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03. Mai 2008, 08:24 Uhr

Stahl-Imperium

Die Krupp-Saga

Von Ralf Berhorst

Es ist ein Imperium der Neuzeit: Alfred Krupp schmiedet innerhalb von zwei Jahrzehnten das größte Industrieunternehmen Europas. Eisenbahn und Krieg machen ihn reich. Krupp, die Fabrik und seine Arbeiter verschmelzen zu einer Lebens- und Schicksalsgemeinschaft.

Alfred Krupp ist ein Fürst eines neuen Zeitalters: Herr über Stahl und Kohle. General einer Armee aus Tausenden Arbeitern, von denen er bedingungslosen Gehorsam verlangt. Eroberer von Märkten in fernen Ländern. Produzent von Geräten, die ungeheuren Reichtum, von Waffen, die tausendfachen Tod bringen können. Alfred Krupp, 60 Jahre alt, Mythos schon zu Lebzeiten, Freund des Kaisers und anderer Staatsoberhäupter, Feind der Sozialisten und Gewerkschafter, Chef des größten Industrieunternehmens Europas.

Und ein Unternehmer, der kein Risiko scheut. Der zur Not bereit ist, sein Vermögen und die materielle Sicherheit Tausender aufs Spiel zu setzen.

Frühjahr 1873: Alfred Krupp reitet frühmorgens zur Arbeit, wie fast jeden Tag. Hager und hochgewachsen sitzt er im Sattel, die Klappmütze aufgesetzt, in engem Jackett und mit kniehohen Stiefeln. Trabt hinab von seiner Villa Hügel mit ihren 269 Zimmern, hoch über dem Essener Baldeneysee, zu seiner zehn Kilometer entfernten Gussstahlfabrik.

Schon von Weitem kann Krupp sein Reich sehen, eingehüllt in eine Wolke aus Rauch und Dampf. Mehr als 40 Wassertürme und Kamine ragen aus dem Dunst empor, einige von ihnen höher als die Kirchtürme von Essen: jener Stadt, die wie ein Anhängsel der Fabrik wirkt.

Fast 12.000 Arbeiter beschäftigt Alfred Krupp hier. Sein Werk hat eine eigene Gasversorgung und Wasserpumpstation, Feuerwehr und Polizei, ein Hospital, Läden und eine eigene Eisenbahn.

Als der Patriarch in die Chaussee nach Mülheim einbiegt, die mitten durch das Fabrikgelände verläuft, reitet er an rußgeschwärzten Hallen und Werkstätten aus Backstein vorüber, eiserne Dampfrohre überspannen den Weg. Männer in derber Kleidung, die mit Handkarren Werkstücke zum Güterbahnhof ziehen, grüßen ihn ehrfürchtig. Jeden Morgen gegen sechs eilen Tausende Arbeiter zum Werkstor – denn wer mehr als fünf Minuten zu spät kommt, dem lässt Krupp den Lohn für eine Stunde abziehen; das Geld kommt in die Betriebskrankenkasse.

In den Hallen schmelzen die Männer Roheisen, sie schmieden und walzen Räder und Achsen für Eisenbahnen, Schienen, Kurbelwellen und Kanonen aus Gussstahl. In Hitze, Gestank, Lärm und Schmutz.

Vor allem bei den Schmelzöfen ist es unerträglich heiß – andererseits frieren die Arbeiter in den zugigen Fabrikhallen, denn stets sind Dachluken aufgestellt, damit Luft hereinströmt. Immer wieder verbrennen sich die Männer, die mit Zangen die Tiegel ausgießen, am flüssigen Metall. Gibt es sogar Tote.

Züge rumpeln über die Schienen, Signalpfeifen der Lokomotiven gellen. Der Boden der Fabrikstadt vibriert unter den Schlägen Dutzender kleiner und großer Dampfhämmer. Und manchmal zittert die Erde wie bei einem Beben: Dann fährt der größte Dampfhammer der Welt mit 600 Zentner Fallgewicht auf einen glühenden Gussstahlblock nieder, um daraus je nach Auftrag ein Geschützrohr oder eine Antriebswelle zu formen.

Für Alfred Krupp sind Lärm, Gestank und Ruß ein belebendes Elixier. Denn sie künden von Größe und künftiger Expansion. Sein Gewinn hat sich in den vorangegangenen zehn Jahren fast verneunfacht, auf mehr als 10,6 Millionen Mark.

