Sprachforschung Wer spricht noch wie Käpt'n Blaubär?

"S-teife Brise": Die norddeutsche Eigenart, den S-Laut im "st"  und "sp" einzeln zu sprechen, droht auszusterben. Sprachforscher bemerken einen allgemeinen Rückgang der Dialekte.

Käpt'n Blaubär und Hein Blöd: Ihr Dialekt ist in Gefahr
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Käpt'n Blaubär und Hein Blöd: Ihr Dialekt ist in Gefahr


Bei Loki Schmidt, Heidi Kabel und Günter Gaus war noch zu hören, wie sich Klein Erna den Hamburger Dialekt vorstellt. Ganz vornehm trennten sie "s-t" und "s-p", wo sonst ein "sch" zu hören ist. Norddeutsche wie auch Altkanzler Helmut Schmidt werden gern damit aufgezogen, dass die gelegentlich über den s-pitzen S-tein s-tolpern. Doch nun droht die hanseatische Eigenheit aus dem Niederdeutschen auszusterben. Die Hamburger Urgesteine seien "die letzte Generation", die noch so spricht, sagt Michael Elmentaler, Professor für Germanistik an der Uni Kiel.

Ursprünglich wurde im ganzen norddeutschen Raum das "s" von "p" und "t" getrennt, auch in Städten wie Hannover war das normal. Im 19. Jahrhundert breitete sich dann die süddeutsche "schp/scht"-Variante aus. In der Linguistik heißt diese palatal, sie liegt am vorderen Gaumen. Bei Schmidt ist es die alveolare Sprechweise, die an die Zähne "s-tößt". Diese hat sich möglicherweise in Hamburg am längsten gehalten, wie Elmentaler sagt. Und: "Viele sprechen so, wenn sie ins Plattdeutsche wechseln."

Der Germanist verweist auf eine Untersuchung, die schon vor zwölf Jahren belegte, dass bald niemand mehr über den spitzen Stein stolpert. Demnach sprachen 1998 noch fast alle befragten über 70-Jährigen so. Bei den unter 61-Jährigen waren es nur noch 30 Prozent, bei den unter 40-Jährigen niemand mehr. Die Entwicklung liegt laut Elmentaler auch an der Entregionalisierung. "Das Hochdeutsch, was in Norddeutschland gesprochen wird, ist weniger regional geprägt als früher."

Dialekte auf dem Rückzug

Dialekte gehen insgesamt zurück, was der Forscher bedauert. "Es wird aber nicht dazu kommen, dass alle gleich sprechen." Und mancher pflegt ja auch seine Mundart, so wie Ex-Kanzler Gerhard Schröder, der einen guten "Tach" wünschte. Schön altmodisch hanseatisch klingt noch Käpt'n Blaubär aus dem Kinderfernsehen, gesprochen von Schauspieler Wolfgang Völz.

"Die Tendenz geht im Norden wie im Süden Richtung Standard", bestätigt der Augsburger Professor Werner König. Er begründet diese Entwicklung damit, dass im Beruf die Aussprache wichtiger ist als zu Zeiten, in denen vorwiegend mit den Händen gearbeitet wurde.

Aber was ist die Norm? Laut König ist es ein Klischee, dass in Hannover das "reinste Hochdeutsch" gesprochen wird. Schließlich gäbe es das gar nicht. Er nennt fünf verschiedene Norm-Varianten für das Hochdeutsche, darunter die Bühnenhochsprache und den Standard aus dem Duden.

Und Norddeutsche sollten schon gar nicht auf die Bayern hinabschauen, meint der Sprachwissenschaftler. So verweist er darauf, dass Nordlichter "Pferd" und "Pflanze" ohne P aussprechen. "Natürlich ist das im Sinne der vorhandenen Aussprachelehren falsch." Eine Wertung von Dialekten lehnt König ab. Vorbildlich findet er Norwegen. Dort sei es den Lehrern schon seit 1878 verboten, Kinder wegen ihres Dialekts zu rügen.

Caroline Bock, dpa



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