Stahl-Imperium Die Krupp-Saga

Von Ralf Berhorst

3. Teil: Für Krupp wird die Fabrik zu einer Lebens- und Schicksalsgemeinschaft


Alfred Krupp stellt ständig ein. Er gibt Annoncen auf, schickt Angestellte auf Reisen, die Arbeiter anwerben. Seine Stahlfabrik an der Chaussee nach Mülheim zählt 1855 bereits 704 Mitarbeiter. In Essen gibt es jedoch nicht genug Wohnungen für sie. Und niemand dort verfügt über ausreichend Kapital, um im großen Stil neue Häuser zu bauen.

So vermieten die Essener den Neubürgern Schlafplätze in Ställen, Schuppen und Dachgeschossen. Wohnten 1840 durchschnittlich acht Menschen in den ein- oder zweistöckigen Häusern, so drängen sich Mitte der 1860er Jahre in manchen Vierteln 18 oder sogar 24 Mieter unter einem Dach.

Die Wohnungsnot in Essen macht es immer schwerer, neue Arbeitskräfte anzulocken – und könnte das Wachstum der Fabrik behindern. Deshalb lässt Krupp 1856 ein Wohnheim für 200 Arbeiter auf dem Werksgelände errichten; eine Art Kaserne mit kargen Schlafsälen, in der eine strenge Hausordnung gilt: Jeder muss Zucht und Ordnung halten und mit "reinen Händen" zu den Mahlzeiten im Speisesaal erscheinen. Dafür sind Kost und Logis billig.

Bis 1863 versechsfacht sich die Zahl von Krupps Arbeitern auf 4229. In jenem Sommer lässt er binnen drei Monaten eine komplette Siedlung hochziehen: neun Häuserblocks, 144 Wohnungen mit jeweils drei oder vier Zimmern; Gas und Wasser liefert die Fabrik. Mit dieser Wohnkolonie beginnt etwas Neues: Für Krupp wird die Fabrik nun zu weit mehr als einem Unternehmen, zu einer Art Lebens- und Schicksalsgemeinschaft.

Der übermächtige Vater kennt nur die Fabrik

Der "Stahlkönig", Protagonist eines neuen Zeitalters, gibt sich mehr und mehr wie ein moderner Lehnsherr, der auf seinem Land seine Leute ansiedelt und sich für sie verantwortlich fühlt: So sichert er seine Arbeiter beispielsweise mit einer betrieblichen Krankenkasse und einer Rentenversicherung ab – viel früher als die meisten anderen Unternehmer in Deutschland.

Krupp selbst wohnt jahrzehntelang mitten auf dem Werksgelände, zuletzt in einem nach eigenen Entwürfen erbauten Gartenhaus, umgeben von Grünanlagen, Gewächshäusern, einem Teich für Kahnfahrten, Reitstall und Reitbahn: eine wunderliche Oase mitten im Qualm und Gestank der Fabrikschlote, in der Krupp gemeinsam mit seiner Frau Bertha und dem 1854 geborenen einzigen Sohn lebt.

Friedrich Alfred ist ein blasses, kränkliches Kind, das im Rauch der Kamine an Asthma erkrankt und fast erdrückt wird von der Bürde, dereinst die Dynastie fortzuführen.

Der übermächtige Vater kennt nur die Fabrik. Während Frau und Sohn langsam zermürbt werden vom Ruß und von den Stößen der mächtigen Dampfhämmer ringsum, die nachts das Porzellan in den Schränken zerbrechen lassen, berauscht sich Krupp daran: "Ich habe zu sorgen, dass meine Schornsteine am Dampfen bleiben", bescheidet er seine Gattin, als die mit ihm ein Konzert besuchen möchte. "Wenn morgen meine Hämmer wieder gehen, habe ich mehr Musik, als wenn alle Geigen der Welt spielen." Und das Getöse wird immer lauter. Denn wie besessen treibt Krupp die Expansion der Fabrik voran. Selbst in der Nacht brütet er über neuen Projekten.

Sozialdemokratische Zeitungen sind ein Kündigungsgrund

Nur für neue Arbeitersiedlungen fehlt zunächst das Geld – Krupp kauft lieber ein Hüttenwerk, um nun selbst Roheisen herzustellen. Erst 1871, als er weitere 2000 Arbeiter einstellt, lässt er 424 neue Wohnungen errichten. Bis 1874 entstehen noch einmal 2128 Unterkünfte. Sämtliche Wohnungen Krupps sind schlicht, aber preiswert, die Mieten nur etwa halb so hoch wie in Essen. Für viele Arbeiterfamilien bedeuten sie eine Verbesserung gegenüber den zumeist elenden Quartieren in der Innenstadt – wenn sie die Bevormundung ertragen.