"Solange als ich lebe, werde ich immer treiben"

Doch geht es Krupp überhaupt um Geld und um Gewinn? Fast jede Mark hat er in Eisenerzgruben oder neue Fabrikhallen oder noch mehr Maschinen gesteckt. Hat Millionenkredite aufgenommen, um noch schneller, noch stärker, noch grenzenloser zu wachsen. Bankiers und "Kapitalisten", die nur auf die Dividende sehen, verachtet der Unternehmer. "Solange als ich lebe, werde ich immer treiben", notiert Krupp. Aber wohin wird er treiben? Denn im Frühjahr 1873 geht es für ihn plötzlich nicht mehr um Wachstum, sondern um die Existenz. Die Preise für Stahlerzeugnisse fallen, Krupps Gewinne schrumpfen schlagartig fast auf null. Zugleich muss das Unternehmen die hohen Kredite tilgen.

Krupp führt sein Pferd an diesem Morgen zum Verwaltungsgebäude. Nur wenige leitende Angestellte außer ihm wissen, wie es wirklich um das Unternehmen bestellt ist. Das Heer der Arbeiter in den Werkshallen ahnt nicht, dass Krupps Fabrikstadt kurz vor dem Zusammenbruch steht.

Sechs Jahrzehnte zuvor ist Essen noch von Wiesen und Äckern umgeben. 1811 hat Alfreds Vater Friedrich Krupp dort mit zwei Teilhabern eine Fabrik gegründet. Der Kaufmann will einen widerstandsfähigen Spezialstahl produzieren, wie ihn bis dahin nur Experten im englischen Sheffield herzustellen verstehen.

Die Briten haben bereits 1740 erstmals Roheisen in einem feuerfesten Tontiegel eingeschmolzen – so setzten sich Schlacken, die das Material spröde gemacht hätten, oben ab. Das flüssige Metall ließ sich zu einem Block ausgießen, mit Hammerschlägen härten und in die gewünschte Form schmieden.

Messerklingen aus solchem Gussstahl sind besonders haltbar, aber das Verfahren ist aufwendig, teuer und: geheim. Friedrich Krupp versucht es nachzuahmen. Es kommt beim Schmelzen und Gießen auf viele Details an, etwa die Beschaffenheit des Tiegels oder das verwendete Roheisen – und niemand hat die chemischen Prozesse wirklich erfasst. Vieles beruht auf Erfahrung oder Zufall.

So gelingt es Krupp erst nach fünf Jahren (inzwischen hat er sich von seinen Teilhabern getrennt), brauchbaren Tiegelstahl für Münzstempel, Schuhmacher- und Sattlermesser oder Walzen zu produzieren. Befeuert von diesem Erfolg, erwirbt er Ende 1818 ein Grundstück, eine Viertelstunde westlich von Essen, und errichtet dort einen Schmelzbau mit acht Öfen sowie ein großes Fabrikgebäude – die Keimzelle der späteren Kruppstadt.

Mit Eisenbahnen und Waffen zum Erfolg

Doch die Geschäfte gehen schlecht, zu unterschiedlich ist die Qualität des Tiegelstahls, auch weil Krupp immer wieder verschiedene Roheisensorten verwenden muss. Am 8. Oktober 1826 stirbt der 39-Jährige, vermutlich durch Tuberkulose geschwächt, und überlässt seinen Erben eine überschuldete Fabrik.

Sein ältester Sohn, erst 14, soll die Geschäfte weiterführen. Auf Wunsch des Vaters hat Alfried (der sich später Alfred nennen wird) früh die Schule verlassen, um die Geheimnisse der Stahlerzeugung zu erlernen.

Nur sieben Männer arbeiten neben ihm noch in der Gussstahlfabrik. Doch erstaunlich schnell wächst Alfred in die neue Rolle hinein. Er holt sich Rat bei Geschäftsfreunden des Vaters und richtet alle Energie darauf, Tiegelstahl von höchster Qualität zu erzeugen. Jedes Missgeschick eines Arbeiters erzürnt ihn maßlos. Denn Krupp will, dass sein Name bei den Kunden zum Markenzeichen für Qualität wird.

