Marketingleiterin. Zehn Prozent des Wortschatzes, aus dem wir alltäglich während der Arbeit schöpfen, sind Schimpfwörtern vorbehalten, hat Timothy Jay ermittelt; im arbeitsfreien Alltag seien es nur fünf Prozent.

Dabei spielt auch das Geschlecht nur eine untergeordnete Rolle. Männer neigen zwar dazu, etwas mehr zu schimpfen als Frauen, zeigt schon die Alltagserfahrung. Doch nachdem der Linguist Thomas Murray von der Kansas State Universität 4000 Schüler und Schülerinnen an einer amerikanischen Highschool belauschen ließ, stand ein Ergebnis fest: Egal ob Bengel oder Göre, verbale Fetzen fliegen auf jeden Fall.

Kein Wunder, eignen wir uns doch die Grundlagen unseres Kraftwortschatzes schon an, kaum dass wir erste Worte artikulieren können. Kleine Kinder merkten sich die verpönten Begriffe lange, bevor sie ihren eigentlichen Sinn begreifen, erklärt John McWhorter, Linguist am Manhattan Institut. "Man kann diesen Lernprozess als klassische Konditionierung bezeichnen", sagt Timothy Jay. Ein Reiz wird mit einer Belohnung in Verbindung gebracht. Die Kleinkinder lernen durch die entsetzte Reaktion ihrer Eltern schnell, dass ihnen Kraftausdrücke eine Waffe in die kleinen Münder legen, mit der sie sich absolute Aufmerksamkeit erkämpfen.

Für die Aufrüstung sind die Eltern mitverantwortlich. Ihre Zensur lade Kraftausdrücke emotional auf, fast so, als trügen sie eine linguistische Gesundheitswarnung wie Zigarettenschachteln, sagt die australische Sprachforscherin und Co-Autorin des Buches "Forbidden Words: Taboo and the Censoring of Language", Kate Burridge.

Die früh erlernten Tabuvokabeln finden in der neuronalen Architektur des Hirns auch eine andere Heimat als neutrale Wörter: Scans mit Kernspintomografen und Positronen-Emissions-Tomografen zufolge landen Schimpfwörter im limbischen System, dem etwa walnussgroßen animalischen Zentrum des Gehirns. In diesem Bereich lagern unsere Emotionen und eben auch das Reservoir an Kraftausdrücken. Die verbale Vernunft sitzt im präfrontalen Cortex, dem neuronalen Zensor, der das Tier im Hirn überwacht.

Emotionsstau im Hirn: Warum das Denkorgan die Kraftausdrücke manchmal nicht mehr zurückhalten kann - und warum es gesund ist, verbal Dampf abzulassen

Die amerikanischen Neurologen Adam Anderson und Elizabeth Phelps nehmen an, dass Schimpftiraden dann aus Menschen hervorbrechen, wenn die höheren Regionen des Hirns den Emotionsstau im limbischen System nicht mehr zurückhalten können. Bei Tourette-Patienten, die oft dem Zwang unterworfen sind, gegen ihren Willen schwallweise Beschimpfungen auszustoßen, scheinen genau die neuronalen Regionen geschädigt zu sein, die den Drang im Zaum halten, Kraftausdrücke herauszuschleudern. "Welche Wörter der Betroffene dann herausschreit, ist durch das soziale Umfeld definiert", sagt Timothy Jay. Dabei gilt: Je stärker das jeweilige verbale Tabu ist, desto heftiger scheint der Drang, es zu verletzen.

Unser Bedürfnis zu fluchen ist so tief in der Architektur unseres Hirns verankert, dass dies die sprachliche Fähigkeit ist, die am längsten erhalten bleibt. In Studien mit Alzheimerpatienten und Demenzkranken hat Timothy Jay eine verblüffende Entdeckung gemacht: "Menschen, die an diesen Krankheiten leiden, können auch dann noch mit Schimpfwörtern um sich werfen, wenn sie schon lange die Namen ihrer Verwandten vergessen haben und ihr Vokabular massiv eingeschränkt ist."

Das ist offenbar Ergebnis eines lebenslangen Lernprozesses. Auch im Erwachsenenalter merken wir uns tabuisiertes Vokabular wesentlich besser als neutrale Alltagsbegriffe. So bekamen die Probanden des Psychologen Donald MacKay von der University of California in Los Angeles tabuisierte und neutrale Wörter vorgesetzt. An ein "Shit" konnten sich Testpersonen durchweg besser erinnern als etwa an "Chair" (Stuhl).

Ein weiteres Ergebnis faszinierte MacKays Team noch mehr: Als die Wörter in verschiedenen Schriftfarben an die Wand projiziert wurden, sollten die Probanden laut und so schnell wie möglich die Farbe benennen. Bei Schimpfwörtern brauchten die Testpersonen erheblich länger, um die Aufgabe zu lösen als bei neutralen Begriffen. Ein weiteres Indiz, dass Schimpfwörter im Hirn spezialisierten Prozessen unterworfen sind.

