Stahl-Imperium Die Krupp-Saga

Von Ralf Berhorst

4. Teil: Geldmangel: Krupp ist nicht mehr uneingeschränkter Herrscher


Eines Tages findet er ein Schreiben aus Berlin vor: Preußens größte Aktienbank ist bereit, Krupp den gewünschten Kredit zu bewilligen. Doch im letzten Moment schlägt er die rettende Offerte aus – er will sich den Bankiers, die Mitsprache verlangen werden, nicht ausliefern.

Lieber wendet er sich an den Staat und schreibt hochfahrende Gesuche an Reichskanzler Bismarck und Kaiser Wilhelm I.: So sitzt er am 19. März 1873 in seinem Büro und verfasst einen Bittbrief an den deutschen Monarchen. Um auch künftig "zu rascher großer Leistung gerüstet zu bleiben", bräuchte er sofort ein Darlehen über 30 Millionen Mark. Nur dann bliebe sein Werk "vor dem Missbrauch von Kapitalisten bewahrt".

Als stünde ihm dergleichen selbstverständlich zu, erwartet Krupp die Summe als Vorauszahlung auf noch nicht bestellte Geschütze, obwohl der Rüstungsetat für die nächsten Jahre Aufträge für höchstens 15 Millionen Mark vorsieht. Seine Fabrik, argumentiert er, sei mehr als ein übliches Privatunternehmen: als größte Rüstungsschmiede des Reiches geradezu ein "Nationalwerk".

Eine Rezession erfasst den Kontinent

Doch Kriegs- und Marineministerium bewilligen nur Aufträge für zwölf Millionen. Viel zu wenig. Zumal sich die Krise verschärft: Im Mai 1873 brechen in Wien die Börsenkurse ein – auch, weil in Europa zu viel Stahl produziert worden ist. Eine Rezession erfasst den Kontinent.

Krupps Notlage spricht sich schnell herum, auf hohe Kredite kann er bei den Banken inzwischen kaum mehr hoffen. Der Stahlkönig aber ist blind für die Realität und vertraut auf zusätzliche Staatshilfe. Mehrmals spricht er bei Wilhelm I. vor, pocht auf die nationale Bedeutung seines "Etablissements". Vergebens. Schließlich erklärt er sich bereit, eine Anleihe aufzunehmen, überlässt die Verhandlungen entnervt seinen Vertrauten.

Gerettet wird das Unternehmen erst Ende März 1874 durch ein Konsortium mehrerer Banken – ein Bündnis aus der Krupp verhassten Welt reiner Kapitalisten, die nur auf Gewinn und Dividende achten. Der Kaiser hat persönlich Druck ausgeübt, damit es zustande kommt.

Das Konsortium gewährt eine Anleihe von 30 Millionen Mark. Doch um einen hohen Preis: Krupp ist nicht länger unumschränkter Herr im Haus, sondern wird nun von den Banken kontrolliert. Immerhin sehen die Bilanzen jetzt besser aus: Da aus dem Ausland große Rüstungsaufträge eingehen, steigen bald nach der Krise wieder die Gewinne.

So ist auch seine Villa Hügel gerettet, der herrschaftliche Wohnsitz, in den Alfred Krupp erst im Januar 1873 mit Frau und Sohn eingezogen ist. Die Skizzen dazu hat er selbst gezeichnet. Es ist der Palast eines Bürgers und Autodidakten, dem aristokratischer Dünkel zutiefst suspekt ist: sehr groß, doch schlicht eingerichtet, mit einfachen Möbeln und Korbstühlen zwischen schlanken Eisensäulen und nur wenigen Gemälden an den sonst kahlen Wänden.

Deutsche Adelige und Militärs meiden den "Kanonenkönig"

Weil Krupp Brände fürchtet, ist innen nur sparsam Holz verwendet worden. Deshalb – und um die Lungen des kränklichen Sohnes vor Rauch zu schützen – fehlen auch Kamine; eine Zentralheizung wärmt das Haus. Weil die Technik nicht richtig funktioniert, bleibt es jedoch kalt in vielen Zimmern und den zugigen Empfangshallen.

Wilhelm I. und der Schah von Persien kommen zu Besuch, der Regent des Königreichs Hawaii, ein Gesandter Chinas sowie deutsche und europäische Fürsten. Und doch sind große Feste selten; deutsche Adelige und auch die hohen preußischen Militärs meiden den "Kanonenkönig" im abgelegenen Essen, für sie ist der Waffenfabrikant nur ein Händler.

Aus seinem Arbeitszimmer, in dem vor dem Schreibpult ein Reitsattel aufgebockt ist, mischt sich Krupp bis zuletzt mit Hunderten von Briefen, Denkschriften und Telegrammen in das Tagesgeschäft ein. 1879 gelingt es ihm, eine neue Anleihe mit besseren Konditionen zu bekommen, so kann er den Einfluss der Bankiers zurückdrängen: Bald regiert er wieder allein über sein Imperium.