Der Durchbruch kommt mit dem Eisenbahnbau

Schon bald verkaufen sich Meißel, Werkzeuge für Lohgerber und Ringwalzen für Goldschmiede besser – nun auch im Ausland: Stahl für Prägestempel geht an eine russische Münze, zwei Walzen werden bis Brasilien verschifft. Dennoch müssen ihm Verwandte Geld leihen oder für Kredite bürgen. Erst 1837 macht die Gussstahlfabrik endlich Gewinn – und das auch nur für wenige Jahre.

Der Durchbruch kommt mit dem Eisenbahnbau. Früher als andere erkennt Krupp, dass sich hier ein neues Geschäftsfeld öffnet. Er lässt seine Arbeiter Federn, Wagenachsen und Kolbenstangen aus dem Tiegelstahl als Musterstücke schmieden. Um 1850 bestellen Bahngesellschaften die ersten Achsen bei ihm. So ordert die Köln-Mindener Eisenbahn 2400 Tragfedern, 400 Stoßfedern und 325 Achsen. Krupp verdoppelt die Belegschaft, die Gewinne steigen.

Zumal er auch ein genialer Erfinder ist: Bis dahin fertigen Fabrikanten Radreifen für Eisenbahnräder, indem sie Stahlstangen zum Kreis biegen und an den Enden zusammenschweißen lassen. Weil aber die Reifen an der Nahtstelle leicht brechen, entgleisen viele Züge.

1851 entwickelt Krupp neuartige Radreifen – ohne Schweißnaht. Die Idee ist im Grunde einfach: Er lässt in einen schmalen Barren aus Tiegelstahl fast der ganzen Länge nach eine Rille hineinsägen. Mit einem Keil spaltet man den Barren dann in der Mitte vorsichtig auf und weitet die Öffnung bis zu einem Ring, der glühend zu einem kreisrunden, nahtlosen Radreifen geschmiedet wird.

Krupp sichert sich in Preußen, mehreren europäischen Ländern und den USA ein Patent auf die "Bandagen", wie er sie nennt. Zunächst auf acht Jahre befristet, verschafft es ihm eine sichere Einnahmequelle: Er verkauft bald Tausende Radreifen auch an ausländische Bahngesellschaften. 1855 errichtet er ein Walzwerk für die Bandagen sowie eine mechanische Werkstatt. Das Areal der Gussstahlfabrik ist nun fast fünfmal so groß wie im Todesjahr des Vaters.

Krupp ist zupackender als seine Konkurrenten

Über seinen Londoner Agenten hört Krupp von einem neuen Verfahren, flüssigen Stahl schnell und günstig zu erzeugen. Der Engländer Henry Bessemer hat es um 1856 erfunden. Er schmilzt Roheisen und gießt es in einen großen feuerfesten Behälter: die "Bessemerbirne". Mittels Düsen am Boden des Gefäßes presst er Luft durch das flüssige Metall; auf diese Weise verbrennen unerwünschte Bestandteile wie Kohlenstoff, Mangan und Silizium.

Zugleich hält die Verbrennungshitze den Stahl flüssig, sodass er sich gleich in Formen gießen lässt. Er muss also nicht wie Krupps Tiegelstahl als kompakter Gussstahlblock bearbeitet werden. Der Vorteil: Mit Bessemers Methode lässt sich in 20 Minuten so viel Stahl produzieren wie bis dahin an einem Tag.

Wieder ist Krupp zupackender als seine Konkurrenten. Er kauft 1861 die exklusiven Nutzungsrechte für Preußen, baut ein Bessemerwerk und produziert als Erster auf dem Kontinent den neuen Stahl. Um daraus Eisenbahnschienen fertigen zu können, errichtet er 1864 ein weiteres Walzwerk.

Darüber hinaus hat sich Krupp längst einen neuen Absatzmarkt erschlossen: Waffen. Als er 1851 auf der Weltausstellung in London ein stählernes Sechspfünder-Geschütz präsentiert, mögen das viele für bloße Reklame halten – Kanonen fertigt man bis dahin aus Bronze oder Gusseisen. Aber bei Schießversuchen erweisen sich die stählernen Kanonen schnell als praktisch unverwüstlich.

