Stahl-Imperium Die Krupp-Saga

Von Ralf Berhorst

2. Teil: Mit Eisenbahnen und Waffen zum Erfolg


Doch die Geschäfte gehen schlecht, zu unterschiedlich ist die Qualität des Tiegelstahls, auch weil Krupp immer wieder verschiedene Roheisensorten verwenden muss. Am 8. Oktober 1826 stirbt der 39-Jährige, vermutlich durch Tuberkulose geschwächt, und überlässt seinen Erben eine überschuldete Fabrik.

Sein ältester Sohn, erst 14, soll die Geschäfte weiterführen. Auf Wunsch des Vaters hat Alfried (der sich später Alfred nennen wird) früh die Schule verlassen, um die Geheimnisse der Stahlerzeugung zu erlernen.

Nur sieben Männer arbeiten neben ihm noch in der Gussstahlfabrik. Doch erstaunlich schnell wächst Alfred in die neue Rolle hinein. Er holt sich Rat bei Geschäftsfreunden des Vaters und richtet alle Energie darauf, Tiegelstahl von höchster Qualität zu erzeugen. Jedes Missgeschick eines Arbeiters erzürnt ihn maßlos. Denn Krupp will, dass sein Name bei den Kunden zum Markenzeichen für Qualität wird.

Der Durchbruch kommt mit dem Eisenbahnbau

Schon bald verkaufen sich Meißel, Werkzeuge für Lohgerber und Ringwalzen für Goldschmiede besser – nun auch im Ausland: Stahl für Prägestempel geht an eine russische Münze, zwei Walzen werden bis Brasilien verschifft. Dennoch müssen ihm Verwandte Geld leihen oder für Kredite bürgen. Erst 1837 macht die Gussstahlfabrik endlich Gewinn – und das auch nur für wenige Jahre.

Der Durchbruch kommt mit dem Eisenbahnbau. Früher als andere erkennt Krupp, dass sich hier ein neues Geschäftsfeld öffnet. Er lässt seine Arbeiter Federn, Wagenachsen und Kolbenstangen aus dem Tiegelstahl als Musterstücke schmieden. Um 1850 bestellen Bahngesellschaften die ersten Achsen bei ihm. So ordert die Köln-Mindener Eisenbahn 2400 Tragfedern, 400 Stoßfedern und 325 Achsen. Krupp verdoppelt die Belegschaft, die Gewinne steigen.

Zumal er auch ein genialer Erfinder ist: Bis dahin fertigen Fabrikanten Radreifen für Eisenbahnräder, indem sie Stahlstangen zum Kreis biegen und an den Enden zusammenschweißen lassen. Weil aber die Reifen an der Nahtstelle leicht brechen, entgleisen viele Züge.

1851 entwickelt Krupp neuartige Radreifen – ohne Schweißnaht. Die Idee ist im Grunde einfach: Er lässt in einen schmalen Barren aus Tiegelstahl fast der ganzen Länge nach eine Rille hineinsägen. Mit einem Keil spaltet man den Barren dann in der Mitte vorsichtig auf und weitet die Öffnung bis zu einem Ring, der glühend zu einem kreisrunden, nahtlosen Radreifen geschmiedet wird.

Krupp sichert sich in Preußen, mehreren europäischen Ländern und den USA ein Patent auf die "Bandagen", wie er sie nennt. Zunächst auf acht Jahre befristet, verschafft es ihm eine sichere Einnahmequelle: Er verkauft bald Tausende Radreifen auch an ausländische Bahngesellschaften. 1855 errichtet er ein Walzwerk für die Bandagen sowie eine mechanische Werkstatt. Das Areal der Gussstahlfabrik ist nun fast fünfmal so groß wie im Todesjahr des Vaters.

Krupp ist zupackender als seine Konkurrenten

Über seinen Londoner Agenten hört Krupp von einem neuen Verfahren, flüssigen Stahl schnell und günstig zu erzeugen. Der Engländer Henry Bessemer hat es um 1856 erfunden. Er schmilzt Roheisen und gießt es in einen großen feuerfesten Behälter: die "Bessemerbirne". Mittels Düsen am Boden des Gefäßes presst er Luft durch das flüssige Metall; auf diese Weise verbrennen unerwünschte Bestandteile wie Kohlenstoff, Mangan und Silizium.