Denn seine Mieter lässt Krupp durch Verwalter streng überwachen. Wer sozialdemokratische Zeitungen abonniert, dem kann gekündigt werden. Ausziehen muss auch, wer seinen Arbeitsplatz in der Fabrik verliert – und zwar noch am selben Tag. Krupp verlangt Ruhe, Ordnung und Disziplin in seinen Kolonien. Er hat sie wohl mit Bedacht über das gesamte Gelände verstreut, um größere Menschenansammlungen zu vermeiden. Es soll keine Diskussionen, Unruhen, gar Streiks geben.

Als 1872 die Bergarbeiter von 40 Ruhrgebietszechen im Kampf für höhere Löhne und kürzere Schichten in den Ausstand treten, veröffentlicht Krupp einen Aufruf "An die Arbeiter der Gussstahlfabrik" und lässt ihn am Fabriktor aushängen. Darin warnt er seine Männer vor "Untreue und Widerstreben", vor "herumtreibenden Aufwieglern".

Zumal er für Unzufriedenheit keinerlei Anlass sieht: "Es ist im Kreis meiner Unternehmungen dem braven, ordentlichen Arbeiter die Gelegenheit geboten, nach einer mäßigen Arbeitsfrist im eigenen Hause seine Pension zu verzehren – in einem so günstigen Maße wie nirgendwo anders in der Welt."

Krupp will sich um keinen Preis Forderungen abtrotzen lassen. Der Aufruf schließt mit der "Versicherung, dass ich in meinem Hause wie auf meinem Boden Herr sein und bleiben will". Tatsächlich legt niemand in seiner Stahlfabrik die Arbeit nieder, obwohl in der Nachbarschaft 40.000 Mann streiken.

Der 60jährige Patriarch sieht seine Fabrik als eine große Familie. Jeder Arbeiter soll sich ihm in persönlicher "Treue" verpflichtet fühlen. Wer mit den Arbeitervereinen oder den Sozialdemokraten sympathisiert, den schließt Krupp für immer aus dem Verband aus.

Krupps Imperium steht vor dem Kollaps steht

Ohnehin ist er misstrauisch. "Wir brauchen eine Geheime Polizei", schreibt er 1872 an seine Verwaltung, "eine Kontrolle über die Arbeiter, von ihrer Vergangenheit, von ihrem Ursprung her bis zur Gegenwart; ihre Beziehungen, ihr Umgang, ihre Sittlichkeit, Reinlichkeit und Ordnung. Nichts muss uns unbekannt sein vom Mann, von der Frau, von den Kindern." Es bleibt bei dem Plan, doch auch so ist die Kontrolle umfassend genug.

Umgekehrt verpflichtet sich Krupp im "Generalregulativ", einer Art Verfassung der Fabrikstadt, auch künftig Wohnungen, Konsum-Anstalten und Schulen zu bauen, die Betriebskrankenkasse sowie die Pensionskasse zu erhalten – eine Selbstverpflichtung, die den Sozialgesetzen des Reichskanzlers Otto von Bismarck um ein Jahrzehnt vorgreift.

Die Wohltaten liegen in seinem Interesse: Krupp will Personal an sich binden, denn der Umgang mit dem Stahlguss erfordert Umsicht und Erfahrung.

Rund 12.000 Menschen arbeiten 1873 in seiner Fabrik. Sie schuften elf Stunden am Tag, riskieren Gesundheit und Leben an glühenden Tiegeln und tonnenschweren Stahlblocks, ertragen strenge Disziplin und Bevormundung – alles im Glauben daran, dass ihre Stellen, dass Lohn, Brot und Wohnung sicher sind.

Sie wissen nicht, dass Krupps Imperium vor dem Kollaps steht.

Denn auf eine wirtschaftliche Krise ist Krupp nicht vorbereitet, jahrelang hat er keine Rücklagen gebildet, sondern investiert, für immer neue Ankäufe von Maschinen, Zechen und Eisenerzgruben 22 Millionen Mark Schulden aufgenommen. 1873 fehlt plötzlich das Geld für den laufenden Betrieb und die Kredite.

Halbherzig lässt Krupp seine Mitarbeiter mit Banken verhandeln. Die wären eigentlich bereit, dem erfolgreichen Fabrikanten Geld zu leihen. Doch er will weder Einblick in die Bücher gewähren noch Sicherheiten anbieten. Unterhändler fordert er auf, "nicht besorgt zu erscheinen, sondern stolz und frech".

Als sich Mitte März 1873 die Situation weiter verschlechtert, lässt sich Krupp gegenüber seinen Arbeitern nichts anmerken. Wie gewohnt reitet er morgens zwischen den Hallen seiner Fabrikstadt hindurch zur Verwaltungszentrale, wo nur engste Vertraute von dem drohenden Kollaps des Stahlmagnaten wissen.



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