Im Mai 1859 endlich der erste Großauftrag: Preußen bestellt 300 Kanonenrohrblöcke für die gewaltige Summe von 200.000 Talern. Danach machen Rüstungsgüter in manchem Jahr fast die Hälfte des Umsatzes aus. Krupp beliefert jeden, der bestellt – Verträge einzuhalten geht ihm vor Vaterlandsliebe (nur in den 1870er Jahren nimmt er keine Bestellungen aus Frankreich an, dem Erbfeind). Die Geschäfte gehen so blendend, dass Krupp unentwegt bauen muss, um die Aufträge erfüllen zu können. Um 1870 gebietet er über ein Großunternehmen.

Dörfer und Landstädte werden zu Großstädten

Und es ist längst nicht mehr die einzige Fabrik, denn aus der ländlichen Idylle an Ruhr und Emscher ist in wenigen Jahren eine Industrieregion geworden. Im Ruhrgebiet ist eine wirtschaftliche Dynamik entfesselt, die sich selbst in Gang hält und verstärkt.

Der Eisenbahnbau verbraucht riesige Mengen an Stahl; Eisenhütten und Stahlwerke, Dampfmaschinen und Lokomotiven verfeuern Steinkohle, die in Zechen gefördert wird; Bergbaubetriebe bestellen Fördergestänge, Steinbohrer und Hacken aus Stahl; Eisenbahnen wiederum erleichtern den Transport der Kohle und anderer Güter.

Obwohl man im Ruhrgebiet schon im Mittelalter nach Kohle gegraben hat, die hier direkt unter der Erde lag, wird der Rohstoff erst ab den 1830er Jahren industriell gefördert. Um 1850 treiben allein um Essen und das benachbarte Bochum über 150 Zechen ihre Schächte in den Boden, um zu den Flözen vorzustoßen. Nirgendwo sonst in Deutschland wird so viel Steinkohle gefördert: 1860 sind es 4,2 Millionen Tonnen – mehr als viermal so viel wie 20 Jahre zuvor.

Weil die preußische Regierung einen günstigen Eisenbahntarif für Kohletransporte aus dem Ruhrgebiet festsetzt, wird die Steinkohle auch für weiter entfernt produzierende Kunden erschwinglich. Am lukrativsten aber ist es, Hochöfen und Stahlfabriken gleich neben den Steinkohlevorkommen zu bauen. So entstehen zahlreiche Werke in Essen, Bochum, Duisburg und Dortmund, später auch in Oberhausen und Gelsenkirchen.

Dörfer und Landstädte wachsen in kurzer Zeit zu Großstädten heran; immer mehr Menschen ziehen ins Revier – vor allem aus dem Rheinland und aus Westfalen, später auch aus Ostpreußen und Polen. Viele sind ehemalige Tagelöhner aus der Landwirtschaft.

Für Krupp wird die Fabrik zu einer Lebens- und Schicksalsgemeinschaft

Alfred Krupp stellt ständig ein. Er gibt Annoncen auf, schickt Angestellte auf Reisen, die Arbeiter anwerben. Seine Stahlfabrik an der Chaussee nach Mülheim zählt 1855 bereits 704 Mitarbeiter. In Essen gibt es jedoch nicht genug Wohnungen für sie. Und niemand dort verfügt über ausreichend Kapital, um im großen Stil neue Häuser zu bauen.

So vermieten die Essener den Neubürgern Schlafplätze in Ställen, Schuppen und Dachgeschossen. Wohnten 1840 durchschnittlich acht Menschen in den ein- oder zweistöckigen Häusern, so drängen sich Mitte der 1860er Jahre in manchen Vierteln 18 oder sogar 24 Mieter unter einem Dach.

Die Wohnungsnot in Essen macht es immer schwerer, neue Arbeitskräfte anzulocken – und könnte das Wachstum der Fabrik behindern. Deshalb lässt Krupp 1856 ein Wohnheim für 200 Arbeiter auf dem Werksgelände errichten; eine Art Kaserne mit kargen Schlafsälen, in der eine strenge Hausordnung gilt: Jeder muss Zucht und Ordnung halten und mit "reinen Händen" zu den Mahlzeiten im Speisesaal erscheinen. Dafür sind Kost und Logis billig.

Bis 1863 versechsfacht sich die Zahl von Krupps Arbeitern auf 4229. In jenem Sommer lässt er binnen drei Monaten eine komplette Siedlung hochziehen: neun Häuserblocks, 144 Wohnungen mit jeweils drei oder vier Zimmern; Gas und Wasser liefert die Fabrik. Mit dieser Wohnkolonie beginnt etwas Neues: Für Krupp wird die Fabrik nun zu weit mehr als einem Unternehmen, zu einer Art Lebens- und Schicksalsgemeinschaft.