Zugleich hält die Verbrennungshitze den Stahl flüssig, sodass er sich gleich in Formen gießen lässt. Er muss also nicht wie Krupps Tiegelstahl als kompakter Gussstahlblock bearbeitet werden. Der Vorteil: Mit Bessemers Methode lässt sich in 20 Minuten so viel Stahl produzieren wie bis dahin an einem Tag.

Wieder ist Krupp zupackender als seine Konkurrenten. Er kauft 1861 die exklusiven Nutzungsrechte für Preußen, baut ein Bessemerwerk und produziert als Erster auf dem Kontinent den neuen Stahl. Um daraus Eisenbahnschienen fertigen zu können, errichtet er 1864 ein weiteres Walzwerk.

Darüber hinaus hat sich Krupp längst einen neuen Absatzmarkt erschlossen: Waffen. Als er 1851 auf der Weltausstellung in London ein stählernes Sechspfünder-Geschütz präsentiert, mögen das viele für bloße Reklame halten – Kanonen fertigt man bis dahin aus Bronze oder Gusseisen. Aber bei Schießversuchen erweisen sich die stählernen Kanonen schnell als praktisch unverwüstlich.

Im Mai 1859 endlich der erste Großauftrag: Preußen bestellt 300 Kanonenrohrblöcke für die gewaltige Summe von 200.000 Talern. Danach machen Rüstungsgüter in manchem Jahr fast die Hälfte des Umsatzes aus. Krupp beliefert jeden, der bestellt – Verträge einzuhalten geht ihm vor Vaterlandsliebe (nur in den 1870er Jahren nimmt er keine Bestellungen aus Frankreich an, dem Erbfeind). Die Geschäfte gehen so blendend, dass Krupp unentwegt bauen muss, um die Aufträge erfüllen zu können. Um 1870 gebietet er über ein Großunternehmen.

Dörfer und Landstädte werden zu Großstädten

Und es ist längst nicht mehr die einzige Fabrik, denn aus der ländlichen Idylle an Ruhr und Emscher ist in wenigen Jahren eine Industrieregion geworden. Im Ruhrgebiet ist eine wirtschaftliche Dynamik entfesselt, die sich selbst in Gang hält und verstärkt.

Der Eisenbahnbau verbraucht riesige Mengen an Stahl; Eisenhütten und Stahlwerke, Dampfmaschinen und Lokomotiven verfeuern Steinkohle, die in Zechen gefördert wird; Bergbaubetriebe bestellen Fördergestänge, Steinbohrer und Hacken aus Stahl; Eisenbahnen wiederum erleichtern den Transport der Kohle und anderer Güter.

Obwohl man im Ruhrgebiet schon im Mittelalter nach Kohle gegraben hat, die hier direkt unter der Erde lag, wird der Rohstoff erst ab den 1830er Jahren industriell gefördert. Um 1850 treiben allein um Essen und das benachbarte Bochum über 150 Zechen ihre Schächte in den Boden, um zu den Flözen vorzustoßen. Nirgendwo sonst in Deutschland wird so viel Steinkohle gefördert: 1860 sind es 4,2 Millionen Tonnen – mehr als viermal so viel wie 20 Jahre zuvor.

Weil die preußische Regierung einen günstigen Eisenbahntarif für Kohletransporte aus dem Ruhrgebiet festsetzt, wird die Steinkohle auch für weiter entfernt produzierende Kunden erschwinglich. Am lukrativsten aber ist es, Hochöfen und Stahlfabriken gleich neben den Steinkohlevorkommen zu bauen. So entstehen zahlreiche Werke in Essen, Bochum, Duisburg und Dortmund, später auch in Oberhausen und Gelsenkirchen.

Dörfer und Landstädte wachsen in kurzer Zeit zu Großstädten heran; immer mehr Menschen ziehen ins Revier – vor allem aus dem Rheinland und aus Westfalen, später auch aus Ostpreußen und Polen. Viele sind ehemalige Tagelöhner aus der Landwirtschaft.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.