Auch der Sohn Friedrich Alfred Krupp hat sich dem Willen des Vaters zu beugen. Der verbietet lange Zeit das ersehnte Studium der Metallurgie – alles soll der Erbe aus eigener Anschauung und aus Gesprächen mit dem Vater lernen; der will zugleich von seiner Entscheidungsgewalt nicht lassen.

Ermüdet von den vielen Auseinandersetzungen, verlässt Bertha Krupp 1882 ihren Mann. Der Sohn heiratet im selben Jahr, zieht für kurze Zeit in das alte "Gartenhaus" auf dem Fabrikgelände, dann in das Logierhaus der großen Villa. Einsam thront der Patriarch fortan in seinem zugigen Palast auf dem Hügel.

Fünf Jahre später, am 14. Juli 1887, stirbt der 75-jährige Unternehmer, wohl an Erschöpfung und Herzschwäche. Mehr als sechs Jahrzehnte hat er die Geschicke der Gussstahlfabrik bestimmt, sie zu einem Weltunternehmen geformt.

Auf dem Friedhof am Kettwiger Tor wird der "Kanonenkönig" begraben

Und selbst nach seinem Tod führt er noch Regie: Wie von ihm verfügt, tragen Männer der Werksfeuerwehr seinen Sarg um Mitternacht bei Fackelschein aus dem Weißen Saal der Villa Hügel zum Fabrikgelände hinab. Bis zu jenem kleinen Häuschen, in das sein Vater Friedrich einst als gescheiterter Unternehmer einziehen musste und in dem Alfred Krupp selbst 20 Jahre gelebt hat.

Eine letzte Inszenierung der Bescheidenheit – und des triumphalen Aufstiegs.

Am Tag darauf setzt sich der Trauerzug vom "Stammhaus" in Marsch, durch ein Meer schwarzer Fahnen, die an den Kaminen und Werkshallen wehen, und das Spalier von rund 12.000 Arbeitern. Das Feuer in allen Essen ist gelöscht, die Dampfhämmer stehen still, Schweigen liegt über der Fabrikstadt. Auf dem Friedhof am Kettwiger Tor wird der "Kanonenkönig" Alfred Krupp begraben.

Das Unternehmen bleibt in Familienhand. Der 33-jährige Friedrich Alfred führt es weiter, obwohl ihm kaum jemand die Aufgabe zutraut. Doch wie erlöst vom Bann des Vaters, treibt er die Expansion voran, kauft andere Stahlunternehmen, Eisenerzgruben sowie eine Zeche und entwickelt neue Produkte, etwa Panzerplatten aus besonders hartem Nickelstahl. Die Zahl der Arbeiter in der Fabrik an der Chaussee nach Mülheim verdoppelt sich zwischen 1887 und 1900 von 13.044 auf 27.355.

Wie der Vater so der Sohn

Friedrich Alfred behandelt seine Untergebenen nicht anders als der Vater: Herrisch und zugleich fürsorglich, duldet er keinerlei Einfluss von Arbeitervereinen, gründet aber Stiftungen für invalide Arbeiter, überweist den Pensionskassen hohe Summen aus seinem Vermögen.

Die Gussstahlfabrik zahlt höhere Sozialleistungen, als die Gesetze vorschreiben – und wohl mehr als jedes andere deutsche Unternehmen. Friedrich Alfred Krupp lässt neue Wohnsiedlungen errichten und spendet eine Million Mark für Darlehen, mit denen sich Arbeiter ein eigenes Haus kaufen können, sowie für den Bau einer Pensionistensiedlung.

1899 eröffnet er eine Bücherhalle und gründet einen Bildungsverein für Vorträge, Theateraufführungen und Konzerte – so etwas hätte sein Vater für überflüssige Zerstreuungen gehalten.

Doch alles ist letztlich jenem Geist verpflichtet, aus dem schon Alfred Krupp handelte. Die Wohlfahrtsmaßnahmen sollen die Arbeiter befrieden. Mit Erfolg: Bei der Reichstagswahl 1893 stimmen Bewohner von Krupp-Siedlungen zu über 80 Prozent für die bürgerliche Nationalliberale Partei, die Sozialdemokraten erhalten kaum drei Prozent. Und bis zum Ersten Weltkrieg bleiben Streiks in der Essener Gussstahlfabrik außerordentlich selten.

Als Friedrich Alfred Krupp 1902 stirbt, scheint es endgültig gelungen zu sein, Tausende davon zu überzeugen, dass die Fabrikstadt an der Chaussee nach Mülheim mehr ist als nur ein kapitalistisches Unternehmen. Für viele Arbeiter ist sie offenbar wirklich eine Art Familienverband geworden.

Immer häufiger nennen sich die Männer nun "Kruppianer".



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