Der übermächtige Vater kennt nur die Fabrik

Der "Stahlkönig", Protagonist eines neuen Zeitalters, gibt sich mehr und mehr wie ein moderner Lehnsherr, der auf seinem Land seine Leute ansiedelt und sich für sie verantwortlich fühlt: So sichert er seine Arbeiter beispielsweise mit einer betrieblichen Krankenkasse und einer Rentenversicherung ab – viel früher als die meisten anderen Unternehmer in Deutschland.

Krupp selbst wohnt jahrzehntelang mitten auf dem Werksgelände, zuletzt in einem nach eigenen Entwürfen erbauten Gartenhaus, umgeben von Grünanlagen, Gewächshäusern, einem Teich für Kahnfahrten, Reitstall und Reitbahn: eine wunderliche Oase mitten im Qualm und Gestank der Fabrikschlote, in der Krupp gemeinsam mit seiner Frau Bertha und dem 1854 geborenen einzigen Sohn lebt.

Friedrich Alfred ist ein blasses, kränkliches Kind, das im Rauch der Kamine an Asthma erkrankt und fast erdrückt wird von der Bürde, dereinst die Dynastie fortzuführen.

Der übermächtige Vater kennt nur die Fabrik. Während Frau und Sohn langsam zermürbt werden vom Ruß und von den Stößen der mächtigen Dampfhämmer ringsum, die nachts das Porzellan in den Schränken zerbrechen lassen, berauscht sich Krupp daran: "Ich habe zu sorgen, dass meine Schornsteine am Dampfen bleiben", bescheidet er seine Gattin, als die mit ihm ein Konzert besuchen möchte. "Wenn morgen meine Hämmer wieder gehen, habe ich mehr Musik, als wenn alle Geigen der Welt spielen." Und das Getöse wird immer lauter. Denn wie besessen treibt Krupp die Expansion der Fabrik voran. Selbst in der Nacht brütet er über neuen Projekten.

Sozialdemokratische Zeitungen sind ein Kündigungsgrund

Nur für neue Arbeitersiedlungen fehlt zunächst das Geld – Krupp kauft lieber ein Hüttenwerk, um nun selbst Roheisen herzustellen. Erst 1871, als er weitere 2000 Arbeiter einstellt, lässt er 424 neue Wohnungen errichten. Bis 1874 entstehen noch einmal 2128 Unterkünfte. Sämtliche Wohnungen Krupps sind schlicht, aber preiswert, die Mieten nur etwa halb so hoch wie in Essen. Für viele Arbeiterfamilien bedeuten sie eine Verbesserung gegenüber den zumeist elenden Quartieren in der Innenstadt – wenn sie die Bevormundung ertragen.

Denn seine Mieter lässt Krupp durch Verwalter streng überwachen. Wer sozialdemokratische Zeitungen abonniert, dem kann gekündigt werden. Ausziehen muss auch, wer seinen Arbeitsplatz in der Fabrik verliert – und zwar noch am selben Tag. Krupp verlangt Ruhe, Ordnung und Disziplin in seinen Kolonien. Er hat sie wohl mit Bedacht über das gesamte Gelände verstreut, um größere Menschenansammlungen zu vermeiden. Es soll keine Diskussionen, Unruhen, gar Streiks geben.

Als 1872 die Bergarbeiter von 40 Ruhrgebietszechen im Kampf für höhere Löhne und kürzere Schichten in den Ausstand treten, veröffentlicht Krupp einen Aufruf "An die Arbeiter der Gussstahlfabrik" und lässt ihn am Fabriktor aushängen. Darin warnt er seine Männer vor "Untreue und Widerstreben", vor "herumtreibenden Aufwieglern".

Zumal er für Unzufriedenheit keinerlei Anlass sieht: "Es ist im Kreis meiner Unternehmungen dem braven, ordentlichen Arbeiter die Gelegenheit geboten, nach einer mäßigen Arbeitsfrist im eigenen Hause seine Pension zu verzehren – in einem so günstigen Maße wie nirgendwo anders in der Welt."

