Impfstoff Sputnik V Politisch geimpft

Moskau will seinen Impfstoff an die Ostukraine liefern, gegen den Willen Kiews. In Lateinamerika bekommen immer mehr Länder Sputnik V, auch die EU ist nicht abgeneigt. Der Kreml nutze die Coronakrise politisch aus, meinen Beobachter.
Ankunft des Sputnik-V-Impfstoffes in La Paz, Bolivien.

Ankunft des Sputnik-V-Impfstoffes in La Paz, Bolivien.

Foto: AIZAR RALDES / AFP

Die Verteidiger des russischen Impfstoffes fühlen sich bestätigt: Ein Artikel im »The Lancet«  bescheinigt dem Impfstoff eine Wirksamkeit von 91,6 Prozent. Am Dienstag publizierte das renommierte Fachblatt erste Zwischenergebnisse einer klinischen Phase-III-Studie von Gam-COVID-Vac – auch Sputnik V genannt.

Die ermunternde Botschaft kommt genau richtig: Die russische Regierung verteilt ihren Corona-Impfstoff derzeit auf immer mehr Länder. Darunter sind vor allem Russland-gewogene Staaten wie Venezuela und Bolivien. Am Mittwoch zogen auch Mexiko und Nicaragua nach. In Argentinien wird der Stoff schon seit Wochen verspritzt. Das Land hat seit einem Jahr wieder eine Russland-freundliche Regierung.

Russland liefert seinen umstrittenen Impfstoff auch in Krisengebiete: Der Kreml sagte am Mittwoch, Russland werde die von Separatisten kontrollierten Regionen der Ostukraine mit dem Sputnik-V-Impfstoff versorgen – und das, obwohl die ukrainische Regierung die Verwendung russischer Impfstoffe verboten hat. Da Kiew seit der Annexion der Krim durch Russland im Jahr 2014 mit Moskau im Dauerkonflikt steht, verbot die Ukraine die Verwendung russischer Covid-Impfstoffe vor ein paar Monaten. Kiew setzt auf westliche Impfstoffe. Kremlsprecher Dmitri Peskow erklärte, niemand außer Russland würde in die Region Impfstoff liefern.

Kremls langer Arm in Krankenhäuser und Labors

Seit Monaten ist Sputnik V durch Intransparenz, Misstrauen und fragwürdige Studiendaten in Verruf geraten. Bisher zweifelten Experten daran, dass der russische Corona-Impfstoff wissenschaftlich sauber geprüft wurde. Dennoch hat Russland angeblich bereits mehr als 1,5 Millionen Menschen mit der Vakzine geimpft. Die Veröffentlichung in »Lancet« soll nun als erster Vertrauensbeweis gewertet werden. Denn die Zwischenergebnisse sind »peer reviewed«, also von unabhängigen Expertinnen und Experten geprüft.

Entwickelt wurde Sputnik V vom staatlichen Gamaleja-Forschungszentrum für Epidemiologie und Mikrobiologie, das seinen Sitz in Moskau hat. Im Gegensatz zu den mRNA-Präparaten von Biontech und Moderna handelt es sich bei Sputnik V um einen Vektorimpfstoff. Die Vakzine wird also in einer speziellen Transporthülle, einem harmlosen Adenovirus, verabreicht. In diese Impfviren werden Erbgutstücke von dem Erreger eingebaut, gegen den man impfen will.

Angesehene Forscher aus mehreren Ländern hatten bereits im September die Echtheit der Daten infrage gestellt. Damals verdächtigten sie ihre russischen Kollegen, Daten in Testreihen manipuliert zu haben. »Sicherlich gibt es Korruption auch in der Wissenschaft und Medizin«, erklärt Janis Kluge von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). »Aber, das heißt nicht, dass die Daten des Sputnik-Impfstoffes gefälscht sind.«

Moskaus starke Schulter

Der Kreml versuche laut dem SWP-Wissenschaftler aber, den weltweiten Kampf um Impfstoffe politisch auszuschlachten. »Es wird einfach übertrieben, und es werden viele schöne Fernsehbilder erzeugt«, so Kluge. Das Land habe sich seit Beginn der Pandemie in »Corona-Diplomatie« geübt. »Russland will für viele Länder die starke Schulter sein, an die sie sich anlehnen können«, so Kluge.

Im Eilverfahren hatte Russland Sputnik V als ersten Corona-Impfstoff weltweit für die breite Anwendung freigegeben, ohne das Mittel in klinischen Studien hinreichen zu erproben. Die hastige Genehmigung sorgte international für Kritik.

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Wegen dieses Vorgehens aber könnten schon bald weltweit viele Menschen mit Sputnik V geimpft werden. Die argentinische Regierung verhandelt diese Woche mit Moskau über die Lizenzen. Schon bald könnte das südamerikanische Land den Impfstoff selbst herstellen. Russland produziert zudem bereits in Indien, Brasilien, China und Korea . Man wolle den Ländern einen vollständigen »Technologietransfer« ermöglichen, so der Chef des russischen Direktinvestitionsfonds Kirill Dmitriev gegenüber der argentinischen Tageszeitung »Pagina12 «.

In der EU rechnet Russlandexperte Kluge aber so schnell nicht mit Sputnik V. Dafür fehlten noch wichtige Daten. Außerdem übertreibe Russland seine Produktionskapazitäten.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen äußerte sich nach Angaben aus Parlamentskreisen offen für eine mögliche Zulassung von Sputnik V. Auch Frankreich und Spanien zeigten sich am Mittwoch offen für den Einsatz des Impfstoffes, sollte er den Standards genügen.

Wenn die russischen ebenso wie die chinesischen Hersteller Transparenz zeigten und »alle Daten« zu ihren Vakzinen offenlegten, könnten sie möglicherweise Zulassungen erhalten, wurde von der Leyen von EU-Parlamentariern zitiert.

Zuvor hatte bereits Bundeskanzlerin Angela Merkel eine Zulassung des russischen Impfstoffes nicht ausgeschlossen. Am Mittwoch wurde bekannt, dass Russland derzeit schon mit einem deutschen Pharmaunternehmen verhandelt. Die russischen Hersteller seien in Kontakt mit dem Dessauer Unternehmen IDT Biologika, erklärte das Bundesgesundheitsministerium.

Mit Material von Reuters