Sprachvermögen Eine Mutation trennt Mensch und Affe

Im Genlabor haben sich Forscher an den Ursprung der Sprache herangetastet. Offenbar brachte innerhalb der letzten 200.000 Jahre eine schicksalhafte Mutation den Menschen zum Reden.

Von Hans-Arthur Marsiske


Schimpanse: Zwei Unterschiede zum menschlichen Sprach-Gen
Dominik Baur

Schimpanse: Zwei Unterschiede zum menschlichen Sprach-Gen

Die Kommunikation mit einer komplexen Silbensprache ist ein Merkmal, das den Menschen von anderen Lebewesen unterscheidet. Der Frage, wann und wo er diese einmalige Fähigkeit erlangt hat, geht die Wissenschaft auf vielfältiger Weise nach. Einen neuen Weg haben jetzt Forscher des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und der Universität Oxford beschritten: Sie konnten Spuren der Sprachentstehung in den Genen identifizieren.

Wann der Mensch zu sprechen begonnen hat, lässt sich bislang nur sehr grob bestimmen. Hinweise liefern einerseits Knochenfunde, aus denen sich rekonstruieren lässt, ab wann ungefähr die anatomischen Voraussetzungen für die Entwicklung der Sprache vorgelegen haben. Entsprechend geformte Kehlköpfe, Mundhöhlen oder Zungenbeine deuten darauf hin, dass Urmenschen schon vor über hunderttausend Jahren gesprochen haben könnten.

Zum anderen gibt es kulturelle Hinterlassenschaften wie etwa Gräber oder Felsmalereien, die vermuten lassen, dass zur Zeit ihrer Entstehung bereits eine entwickelte Sprache existierte, die eine Verständigung etwa über Glaubensdinge ermöglichte. Den kontrollierten Gebrauch des Feuers halten viele Wissenschaftler ebenfalls ohne Sprache für kaum vorstellbar. Allerdings ist auch der Beginn der Feuernutzung nur schwer zu datieren.

In der britischen Fachzeitschrift "Nature" berichtet das Forscherteam um Svante Pääbo nun von einer neuen Methode, den Beginn des Spracherwerbs auszumachen. Die Wissenschaftler konzentrierten sich hierfür auf das im vergangenen Jahr identifizierte Gen FOXP2 ("forkhead box P2"), das sich auf dem menschlichen Chromosom 7q31 befindet. Von diesem Erbfaktor ist bekannt, dass er eine Rolle bei der Entwicklung des Sprachvermögens spielt: Menschen, bei denen er beschädigt ist, haben Schwierigkeiten, sich sprachlich auszudrücken und Sprache zu verstehen.

Pääbo und Kollegen verglichen dieses Gen bei Menschen, verschieden entwickelten Affen und der Maus. Wie sich zeigte, hat sich das Merkmal im Lauf der Evolution kaum verändert: Nur an drei Stellen unterscheidet sich die menschliche Version von dem entsprechenden Erbfaktor der Maus, an zwei Stellen von dem bei Schimpansen, Gorillas und Rhesusaffen. Hieraus konnten die Forscher ableiten, dass sich während der 130 Millionen Jahre, die den gemeinsamen Vorfahren von Mensch und Schimpanse von der Maus trennen, eine Mutation ereignet hat. Zwei weitere müssen stattgefunden haben, nachdem Mensch und Menschenaffe vor etwa 4,6 bis 6,2 Millionen Jahren eigene Wege einschlugen.

Untersuchungen am Erbgut heute lebender Menschen von allen Kontinenten zeigten an diesen Stellen keinerlei Variation. Die beiden Abschnitte, die das humane Gen von dem des Schimpansen unterscheiden, gehören demnach zum Kern des menschlichen Erbguts und haben dem Menschen offenbar einen selektiven Vorteil gebracht. "Ob dieser Vorteil in der Entwicklung des Sprachvermögens gelegen hat, ist derzeit nur eine Vermutung", sagt Co-Autor Wolfgang Enard. "Angesichts der bekannten Bedeutung des Gens ist es allerdings die naheliegendste."

Auf der Grundlage plausibler Annahmen zum Paarungsverhalten unserer Vorfahren und dem damaligen Bevölkerungswachstum konnten die Wissenschaftler abschätzen, wann die möglicherweise sprachgebenden Mutationen im menschlichen Erbgut fixiert wurden. Die Veränderung muss sich demnach im Lauf der vergangenen 200.000 Jahre ereignet haben - eine Schätzung, die recht gut mit den bisherigen Erkenntnissen zur menschlichen Evolution übereinstimmt.



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