Krupp will sich um keinen Preis Forderungen abtrotzen lassen. Der Aufruf schließt mit der "Versicherung, dass ich in meinem Hause wie auf meinem Boden Herr sein und bleiben will". Tatsächlich legt niemand in seiner Stahlfabrik die Arbeit nieder, obwohl in der Nachbarschaft 40.000 Mann streiken.

Der 60jährige Patriarch sieht seine Fabrik als eine große Familie. Jeder Arbeiter soll sich ihm in persönlicher "Treue" verpflichtet fühlen. Wer mit den Arbeitervereinen oder den Sozialdemokraten sympathisiert, den schließt Krupp für immer aus dem Verband aus.

Krupps Imperium steht vor dem Kollaps steht

Ohnehin ist er misstrauisch. "Wir brauchen eine Geheime Polizei", schreibt er 1872 an seine Verwaltung, "eine Kontrolle über die Arbeiter, von ihrer Vergangenheit, von ihrem Ursprung her bis zur Gegenwart; ihre Beziehungen, ihr Umgang, ihre Sittlichkeit, Reinlichkeit und Ordnung. Nichts muss uns unbekannt sein vom Mann, von der Frau, von den Kindern." Es bleibt bei dem Plan, doch auch so ist die Kontrolle umfassend genug.

Umgekehrt verpflichtet sich Krupp im "Generalregulativ", einer Art Verfassung der Fabrikstadt, auch künftig Wohnungen, Konsum-Anstalten und Schulen zu bauen, die Betriebskrankenkasse sowie die Pensionskasse zu erhalten – eine Selbstverpflichtung, die den Sozialgesetzen des Reichskanzlers Otto von Bismarck um ein Jahrzehnt vorgreift.

Die Wohltaten liegen in seinem Interesse: Krupp will Personal an sich binden, denn der Umgang mit dem Stahlguss erfordert Umsicht und Erfahrung.

Rund 12.000 Menschen arbeiten 1873 in seiner Fabrik. Sie schuften elf Stunden am Tag, riskieren Gesundheit und Leben an glühenden Tiegeln und tonnenschweren Stahlblocks, ertragen strenge Disziplin und Bevormundung – alles im Glauben daran, dass ihre Stellen, dass Lohn, Brot und Wohnung sicher sind.

Sie wissen nicht, dass Krupps Imperium vor dem Kollaps steht.

Denn auf eine wirtschaftliche Krise ist Krupp nicht vorbereitet, jahrelang hat er keine Rücklagen gebildet, sondern investiert, für immer neue Ankäufe von Maschinen, Zechen und Eisenerzgruben 22 Millionen Mark Schulden aufgenommen. 1873 fehlt plötzlich das Geld für den laufenden Betrieb und die Kredite.

Halbherzig lässt Krupp seine Mitarbeiter mit Banken verhandeln. Die wären eigentlich bereit, dem erfolgreichen Fabrikanten Geld zu leihen. Doch er will weder Einblick in die Bücher gewähren noch Sicherheiten anbieten. Unterhändler fordert er auf, "nicht besorgt zu erscheinen, sondern stolz und frech".

Als sich Mitte März 1873 die Situation weiter verschlechtert, lässt sich Krupp gegenüber seinen Arbeitern nichts anmerken. Wie gewohnt reitet er morgens zwischen den Hallen seiner Fabrikstadt hindurch zur Verwaltungszentrale, wo nur engste Vertraute von dem drohenden Kollaps des Stahlmagnaten wissen.

Geldmangel: Krupp ist nicht mehr uneingeschränkter Herrscher

Eines Tages findet er ein Schreiben aus Berlin vor: Preußens größte Aktienbank ist bereit, Krupp den gewünschten Kredit zu bewilligen. Doch im letzten Moment schlägt er die rettende Offerte aus – er will sich den Bankiers, die Mitsprache verlangen werden, nicht ausliefern.

Lieber wendet er sich an den Staat und schreibt hochfahrende Gesuche an Reichskanzler Bismarck und Kaiser Wilhelm I.: So sitzt er am 19. März 1873 in seinem Büro und verfasst einen Bittbrief an den deutschen Monarchen. Um auch künftig "zu rascher großer Leistung gerüstet zu bleiben", bräuchte er sofort ein Darlehen über 30 Millionen Mark. Nur dann bliebe sein Werk "vor dem Missbrauch von Kapitalisten bewahrt".