Bei ähnlichen Versuchen stellten Forscher auch fest, dass sich bei Testpersonen, die sich Schimpfwörter anhören mussten, nicht nur im übertragenen Sinne die Nackenhaare aufstellten. Der Puls der Geschmähten beschleunigte sich, die Atmung wurde flacher, die elektrische Leitfähigkeit der Haut veränderte sich - Anzeichen einer heftigen emotionalen Reaktion. So ist auch die Gegenwehr der Sprachpolizisten und Fluchgegner unter physiologischen Gesichtspunkten nachvollziehbar, sie sind angesichts derben Vokabulars echtem Stress ausgesetzt.

Trotzdem gilt es als sicher, dass selbst puritanische Sittenwächter in Stresssituationen selbst gesetzte Verbaltabus brechen würden. Denn Psychologen, Psycholinguisten und Fluchforscher, die sich auch als Malediktologen bezeichnen, beten mantrahaft eine positive Funktion des Schimpfens im Affekt vor: Fluchen befreit und baut Stress ab. Ein reinigendes Wörterausscheiden, das seine befreiende Wirkung in vielerlei Situationen entfalten kann. Zum Beispiel am Steuer: Bei kaum einer Tätigkeit fluchen wir so viel wie beim Autofahren.

Das Gleiche gilt für Stress am Arbeitsplatz. So haben die Mediziner Fausto Palazzo und Orlando Warner in einer Studie im British Medical Journal einen Beleg für einen alten Ärzte-Mythos vorgelegt. In Operationssälen ist demnach im Durchschnitt alle 51,4 Minuten mit einem Kraftausdruck aus dem Mund des Chirurgen zu rechnen. Und hat ein Orthopäde, der an allerlei Gelenken besonders komplizierte Schnitte setzen muss, das Skalpell in der Hand, steigt die Fluchfrequenz - auf einen Verbalausfall auf alle 29 Minuten. Dabei gilt: Je länger die Operation dauert, je größer der Stress, desto höher die Zahl der Schimpfwörter.

Ähnlich gehen chronische Schmerzpatienten mit ihrer Anspannung um, hat Anita Unruh, Professorin der medizinischen Fakultät an der kanadischen Dalhousie Universität, herausgefunden. Männer wie Frauen gaben immer wieder eines an: Sie schreien ihre Wut, ihren Schmerz heraus. Sie zetern, schimpfen, verwünschen.

Auch Affen können ein Verhalten zeigen, das sich als eine Art zu schimpfen interpretieren lässt. "Wenn Schimpansen frustriert sind oder sich weh getan haben, dann zeigen sie oft aggressive Gesten", sagt der Primatenforscher Frans de Waal von der Emory Universität in Atlanta. Sie grunzen, sie knurren, trommeln auf den Boden oder rütteln an Ästen - zumindest wenn sie, auf sich gestellt, mit Frustration oder mit körperlichem Schmerz zurechtkommen müssen. Bei frustrierten Affen, die sich gerade in einer Gruppe aufhalten, hat Frans de Waal dagegen häufig gefährlicheres Verhalten beobachtet: Die Tiere greifen den nächstbesten rangniederen Artgenossen an und ziehen ihm eins über. Ihnen fehlt einfach die Sprache, die es ihnen ermöglicht, ihr Gegenüber stattdessen mit einer Dusche von Flüchen zu begießen.

Seien wir also froh, dass uns fäkale, sexuelle oder sonst wie derbe Ausdrücke zur Verfügung stehen. Wenn das limbische System im Affekt den Fluch am neuronalen Zensor vorbeischleust, schlagen wir nicht zu. Der Kessel lässt Dampf ab, egal wie stark der Koch den Deckel festhält, und bleibt danach ruhig. Der amerikanische Vizepräsident Dick Cheney hat dafür 2004 im US-Senat ein Beispiel geliefert, für das Timothy Jay sehr dankbar ist. "Mein Lieblingsbeispiel", sagt der Psychologe. Der US-Senat hatte eben den "Defense of Decency Act" verabschiedet. Die Senatoren, Dick Cheney und andere hochrangige Politiker schritten darauf zu einem offiziellen Fototermin.

Auf dem Weg provozierte der demokratische Senator Patrick Leahy den Vizepräsidenten mit einigen Fragen zu dessen Verbindungen zum Konzern Halliburton, den Cheney früher geleitet hatte. Aus dem Gespräch wurde schnell ein Streit und schließlich schnellte ein Satz aus der Tiefe des limbischen Systems des Vizepräsidenten, der so gar nicht zum eben beschlossenen Gesetz passte: "Go fuck yourself." Danach habe er sich besser gefühlt, hieß es.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.