Als stünde ihm dergleichen selbstverständlich zu, erwartet Krupp die Summe als Vorauszahlung auf noch nicht bestellte Geschütze, obwohl der Rüstungsetat für die nächsten Jahre Aufträge für höchstens 15 Millionen Mark vorsieht. Seine Fabrik, argumentiert er, sei mehr als ein übliches Privatunternehmen: als größte Rüstungsschmiede des Reiches geradezu ein "Nationalwerk".

Eine Rezession erfasst den Kontinent

Doch Kriegs- und Marineministerium bewilligen nur Aufträge für zwölf Millionen. Viel zu wenig. Zumal sich die Krise verschärft: Im Mai 1873 brechen in Wien die Börsenkurse ein – auch, weil in Europa zu viel Stahl produziert worden ist. Eine Rezession erfasst den Kontinent.

Krupps Notlage spricht sich schnell herum, auf hohe Kredite kann er bei den Banken inzwischen kaum mehr hoffen. Der Stahlkönig aber ist blind für die Realität und vertraut auf zusätzliche Staatshilfe. Mehrmals spricht er bei Wilhelm I. vor, pocht auf die nationale Bedeutung seines "Etablissements". Vergebens. Schließlich erklärt er sich bereit, eine Anleihe aufzunehmen, überlässt die Verhandlungen entnervt seinen Vertrauten.

Gerettet wird das Unternehmen erst Ende März 1874 durch ein Konsortium mehrerer Banken – ein Bündnis aus der Krupp verhassten Welt reiner Kapitalisten, die nur auf Gewinn und Dividende achten. Der Kaiser hat persönlich Druck ausgeübt, damit es zustande kommt.

Das Konsortium gewährt eine Anleihe von 30 Millionen Mark. Doch um einen hohen Preis: Krupp ist nicht länger unumschränkter Herr im Haus, sondern wird nun von den Banken kontrolliert. Immerhin sehen die Bilanzen jetzt besser aus: Da aus dem Ausland große Rüstungsaufträge eingehen, steigen bald nach der Krise wieder die Gewinne.

So ist auch seine Villa Hügel gerettet, der herrschaftliche Wohnsitz, in den Alfred Krupp erst im Januar 1873 mit Frau und Sohn eingezogen ist. Die Skizzen dazu hat er selbst gezeichnet. Es ist der Palast eines Bürgers und Autodidakten, dem aristokratischer Dünkel zutiefst suspekt ist: sehr groß, doch schlicht eingerichtet, mit einfachen Möbeln und Korbstühlen zwischen schlanken Eisensäulen und nur wenigen Gemälden an den sonst kahlen Wänden.

Deutsche Adelige und Militärs meiden den "Kanonenkönig"

Weil Krupp Brände fürchtet, ist innen nur sparsam Holz verwendet worden. Deshalb – und um die Lungen des kränklichen Sohnes vor Rauch zu schützen – fehlen auch Kamine; eine Zentralheizung wärmt das Haus. Weil die Technik nicht richtig funktioniert, bleibt es jedoch kalt in vielen Zimmern und den zugigen Empfangshallen.

Wilhelm I. und der Schah von Persien kommen zu Besuch, der Regent des Königreichs Hawaii, ein Gesandter Chinas sowie deutsche und europäische Fürsten. Und doch sind große Feste selten; deutsche Adelige und auch die hohen preußischen Militärs meiden den "Kanonenkönig" im abgelegenen Essen, für sie ist der Waffenfabrikant nur ein Händler.

Aus seinem Arbeitszimmer, in dem vor dem Schreibpult ein Reitsattel aufgebockt ist, mischt sich Krupp bis zuletzt mit Hunderten von Briefen, Denkschriften und Telegrammen in das Tagesgeschäft ein. 1879 gelingt es ihm, eine neue Anleihe mit besseren Konditionen zu bekommen, so kann er den Einfluss der Bankiers zurückdrängen: Bald regiert er wieder allein über sein Imperium.

Auch der Sohn Friedrich Alfred Krupp hat sich dem Willen des Vaters zu beugen. Der verbietet lange Zeit das ersehnte Studium der Metallurgie – alles soll der Erbe aus eigener Anschauung und aus Gesprächen mit dem Vater lernen; der will zugleich von seiner Entscheidungsgewalt nicht lassen.

Ermüdet von den vielen Auseinandersetzungen, verlässt Bertha Krupp 1882 ihren Mann. Der Sohn heiratet im selben Jahr, zieht für kurze Zeit in das alte "Gartenhaus" auf dem Fabrikgelände, dann in das Logierhaus der großen Villa. Einsam thront der Patriarch fortan in seinem zugigen Palast auf dem Hügel.

Fünf Jahre später, am 14. Juli 1887, stirbt der 75-jährige Unternehmer, wohl an Erschöpfung und Herzschwäche. Mehr als sechs Jahrzehnte hat er die Geschicke der Gussstahlfabrik bestimmt, sie zu einem Weltunternehmen geformt.

Auf dem Friedhof am Kettwiger Tor wird der "Kanonenkönig" begraben

Und selbst nach seinem Tod führt er noch Regie: Wie von ihm verfügt, tragen Männer der Werksfeuerwehr seinen Sarg um Mitternacht bei Fackelschein aus dem Weißen Saal der Villa Hügel zum Fabrikgelände hinab. Bis zu jenem kleinen Häuschen, in das sein Vater Friedrich einst als gescheiterter Unternehmer einziehen musste und in dem Alfred Krupp selbst 20 Jahre gelebt hat.

Eine letzte Inszenierung der Bescheidenheit – und des triumphalen Aufstiegs.

Am Tag darauf setzt sich der Trauerzug vom "Stammhaus" in Marsch, durch ein Meer schwarzer Fahnen, die an den Kaminen und Werkshallen wehen, und das Spalier von rund 12.000 Arbeitern. Das Feuer in allen Essen ist gelöscht, die Dampfhämmer stehen still, Schweigen liegt über der Fabrikstadt. Auf dem Friedhof am Kettwiger Tor wird der "Kanonenkönig" Alfred Krupp begraben.

Das Unternehmen bleibt in Familienhand. Der 33-jährige Friedrich Alfred führt es weiter, obwohl ihm kaum jemand die Aufgabe zutraut. Doch wie erlöst vom Bann des Vaters, treibt er die Expansion voran, kauft andere Stahlunternehmen, Eisenerzgruben sowie eine Zeche und entwickelt neue Produkte, etwa Panzerplatten aus besonders hartem Nickelstahl. Die Zahl der Arbeiter in der Fabrik an der Chaussee nach Mülheim verdoppelt sich zwischen 1887 und 1900 von 13.044 auf 27.355.

Wie der Vater so der Sohn

Friedrich Alfred behandelt seine Untergebenen nicht anders als der Vater: Herrisch und zugleich fürsorglich, duldet er keinerlei Einfluss von Arbeitervereinen, gründet aber Stiftungen für invalide Arbeiter, überweist den Pensionskassen hohe Summen aus seinem Vermögen.

Die Gussstahlfabrik zahlt höhere Sozialleistungen, als die Gesetze vorschreiben – und wohl mehr als jedes andere deutsche Unternehmen. Friedrich Alfred Krupp lässt neue Wohnsiedlungen errichten und spendet eine Million Mark für Darlehen, mit denen sich Arbeiter ein eigenes Haus kaufen können, sowie für den Bau einer Pensionistensiedlung.

1899 eröffnet er eine Bücherhalle und gründet einen Bildungsverein für Vorträge, Theateraufführungen und Konzerte – so etwas hätte sein Vater für überflüssige Zerstreuungen gehalten.

Doch alles ist letztlich jenem Geist verpflichtet, aus dem schon Alfred Krupp handelte. Die Wohlfahrtsmaßnahmen sollen die Arbeiter befrieden. Mit Erfolg: Bei der Reichstagswahl 1893 stimmen Bewohner von Krupp-Siedlungen zu über 80 Prozent für die bürgerliche Nationalliberale Partei, die Sozialdemokraten erhalten kaum drei Prozent. Und bis zum Ersten Weltkrieg bleiben Streiks in der Essener Gussstahlfabrik außerordentlich selten.

Als Friedrich Alfred Krupp 1902 stirbt, scheint es endgültig gelungen zu sein, Tausende davon zu überzeugen, dass die Fabrikstadt an der Chaussee nach Mülheim mehr ist als nur ein kapitalistisches Unternehmen. Für viele Arbeiter ist sie offenbar wirklich eine Art Familienverband geworden.

Immer häufiger nennen sich die Männer nun "Kruppianer".

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